"War mir sicher, ich sterbe": Flydubai-Passagiere berichten von Beinahe-Katastrophe

"War mir sicher, ich sterbe"Flydubai-Passagiere berichten von Beinahe-Katastrophe
01.10.2026, 15:03 Uhr
Der Co-Pilot sticht auf den diensthabenden Piloten ein und versucht, eine Boeing 737 zum Absturz zu bringen. Im Flugzeug machen sich "völliges Chaos" und Panik breit. Wem kann man trauen, und wem nicht? Die Reisenden berichten von ihrer "Albtraum"-Reise.
Nur knapp haben drei Passagiere eines Flydubai-Fluges von Dubai nach Tel Aviv eine Katastrophe verhindert. Der Co-Pilot wollte die Maschine vom Typ Boeing 737 Max-8 am gestrigen Mittwoch zum Absturz bringen und stach dafür auf den Piloten Smit Machchhar ein. Dieser rettete sich und die rund 180 Reisenden, indem er die Tür zum Cockpit öffnete. Der blutüberströmte Mann wurde von einem zufällig anwesenden Arzt versorgt, während andere Männer den mutmaßlichen Terroristen von seinem Vorhaben abhielten.
"Wir spürten, wie das Flugzeug komplett absackte und sich ein wenig zu drehen begann. Alle schrien, Kinder weinten", sagte die Reisende Mika Bauman nach der Ankunft in Israel zu CNN. "Ich war mir absolut sicher, dass ich sterben würde." Das Gefühl während des rasanten Sinkflugs sei "millionenfach schlimmer" gewesen als das beim freien Fall in einer Achterbahn. "Du sitzt einfach nur da und akzeptierst dein Schicksal."
Als Baumann Personen mit Blutflecken auf der Haut und Kleidung sah, ging sie erst davon aus, etwas stimme mit dem Flugzeug nicht. "Immer wieder kam jemand und informierte uns", schilderte sie dem US-Sender. "Dann teilten sie uns mit, dass sich ein Terrorist an Bord befindet. Man sagte uns auch, dass es eine harte Landung werden würde, also mussten wir uns darauf einstellen."
Die Helden, die den Absturz vereitelten, habe sie an ihrer blutverschmierten Kleidung erkannt. Sie dankte den Männern für ihren heldenhaften Einsatz. "Sie sagten nur, dass ihre Familie in diesem Flugzeug war, und wenn sie nicht sofort hineingeeilt wären [ins Cockpit, wo der Co-Pilot die Fluginstrumente zerstören wollte, Anm. d. Red.], wären wir jetzt nicht hier", so Baumann bei CNN. "Sie haben uns also wirklich das Leben gerettet."
Hila Gaier sprach von einem "Albtraum" und "völligem Chaos". "Meine Töchter umarmten mich, wir verabschiedeten uns einfach voneinander", schilderte sie dem israelischen öffentlich-rechtlichen Sender Kan 11 Radio. "Ich sagte zu ihnen: 'Meine geliebten Mädchen, ich liebe euch.' Mein Partner sah mich an und sagte: 'Ich liebe dich auch.' Wir blickten dem Tod ins Auge." Die Situation an Bord sei sehr diffus gewesen. "Der Strom fiel aus, auch die Kommunikationssysteme und Bildschirme funktionierten nicht mehr", beschrieb Gaier das Chaos. "Man hat keine Ahnung, was passiert, und es hört einfach nicht auf."
"Das Flugzeug war mehrere Minuten lang völlig außer Kontrolle", sagte Miriam Ohayon dem israelischen Nachrichtensender i24. "Wir dachten, das war's, wir würden abstürzen ... Ich sagte: 'Ich kann nicht sterben. Ich habe meinen Bruder verloren. Ich kann das meiner Mutter nicht antun.'"
"Stecherei, Stecherei!"
Passagier Alon Margoninski berichtete am Flughafen Ben-Gurion in Tel Aviv, jemand habe an Bord "Stecherei, Stecherei!" gerufen. Die nächsten zehn Minuten wusste der Reisende, der relativ weit hinten im Flugzeug gesessen habe, nicht, was vorn vor sich ging. Das Gefühl, als das Flugzeug rasch an Höhe verlor, beschrieb er als "sehr beängstigend": "Ich dachte, es handele sich um eine technische Störung", so der Mann zu CNN. "Ich hätte nie im Leben gedacht, dass es ein Anschlag sein könnte. Wie wahrscheinlich ist es denn, dass dieses Flugzeug angegriffen wird?"
Den Reisenden war seinen Äußerungen zufolge nicht klar, dass sie die Maschine in Saudi-Arabien verlassen würden - bis sie die arabischen Schriftzeichen am Flughafen sahen. "Das war uns aber völlig egal, wir wollten einfach nur dieses Flugzeug verlassen."
Andere Reisende schilderten, dass sie in den Sitz gedrückt wurden, als der Flydubai-Flieger nach dem Messer-Vorfall in den Sinkflug ging. "Wir wurden in den Stuhl gequetscht", sagte Peleg Itali. Von "massiven Turbulenzen" berichtete Almog Itali der Nachrichtenagentur Reuters. Sie hätten etwa 20 bis 30 Sekunden angedauert. Dann stabilisierte sich die Maschine, ehe sie wieder turbulenter flog. "Dann sahen wir, dass es im vorderen Teil des Flugzeugs zu einem Aufruhr gekommen war", so Almog Itali. Viele Menschen seien ihm zufolge nach vorn gestürmt.
Passagiere fürchten Hinterhalt
"Es war kein längerer Kampf", sagte Assaf Rajuan, der eigenen Angaben zufolge einer der Helden dieses Fluges war. "Wir haben den Angreifer sehr schnell neutralisiert - es gab keinen wirklichen Kampf. Es wurden keine Schläge ausgeteilt, nichts dergleichen." Warum die Cockpittür offen stand, erkannte der Reisende nicht. Ihm war jedoch der Ernst der Lage sofort klar. "Der Pilot, auf den eingestochen wurde, war handlungsunfähig, konnte nicht sprechen und saß mit erhobenen Händen zusammengesunken da."
Dennoch war die Situation nach dem Eingriff der Reisenden im Flugzeug weiter angespannt. "Wir wussten nicht, wem wir trauen konnten", sagte Rajuan. Die Passagiere hätten nicht gewusst, ob der Pilot "auf unserer Seite stand oder wer auf welcher Seite stand. Wir verdächtigten sogar die Flugbegleiter - wir wussten von nichts." Er erklärte, viele Passagiere hätten die Besatzungsmitglieder genau beobachtet und "große Angst vor einer Geiselnahme" gehabt. Sie befürchteten, in der Wüste landen zu müssen oder "in einem Feindesland". Rajuan: "Ich hatte Todesangst um mein Leben und das Leben meiner Familie."
Dass das Flugzeug nicht abstürzte, war schließlich dem Eingreifen von drei Männern zu verdanken: dem Zahnarzt, der den niedergestochenen Piloten erstversorgte, Rajuan und Yaniv Hajun. Letzterer war der erste im Cockpit, als sich die Tür öffnete. "Es befanden sich keine Piloten auf den Sitzen - einer lag auf dem Boden, einer auf dem Bedienfeld", sagte er. Der Co-Pilot soll versucht haben, "das Flugzeug außer Gefecht zu setzen".
"Ich rief um Hilfe, zwei andere kamen nach vorn. Wir überwältigten ihn", sagte Hajun. "Ich sprang zurück, schnappte mir die Steuerung und begann, die Griffe zurückzuziehen." Wie er das Flugzeug wieder auf Kurs bekommt, hatte der Reisende in Dokumentationen über Flugzwischenfälle aufgeschnappt. Innerhalb von Sekunden habe sich alles abgespielt. Zwei Piloten, die zufällig in dieser Boeing auf dem Weg zu ihren nächsten Flügen waren, übernahmen daraufhin und landeten die Maschine in Tabuk in Saudi-Arabien.
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