Russischer Angriff auf Pryluky: 22 Tote, darunter 5 Kinder

In der Kleinstadt Pryluky beschossen russische Streitkräfte ein Wohngebiet mit sechs Marschflugkörpern. Die Stadt galt bislang als relativ sicher.
Foto: Oleksii Filippov
Mehrere Mädchen im Teenageralter warten seit mehr als zehn Stunden in der Nähe von Trümmern auf Nachrichten über ihre Freundin. Sie ist unter den Resten eines eingestürzten Hauses verschüttet. Seit Mittwochmorgen sitzen sie auf einem Metallgeländer gegenüber einem fünfstöckigen Wohnhaus in Pryluky. Dort sind seit Mittwochmorgen durch einen russischen Angriff zwei Hauseingänge vollständig zerstört worden. Angespannt verfolgen die Jugendlichen den Einsatz der Rettungskräfte.
„Ich glaube nicht, dass sie überlebt hat, denn sie liegt dort seit mehr als zehn Stunden. Aber wir müssen warten – zumindest um zu wissen, dass wir sie beerdigen und uns von ihr verabschieden können“, sagt die 14-jährige Schülerin Anna Skytsko. „Sie heißt Ira und ist 13 Jahre alt. Wir wollen glauben, dass sie einfach geschlafen hat und nicht leiden musste“, fügt Anna hinzu und hält ihre Freundinnen fest an den Händen.
Krieg in der Ukraine
Mit dem Einmarsch im 24. Februar 2022 begann der groß angelegte russische Angriffskrieg auf die Ukraine. Bereits im März 2014 erfolgte die Annexion der Krim, kurz darauf entbrannte der Konflikt in den ostukrainischen Gebieten.
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Am 7. Oktober wurde Pryluky – eine Kleinstadt mit rund 50.000 Einwohnern in der Region Tschernihiw, etwa 150 Kilometer östlich der ukrainischen Hauptstadt Kyjiw gelegen – Ziel eines russischen Raketenangriffs. Die Raketen schlugen gegen sechs Uhr morgens in Wohngebiete ein, während die Menschen noch schliefen. Chaos und Leid sind über das Wohnviertel der Stadt hereingebrochen, dabei gilt Pryluky eigentlich als relativ sicheres Gebiet.
Spielzeug, Kleidung, Bilder und Vorhänge aus den zerstörten Wohnungen wurden durch die Druckwelle in den Bäumen des gesamten Viertels verstreut. Noch vor Mittag strömen Einwohner von Pryluky aus der ganzen Stadt herbei, um die Einsatzkräfte des Katastrophenschutzes dabei zu unterstützen, Menschen aus den Trümmern zu retten. Freiwillige bilden eine Menschenkette und reichen sich Beton- und Metallteile weiter, unter denen ihre Nachbarn und Angehörigen gefangen waren.
Bild: privat
berichtet seit über zehn Jahren für westliche Medien über die Ereignisse an der Front in der Ukraine und humanitäre Fragen im Kriegskontext. Sie ist spezialisiert auf Vor-Ort-Reportagen und Geschichten über Kinder, die unter den Folgen der Kampfhandlungen leiden.
Vor Kummer erstarrt
„Russische Streitkräfte haben Pryluky mit sechs Marschflugkörpern beschossen – ersten Erkenntnissen zufolge handelte es sich um Ch-101-Raketen. Wir haben Hilfsstellen eingerichtet. Dort werden die Betroffenen identifiziert. Natürlich stehen Wasser sowie alle anderen notwendigen Dinge zur Verfügung“, erklärt Wjatscheslaw Tschaus, Leiter der Militärverwaltung des Gebietes Tschernihiw, gegenüber Journalisten am Ort des Geschehens.
Hin und wieder wird die harte Arbeit der Rettungskräfte durch den Ruf eines Mitarbeiters des Katastrophenschutzdienstes unterbrochen: „Ein Krankenwagen, sofort!“ Das bedeutet, dass eine weitere Person gefunden wurde. Sanitäter eilen mit einer roten Trage zu den Trümmern, während Dutzende von Angehörigen unter Tränen und völlig erstarrt auf Neuigkeiten warten.
Aus dem vierten Stock geschleudert und verschüttet
„Die Wucht der Explosion war so gewaltig, dass eine Mutter mit ihrem Kind aus dem vierten Stock geschleudert und von herabstürzenden Gebäudeteilen verschüttet wurden. Die Rettungskräfte hatten schon eine Schweigeminute angeordnet. Da hörten sie eine Frau um Hilfe rufen. Es war die Mutter des Kindes. Sie teilte mit, dass sich auch ihre Tochter dort befinde. Beide wurden gerettet“, sagt Nina Lutsenko, Pressesprecherin des Staatlichen Dienstes für Notfälle (GSChS) des Gebietes Tschernihiw, zu dem Pryluky gehört. Sie steht neben den Rettungskränen, die gerade zerstörte Betonplatten von den oberen Stockwerken abtragen.
Ein Sanitäter trägt die dreijährige Zlata durch Trümmer und Staubwolken auf den Armen, ihren Kopf mit seinem Helm bedeckt. Zlata lebt. Fast umgehend wird sie von einem Rettungswagen fortgebracht.
22 Tote, 54 Verletzte
Binnen eines Tages konnten Rettungskräfte des Staatlichen Katastrophenschutzdienstes 15 Menschen aus den Trümmern bergen. Bis zum Morgen des 8. Oktober stieg die Zahl der Todesopfer jedoch auf 22. Weitere 54 Menschen wurden verletzt.
„Wir schliefen gerade, als draußen plötzlich alles rot leuchtete und man drei Explosionen hören konnte. Wir haben uns mit den Kindern im Badezimmer versteckt; die Fenster sind zerbrochen, die Türen waren blockiert. Zum Glück sind wir noch am Leben“, sagt die 36-jährige Anna Korolewa, während sie ihr Gesicht mit den Händen bedeckt.
„Hier wohnt auch eine befreundete Familie, unsere Töchter sind Klassenkameradinnen. Das Kind liegt im Krankenhaus, und die ganze Familie ist unter den Trümmern begraben.“ Nur mühsam hält Anna die Tränen zurück. „Das ist ein Wohnviertel, hier gibt es keine Militäreinrichtungen oder Fabriken. Was haben die hier nur gemacht?“
Das ist ein Wohnviertel, hier gibt es keine Militäreinrichtungen oder Fabriken
Anna Korolewa, Anwohnerin
Besonders schwer wiegt bei der Tragödie von Pryluky die hohe Zahl getöteter und verletzter Kinder. Das kommt auch daher, dass das attackierte Gebiet dicht besiedelt ist. Dort befinden sich Schulen, Kindergärten und Sportanlagen.
Bewusste Entscheidung für den Terror
„Die Russen wissen gut, dass sie ganz normale Städte angreifen, in denen ganz gewöhnliche Menschen leben. Und der fortgesetzte Einsatz von Raketen gegen die Ukraine, gegen unsere Menschen, unsere Kinder – das ist eine absolut bewusste Entscheidung für den Terror. Genau dafür entscheidet sich Moskau entgegen all unseren Bemühungen, gemeinsam mit unseren Partnern näher zu einem Friedensschluss zu kommen“, schrieb der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj auf seinem Telegram-Kanal als Kommentar zum Angriff auf Pryluky.
In der Stadt wurde für den 7. bis 9. Oktober eine dreitägige Trauer für die Opfer des russischen Angriffs ausgerufen.
„Wir sind alle gemeinsam zu den Tanzkursen im Studio hier in der Nähe gegangen. Wir haben unsere Freundin Ira am Dienstag noch gesehen, sie war fröhlich und machte Witze. Wir möchten, dass alle wissen: Ira war ein guter Mensch, sie hat niemandem etwas Böses getan“, sagt Anna Skytsko. Sie und ihre Freundinnen verlassen den Ort der Tragödie erst, als es langsam dunkel wird.
Aus diesem Grund haben die Mädchen nicht mehr miterlebt, wie Rettungskräfte später in der Nacht im Licht der Scheinwerfer den Leichnam ihrer 13-jährigen Freundin aus den Trümmern bargen. Ira war das fünfte Kind, das in Pryluky ums Leben kam. Sieben weitere Kinder wurden verletzt.
Aus dem Russischen Barbara Oertel und Gaby Coldewey
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