Der 3. Oktober: Das Beste für den Einheitstag ist das Wahlergebnis in Berlin

Der Tag der Deutschen Einheit ist für die meisten Menschen kein besonderer Tag. Angesichts der politischen Entwicklung ist er aber wichtiger denn je.
M al Hand aufs Herz: Wem ist der Tag der Deutschen Einheit wirklich wichtig? Als Ereignis, das Menschen – trotz aller Schwierigkeiten – als Erfolg des Zusammenwachsens von Ost und West feiern. Als Datum, an dem daran erinnert wird, dass es in der DDR eine friedliche Revolution gegeben hat. Als Moment, der vielleicht so etwas wie Stolz auf die jüngste deutsche Geschichte zulässt und möglicherweise einen positiven Blick in die deutsch-deutsche Zukunft. Die meisten Menschen werden sagen: Das ist mir alles vollkommen wurscht, ich freue mich über den freien Tag. Und manche werden zum wiederholten Male fragen, warum der Einheitsfeiertag ausgerechnet am 3. Oktober begangen wird. Das Datum hat keinerlei historische Anbindung – weder in Ost noch in West.
Der 3. Oktober ist schon länger eher ein Medienereignis, weil sich die Politik an diesem Tag selbst feiert – ob sie nun Anlass dazu hat oder nicht. Die anfängliche Euphorie über die deutsche Einheit ist in den vergangenen Jahren Resignation und Wut gewichen: Im Osten sucht man nach den blühenden Landschaften, im Westen ärgert man sich über die Demokratieverweigerer zwischen Rostock und Zittau.
Manche wünschen sich die Mauer zurück – in Ost und in West. Dass das nicht passieren wird, dürfte selbst jenen klar sein, die am lautesten danach schreien. Ebenso klar ist, dass die Bundesrepublik heute nicht mehr die ist, die sie nach der Wiedervereinigung und selbst noch vor 20 Jahren war.
Das hat weniger mit Ost und West zu tun als mit heftigen nationalen und globalen Veränderungen. Da ist der Aufstieg der AfD, der sich einfügt in das weltweite Erstarken extrem rechter Bewegungen – in Europa, Südamerika, in den USA. Da ist die Spaltung der Gesellschaft, die viele als Folge der Coronapandemie interpretieren, die aber vor allem ein Ergebnis jahrzehntelanger erfolgreicher Zersetzung von Demokratien durch global agierende rechte Netzwerke ist. Und da sind Kriege, Krisen, Klimawandel, die wirtschaftliche Unsicherheiten und individuelle Ängste schüren. Nun auch noch befeuert durch die menschengemachte Ungezügeltheit von KI.
Es gibt genug Zeitzeugen, die die DDR in all ihren Facetten erklären können, von Kitas und Polikliniken, über Wohnungsnot und stinkende Trabis, bis hin zu Stasi und Kindesentzug
Die Antwort auf all das kann nicht lauten: Vorwärts in die Vergangenheit. Nichts anderes hieße es, der Ostalgie Raum zu geben, die heute nicht wenige Menschen befällt, selbst jene, die um die Wende herum geboren wurden. Wer heute jünger als 40 ist, hat von der real existierenden DDR keinen blassen Schimmer. Bestenfalls wissen die, die sich für die DDR-Geschichte interessieren, was es hieß, in dem Land gelebt zu haben – mit all den Freiheitsbeschränkungen, Bevormundungen, Repressalien, Ängsten. Diese Unwissenheit (oder Verdrängung) wissen Rechtsextreme wie Björn Höcke und Ulrich Siegmund im Osten bewusst zu nutzen – mit bestechend guter Laune und so schlichten Devotionalien wie einer Simson.
Es hilft wenig, dieses schrottige Moped entmystifizieren zu wollen und die faschistoide Propaganda der AfD auseinanderzunehmen, wenn das auf Nichtwissen und die Haltung trifft: egal wie, Hauptsache gegen die „Eliten“. Helfen würde ein Geschichtsunterricht, der die DDR stärker thematisiert. Noch gibt es genug Zeitzeugen, die das Land in all seinen Facetten erklären können, von Kindergärten und Polikliniken, über Wohnungsnot und stinkende Trabis bis hin zu Stasiknast und Kindesentzug. Gleichwohl braucht es eine ehrliche Einordnung der alten BRD, die mehr war als Golf GTI, Eduscho-Kaffee, RAF.
Eine hochgezogene Mauer wird es wie gesagt nicht wieder geben. Gleichwohl taucht die berühmte Mauer in den Köpfen wieder öfter auf. Leider gibt das Ossi-Bashing nach der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt, bei der die AfD stärkste Kraft wurde, noch einen drauf.
Vergessen wird dabei häufig, dass die AfD kein Ostphänomen ist, sondern ein gesamtdeutsches. Der Osten ist – und das ist jetzt kein Lob – diesbezüglich nur Avantgarde. Gelingt es einer Großstadt, die AfD einigermaßen in ihre Schranken zu weisen, wie bei der kürzlichen Abgeordnetenhauswahl in Berlin, ist es auch wieder nicht recht. Weil die Hauptstadt von der Linkspartei regiert werden könnte, drohen unionsgeführte Länder damit, ihr den Geldhahn zuzudrehen. Abgesehen davon, dass das nicht so einfach geht, ist das Berliner Wahlergebnis das Beste, was die deutsche Einheit gerade zu bieten hat: Wir gemeinsam gegen rechts.
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