Nach den Wahlen in Serbien: Das große Aufatmen

Serbiens unabhängige Kulturszene stand an der Seite der Studierendenbewegung gegen die Regierung. Mit deren Wahlsieg hofft sie nun auf echten Wandel.
Um 21.30 Uhr geht am Abend des 26. Oktober ein Tosen durch Belgrad. Freudenschreie vor allem junger Stimmen und Feuerwerk würden selbst einen Ahnungslosen den Wahlsieg der Studierenden bei der vorgezogenen Parlamentswahl erahnen lassen. Dann verkündet Aleksandar Vučić unerwartet selbst seine Niederlage. Bis 4 Uhr morgens ist die ganze Stadt ein einziger Klangkörper: Autos hupen, Sektkorken knallen aus geöffneten Autofenstern, Vuvuzelas dröhnen, Menschen schreien vor Begeisterung. Überall lärmt und jubelt es, als würde die serbische Hauptstadt selbst beben.
Laut der unabhängigen Beobachtungsorganisation CRTA kommt die Studierendenliste auf 51,5 Prozent, die Regierungspartei SNS auf 40,4 Prozent. Der Abstand überrascht: Umfragen hatten die Studierenden zuvor bei rund 40 Prozent gesehen. Die Ausgelassenheit ist überwältigend. Niemand, den ich heute in der Nacht der Entscheidung frage, hätte einen so überzeugenden Sieg für möglich gehalten.
Zu nächtlicher Stunde wird bereits aus dem Wahlspruch „Die Studierenden siegen“ zu „Die Studierenden haben gesiegt“ im Volksmund. Aus dem geräumten Ćacilend, in dem Pro-Vučić-Leute für ihr Dasein nachweisbar bezahlt wurden, wird kurzerhand ein Selbstbedienungsladen der Geschichte: Die einen nehmen einen Absperrzaun mit, die anderen eine Stange, wieder andere gleich die Zeltplane. Auf der Slavija werden dann die Stühle der Ćacis über die Köpfe gestemmt und tanzend davongetragen.
Souvenirs für die serbische Protestgeschichte
Was gestern noch als Kulisse für Vučić’ Machtinszenierung diente, geht heute als Souvenir in die serbische Protestgeschichte ein. Der landesweit bekannte Straßenkünstler Pijanista hat bereits eine Idee, was aus den „Artefakten“ werden soll: eine Kunstbiennale. An Material dürfte es in dem an diesem Abend teils abgebrannten Ćacilend nicht mangeln.
Dabei beeindruckt der ohnehin überwältigende Sieg einer so neuen und von Studierenden geführten Liste vor allem aufgrund seiner basisdemokratischen Struktur, bei der jede bzw. jeder Student:in eine Stimme im Plenum seiner Fakultät hat. Daneben gibt es die Große Versammlung der Delegierten („Veliki sastanak delegata“) und die Serbische Versammlung der Delegierten („Srpski sastanak delegata“), die Plenarstrukturen in den Städten und landesweit. Die Studierenden gründeten keine Partei, sondern formierten „nur“ eine Liste, die sie dann zur Wahl stellten.
Der bewusste Unterschied zur bisherigen Parteienpolitik, die hier gesucht wurde, zeigt: Demokratie ist nicht allein Wahlverfahren, sondern gemeinschaftliche Praxis. Hiervon konnte ich mich bei zahlreichen Besuchen des Plenums der Philologischen Fakultät in der ersten Jahreshälfte 2025 überzeugen: Mit verschiedenen Handzeichen wurden unterschiedliche Redebeiträge artikuliert, die Tagesordnung konsequent eingehalten, Kompetenzen klar zugewiesen. Das Wahlprogramm der Studierenden zeugt auf 1.200 wissenschaftlich geprüften Seiten davon: Diese Bewegung weiß genau, was sie tut.
Repressionen öffentlich gemacht
Als sich Serbiens Studierende gegen die Regierung erhoben, stand bald auch die Kulturszene an ihrer Seite. Neben der Wissenschaft, deren Professorinnen und Professoren die Besetzungen der Fakultäten monatelang unterstützten, wurde sie zu einer wichtigen Verbündeten der Protestbewegung. So werden die klaren Verse der Lyrikerin Radmila Petrović vor allem von jungen Menschen begeistert gelesen. Längst gelten sie und der unabhängige Verlag, den sie gegründet hat, als wichtige Stimme des politischen Aufbruchs. „Das ist der Anfang vom Ende für die derzeitige Regierung“, sagt Petrović Tage vor der Wahl zur taz. „Der Wandel ist nicht mehr aufzuhalten.“ Auch Schauspielerinnen, Musikerinnen und Theaterleute organisierten eigene Aktionen, schufen unabhängige Bühnen und machten Repressionen öffentlich.
Ich treffe Virdžinija Đeković wenige Tage vor der Wahl in einem Belgrader Café. Sie lehrt an der Fakultät für Dramatische Künste (FDU) – dort, wo die studentische Besetzungsbewegung im November 2024 ihren Anfang nahm. Nachdem regierungsnahe Angreifer Studierende attackiert hatten, die der Opfer des Bahnhofseinsturzes von Novi Sad gedachten, solidarisierten sich die Professor:innen mit ihnen. Innerhalb weniger Wochen wurden nahezu alle staatlichen Fakultäten des Landes besetzt.
Dass ausgerechnet Studierende der Kunsthochschule den Anfang machten, ist für Đeković kein Zufall: Kunst und Kultur machen gesellschaftliche Konflikte sichtbar und eröffnen Räume, in denen Widerstand eine Form findet.
Eigene Strukturen des Widerstandes
Inzwischen hat sich dieser Widerstand auch eigene Strukturen geschaffen. Die Unabhängige Kulturszene Serbiens (NKSS) vernetzt Kulturschaffende und dokumentiert den politischen Druck, dem sie ausgesetzt sind. Die im Zuge der Proteste neu gegründete Gemeinschaft der Kunst und Kultur (ZUK) solidarisiert sich mit den Studierenden.
Das „Ne-Bitef“ etwa entstand Ende 2025 als Gegenmodell zum traditionsreichen Belgrader Theaterfestival Bitef, nachdem dessen Leitung politisch motiviert ausgetauscht worden war. An die Stelle einer zentralen Institution trat ein dezentrales Programm an zahlreichen unabhängigen Spielorten.
Das sei im Übrigen, berichtet Đeković, eine klassische Form der Einschüchterung. Die Leitung von Kulturinstitutionen werden bereits seit einigen Jahre nicht mehr als Direktoren, sondern als „vorübergehender Amtsinhaber“ eingestellt, wodurch sie jedes Jahr kündbar sind.
Auch andere Kulturprojekte suchen neue Wege. Das Musikfestival Exit, 2000 von Studierenden als Teil des Widerstands gegen Slobodan Milošević gegründet, stellte sich öffentlich hinter die Protestbewegung. Nach Angaben der Veranstalter geriet es daraufhin zunehmend unter politischen Druck und verlor staatliche Fördermittel. 2026 fand das Festival erstmals in Montenegro statt.
An der Fakultät für Dramatische Künste hatte im November 2024 die studentische Protestbewegung ihren Anfang genommen
Mit der „Black List“ unterstützten sie die Wahl mit einem Festivalprogramm. Die Kulturschaffenden schufen im Oktober eine Bühne für jene, die nach eigenen Angaben wegen ihrer kritischen Haltung Aufträge, Förderungen oder Auftrittsmöglichkeiten verloren hatten.
Der Name verweist auf informelle „schwarze Listen“, von denen Kunstschaffende seit Jahren berichten. Besonders seit 2018 und 2019 sei es zunehmend schwieriger geworden, unabhängige Projekte staatlich fördern zu lassen, erklärt Đeković. Die Listen sind nicht offiziell dokumentiert; ihre Wirkung zeigt sich vielmehr darin, wer keine Einladung mehr erhält, keine Räume nutzen kann oder bei Förderentscheidungen leer ausgeht.
Kritischer Resonanzraum
Die Kultur reagiert darauf mit Selbstorganisation – oft ohne öffentliche Unterstützung, ohne Honorare und mit improvisierter Technik. So fand das traditionsreiche Filmfestival Niš dieses Jahr in Eigenorganisation, ohne Honorare und mit organisierten Stromakkumulatoren unter freiem Himmel statt. Es hatte trotzdem mehr Besucher:innen als das staatliche Festival.
Virdžinija Đeković hat den ganzen Tag ehrenamtlich den fairen Ablauf der Wahlen beobachtet. Trotzdem ist sie auch am historischen Abend noch auf den Beinen. Vom Trg Republike, dem Platz der Republik, strömen die Menschen, begleitet von hupenden Autos und Bikern, über die zentrale Straße Kralja Milana, um erst zum Regierungssitz und anschließend weiter zum Slavija-Platz zu gehen. „Es ist unglaublich. Ein großes Aufatmen.“
Als sie ein paar Tage vor der Wahl schmunzelnd von Vučić als bald abgesetztem Präsidenten und dem Ende seiner Partei gesprochen hatte, hatte ich Đeković’ Zuversicht mit Sympathie, aber auch mit Unglauben aufgenommen. Jetzt muss ich mir eingestehen: Sie hatte recht behalten.
Doch Aleksandar Vučić, der nun in die Opposition wechselt, wird für Störungen sorgen. Die vielen Direktor:innen, Bürgermeister:innen und Entscheidungsträger:innen auf kommunaler und regionaler Ebene bleiben als sein verlängerter Arm vorerst an der Macht.
Die eigentliche Herausforderung wird darin bestehen, die über Jahre gewachsenen kriminell-autokratischen Strukturen aufzubrechen – und zu verhindern, dass der politische Wechsel an alten Netzwerken scheitert. Doch das wissen die Demonstrant:innen heute auf der Slavija, dem traditionsreichen Protestort in Belgrads Stadtzentrum. Zu oft wurden sie enttäuscht.
Doch nun nehmen sie die Sache selbst in die Hand. Die Studierenden haben mit der Absetzung dieses in weiten Teilen korrupten Autokraten ein Paradebeispiel für Demokratie praktiziert. Sie haben nicht nur einen Wahlsieg errungen, sondern eine andere Form demokratischer Organisation erprobt. Bis früh morgens wird hier heute gefeiert.
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