Nach der Niederlage von Langzeit-Herrscher Aleksandar Vucic bei den Parlamentswahlen hofft Serbiens Medienwelt auf einen Neuanfang
Keine 24 Stunden nach dem Wahlsieg der Studierendenliste Serbiens über die bislang allmächtige Serbische Fortschrittspartei (SNS) begann der Moderator einer öffentlich-rechtlichen Nachrichtensendung mit einem Eingeständnis:
"Es wurde verschwiegen, ein Auge zugedrückt, einseitig informiert, unkritisch berichtet. Die richtigen Fragen wurden nicht gestellt - oder überhaupt keine Fragen. Und dafür schulden wir den Zuschauern eine Entschuldigung", so Goran Eror, Sprecher einer Sendung, die der öffentlich-rechtliche Rundfunk der nordserbischen Provinz Vojvodina (RTV) produziert, die aber auch vom gesamt-serbischen Rundfunk RTS ausgestrahlt wird.
Eror und andere Kollegen hatten jahrelang innerhalb des bisherigen Systems gekämpft - mit wenig Erfolg. Nun trat der Chefredakteur von RTV auf Druck der Gewerkschaft zurück. Ähnliches fordern Beschäftigte jetzt auch bei RTS. Der größere öffentlich-rechtliche Sender, der Kritik an der Regierung jahrelang ignoriert hatte, hat seinen Ton seit dem Sieg der Studentenliste am vergangenen Sonntag (25.10.2026) nur ein Stück weit geändert.
Gewalt gegen Sprachrohr der bisherigen Regierung
Ein paar Stunden später, am Montagabend, drang eine Gruppe aufgebrachter Bürger in den Belgrader Fernsehsender Informer ein. Der gilt als Sprachrohr der bisherigen Regierung. Die Eindringlinge sollen Geräte zerstört und das Programm zeitweise unterbrochen haben. "Sie wollten mich töten", klagte Chefredakteur Dragan J. Vucicevic.
Informer führt seit Jahren eine ganze Schar von Boulevardmedien an, die Regierungskritiker als "Verräter", "Terroristen" und "Ustascha" brandmarken. Als Ustascha wurden die kroatischen Faschisten bezeichnet, die während der Zeit des Nationalsozialismus Völkermord an Serben, Juden und Roma begingen.
Ein Präsident, der immer auf Sendung war
Das sind nur einige der Folgen des politischen Erdbebens vom vergangenen Sonntag, bei dem Aleksandar Vucic, der als Präsident und Ministerpräsident fast 15 Jahre lang allgegenwärtig war und Serbien mit harter Hand regierte, die politische Macht in Serbien verloren hat. Die Studierendenliste, auf der Professoren, Aktivisten und Künstler stehen, gewann 141 der 250 Parlamentssitze. Vucics SNS erhielt 103 Mandate.

Geschlagen wurde der Langzeit-Herrscher derart deutlich von einer Wahlliste, die Studierende nach zweijährigem Protest zusammengestellt hatten. Die Proteste hatten nach dem Einsturz des Vordachs am frisch renovierten Bahnhof von Novi Sad Ende 2024 begonnen. 16 Menschen starben. Es besteht der Verdacht auf Korruption und Pfusch bei den Bauarbeiten.
Kritiker prangern seit Jahren Vetternwirtschaft und Verbindungen zwischen Staat und organisierter Kriminalität in Serbien an. Und sie verwiesen immer wieder auf die Medienmaschinerie, die Vucic auf Schritt und Tritt begleitete - und auf der seine Dominanz beruhte.
In den vergangenen Jahren wandte sich Vucic im Durchschnitt mehr als einmal täglich an die Öffentlichkeit: auf langen Pressekonferenzen oder in Livesendungen. Kundgebungen seiner Partei wurden mitunter von rund vierzig TV-Sendern gleichzeitig übertragen.

Wie einseitig die Berichterstattung war, zeigen Zahlen des unabhängigen Büros für Sozialforschung BIRODI. In den letzten Wochen des Wahlkampfs wurde Vucic auf fünf landesweit empfangbaren Fernsehsendern in 96 Prozent der Beiträge positiv dargestellt. Die Studierendenliste dagegen kam in 95 Prozent der Fälle schlecht weg.
Kein Wunder, dass viele Bürger nun wütend und ungeduldig sind. "Ich erwarte zunächst, dass sich die Gemüter beruhigen. Denn die Unzufriedenheit der Bürger mit jenen Medien ist groß, die Propagandisten der Regierung und von Hassrede waren - und keine Journalisten", sagt Aleksandra Krstic, die an der Fakultät für Politikwissenschaften in Belgrad Mediensysteme lehrt.
"Mit dem Eindringen in ein Medium löst man überhaupt nichts. Die Regulierungsbehörde für elektronische Medien sollte ein Verfahren zum Entzug der Sendelizenz einleiten. Das ist der einzige Weg", so Krstic gegenüber der DW. Auch diese Behörde wurde in den Jahren der Herrschaft von Vucic und seiner SNS mit regierungstreuen Mitarbeitern besetzt. Das dürfte sich mit dem neuen Parlament ändern.
Milliarden für Kabel, Sport und regierungsnahe Sender
Der staatliche Telekomkonzern investierte im Laufe der Jahre mehr als zwei Milliarden Euro: in kleinere Kabelanbieter, in Übertragungsrechte für Sportveranstaltungen, die ein großes Publikum anziehen - und in die direkte Finanzierung Dutzender regierungsnaher Fernsehsender.
Erst kürzlich kaufte der portugiesische Fonds Alpac Capital, Eigentümer von Euronews, einige der letzten regierungskritischen Medien in Serbien. Es folgten Entlassungen von Redaktionsleitern und Druck auf Journalisten, ihre Kritik unmittelbar vor der Wahl abzuschwächen.
Damit könnte nun Schluss sein. Im Wahlprogramm der Studierendenliste steht, dass der staatliche Telekomkonzern "nicht Eigentümer von Fernseh- oder Radiosendern oder Onlineportalen sein darf, die Nachrichtenprogramme produzieren". Fernsehsender, die die Bürger informieren, sollen zudem über alle Kabelanbieter empfangbar sein.
"Unsere Hoffnung ist, dass jene zur Verantwortung gezogen werden, die Medien für Propaganda missbraucht haben, und jene, die das mit dem Geld der Bürger bezahlt haben", sagt Stevan Ristic, Geschäftsführer der unabhängigen Wochenzeitung Vreme und Vorsitzender des serbischen Medienverbandes, eines großen Zusammenschlusses von Medienverlagen.
"Außerdem hoffen wir, dass es keine privilegierten Medien mehr geben wird. Das würde die Medienlandschaft bereinigen und die unabhängigen Medien endlich in die Lage versetzen, auf einem freien Markt zu bestehen, auf dem Werbegelder ehrlich verdient werden, statt dass Werbung an genehme Medien gelenkt wird. Kurz gesagt: dass die Gesetze eingehalten werden", sagt Ristic der DW.
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