Deutsche Sektensiedlung in Chile: „Vor aller Augen, noch immer“

In Santiago eröffnet eine umfassende Ausstellung zu den Verbrechen der ehemaligen „Colonia Dignidad“. Eine Gedenkstätte gibt es noch immer nicht.
Foto: Roberto Candia/ap
Am Donnerstag ist im Museum der Erinnerung und der Menschenrechte in Santiago de Chile eine zweisprachige multimediale Sonderausstellung über die Colonia Dignidad eröffnet worden. Die Ausstellung entstand im Rahmen eines Kooperationsprojekts des Museums mit der Freien Universität Berlin.
Unter dem Titel „A plena luz, todavía“ („Vor aller Augen, noch immer“) werden ein halbes Jahr lang Dokumente, Fotos, Audios, Videos und historische Gegenstände über die 1961 in Chile gegründete deutsche Sektensiedlung präsentiert und eine Medienstation installiert, die dauerhaft im Museum verbleiben wird.
„Wir beleuchten die Ursprünge der Siedlung in Deutschland, ihre Geschichte in Chile vor, während und nach der Diktatur“, erklärt die Historikerin Evelyn Hevia Jordán, die die Ausstellung im Namen der FU Berlin kuratiert. „Es ist die erste umfassende Ausstellung über die Colonia Dignidad überhaupt, ein Meilenstein in der Geschichte der Aufarbeitung“, betont Hevia Jordán.
Die Aufarbeitung der Geschichte von Zwangsarbeit und sexualisierter Gewalt an Bewohner:innen der Colonia Dignidad, von Folter, Mord und Verschwindenlassen von politischen Gefangenen auf dem Gelände während der Diktatur, bei dem die Sektenführung und der Geheimdienst DINA zusammenarbeiteten, verläuft schleppend. In Deutschland ist die juristische Aufarbeitung folgenlos geblieben, in keinem einzigen Fall wurde Anklage erhoben. In der Ex-Colonia Dignidad gibt es bis heute keine Gedenkstätte, kein Dokumentationszentrum.
Chiles Rechtsregierung hat kaum Interesse an Aufarbeitung
Stattdessen ist die Villa Baviera, wie sich die Siedlung inzwischen nennt, zu einem touristischen Ausflugsziel mit Hotel-Restaurant-Betrieb im bayerischen Stil geworden, das prägt das Narrativ, das Bild, das die zahlreichen Besucher:innen über die Colonia Dignidad erhalten.
Besonders unklar ist der Fortgang der Planungen für einen Gedenkort seit der Regierungsübernahme des extrem rechten José Antonio Kast in Chile im März dieses Jahres. Der Wohnungsbauminister Iván Poduje stoppte die Pläne der linken Vorgängerregierung von Gabriel Boric für eine Enteignung von Teilen der früheren Colonia Dignidad zwecks Errichtung einer Gedenk- und Dokumentationsstätte am historischen Ort.
Zwar erklärten Kast und der Justizminister Fernando Rabat anschließend, Chile werde internationalen Verpflichtungen nachkommen, und deuteten an, dass eine „angemessenere“, also kleinere und kostengünstigere „Form des Gedenkens“ denkbar wären.
Doch es ist auch klar, dass weder der Pinochet-Bewunderer Kast noch Rabat, der Pinochet als Anwalt vertrat und jüngst vorzeitige Haftentlassungen für Kindesvergewaltiger und für Folterer der Diktatur unterzeichnete, großes Interesse an einer Aufarbeitung der Menschenrechtsverletzungen in der Colonia Dignidad haben. Es ist nun Teil der deutschen Verantwortung, die Umsetzung eines Gedenkortes beharrlicher einzufordern.
Die Regierungen von Chile und Deutschland hatten sich 2017 in einem gemeinsamen Memorandum zum Aufbau einer Gedenk- und Dokumentationsstätte verpflichtet, und treffen sich seitdem halbjährlich in einer chilenisch-deutschen gemischten Regierungskommission. Seit 2024 wurde in der Kommission auch die Errichtung der aktuellen Ausstellung im Museum der Erinnerung in Chile diskutiert und befürwortet. Hevia Jordán wertet es als „positives Signal und Unterstützung der Erinnerungspolitik“, dass das Auswärtige Amt die Finanzierung weitgehend übernommen hat, während das Museum personelle Ressourcen und den Raum beisteuert.
Eine Legitimierung der extrem rechten Regierung Kast kann Jordán in der Eröffnung der Ausstellung nicht erkennen. Die solle vielmehr die Debatten um die Colonia Dignidad und um „Menschenrechte als fundamentalem Pfeiler der Demokratie“ am Laufen halten, „die überall auf der Welt angegriffen werden“, und einen Beitrag zu den „kollektiven Bemühungen um einen Gedenk- und Dokumentationsort“ leisten.
Allerdings könnten und sollten große Teile des ausgestellten Materials später in eine Gedenkstätte in der ehemaligen Colonia Dignidad einfließen. Damit diese endlich umgesetzt werde, brauche es konkrete Maßnahmen beider Regierungen, vor allem die Gründung einer Stiftung oder anderen Trägerorganisation für die Errichtung eines Gedenkortes.
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