Berlin-Marathon 2026: Leider nur eine Weltklassezeit

Tigst Assefa aus Äthiopien lief in Berlin bis Kilometer 40 auf Weltrekordkurs. Dann verletzte sie sich, humpelte ins Ziel und wurde doch noch Erste.
Foto: Niesner/reuters
D as sollte das Projekt der Tigst Assefa sein: Unumstrittene Weltrekordhalterin im Marathon wollte die 29-jährige Äthiopierin am Sonntag in Berlin werden. Das hätte geheißen, dass sie deutlich unter 2:10 Stunden läuft. Geklappt hat es nicht.
Bis etwa Kilometer 40 lag Assefa auf Weltrekordkurs, doch dann kamen muskuläre Probleme. Schmerzverzerrtes Gesicht, offensichtlich Krämpfe. Da war klar, dass sie sich nur noch ins Ziel schleppen konnte. Die letzten hundert Meter humpelte Assefa. Statt Weltrekord war es die Weltklassezeit von 2:11,04 Stunde. Immer noch knapp besser als ihre bisherige Bestzseit 2:11,53 Stunden, die sie auch in Berlin erzielt hatte – 2023, da war dies noch Weltrekord. Statt von Interview und Interview zu eilen, setzte sich Assefa auf den Bordstein und ließ sich behandeln.
Gut abgeschirmt von einer männlichen Pacemaker-Gruppe war Assefa gelaufen. Die achtete nicht nur aufs Tempo, sondern schützte die Weltklassefrau vor störenden Remplern. Dabei war es gar kein anderer Läufer oder gar Zuschauer, der Assefa beeinträchtigte. Der Krampf ereilte sie zu einem Zeitpunkt, als sie fast nur noch alleine unterwegs war.
Bis Kilometer 40 lag Tigst Assefa auf Weltrekordkurs
Einen Weltrekord hält Assefa bereits: 2:15:41 Stunden ist sie bei einem Women-Only-Marathon gelaufen, 2025 in London, ohne männliche Pacemaker. Als sehr wertvoll gilt die Bestmarke nicht, haben schließlich schon etliche Läuferinnen bewiesen, dass Frauen schneller sein können.
Angeblich vor dem Rekord
Was Assefa auch nach diesem Wochenende noch fehlt, ist der Frauenweltrekord. Der liegt bei 2:09:56 Stunden und wurde 2024 von Ruth Chepngetich in Chicago gelaufen. Die Kenianerin ist bis heute die einzige Frau, die unter 2:10 Stunden blieb. Chepngetich ist allerdings bis 2028 wegen Doping gesperrt. Am Weltrekord wird nicht gerüttelt, weil sie die Substanz HCTZ, die nicht leistungssteigernd wirkt, aber oft zur Verschleierung genommen wird, nach dem Rekordlauf zu sich genommen hatte.
Es war das große Ziel von Tigst Assefa, beides hinter sich zulassen: Den Rekord von Chepngetich und die merkwürdige Bestzeit, schnellste Frau ohne Männer zu sein. Dass sie auf Weltrekord aus war, hatte sie von Beginn an nicht nur gesagt, sondern auch alle spüren lassen. Beinah zu schnell war sie angegangen, und ab Kilometer 15 – rund um das Kottbuser Tor in Kreuzberg – hatte sie etwas Tempo herausgenommen. Doch noch in dem Moment, wo die Verletzung erstmals aufblitzte, lag sie 20 Sekunden unter Weltrekordtempo.
Ein Pulk von 56.000 Läufern und Läuferinnen aus 162 Nationen hatte das Berliner Stadtbild an diesem Sonntag bereichert. Die Wetterbedingungen waren optimal: Sonne, kein Wind, aber Temperaturen um 19 oder 20 Grad Celsius. Dazu kamen Hunderttausende Zuschauer, die an den Straßenrändern und im Start- und Zielbereich anfeuerten. Nimmt man noch Rollstuhl-, Skater- und andere Wettbewerbe hinzu, waren dieses Jahr 84.000 Sportler und Sportlerinnen beim Berlin-Marathon.
Abgesichert wurde er von 1.800 Polizisten und Polizistinnen. Nicht nur der Terroranschlag auf den Christopher Street Day (CSD) Ende Juli galt als Warnung. Im Jahr 2013 hatte ein Sprengstoffattentat auf den Boston-Marathon, bei dem drei Menschen starben und über 260 Personen verletzt wurden, gezeigt, dass auch solche Großevents Ziele von Anschlägen werden können.
Übertragen wurde der Berlin-Marathon in diesem Jahr wieder von RTL. Dort arbeitet die frühere deutsche Spitzenläuferin Sabrina Mockenhaupt als Expertin. „Es ist schon bitter, aber das ist halt Marathon“, erklärte sie. „Der entscheidet sich wirklich erst im Ziel. Ich denke, bei ihr waren es die Muskeln, die dann zugemacht haben.“
Das Projekt der Tigst Assefa muss warten.
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Jahrgang 1964, freier Mitarbeiter des taz-Sports seit 1989
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