In Deutschland angekommen, in der Heimat verwurzelt: Kurden zwischen zwei Welten
Die Zahl der in Deutschland lebenden Kurdinnen und Kurden lässt sich nur schwer genau bestimmen. Der Grund ist einfach und zugleich traurig: Es gibt keinen international anerkannten kurdischen Staat. Die Menschen stammen aus verschiedenen Ländern, vor allem aus der Türkei und Syrien. Eine eigene kurdische Staatsangehörigkeit gibt es nicht. In ihren Herkunftsländern haben viele Repressalien erlebt. Viele sind mittlerweile auch in Deutschland geboren.
Dennoch versuchte der Mediendienst Integration, mehr Klarheit über die Zahl und die Lebenssituation der Kurdinnen und Kurden in Deutschland zu schaffen. In einer Videokonferenz des Mediendienstes berichtete die Psychotherapeutin und Sozialwissenschaftlerin Çinur Ghaderi über neuste Studien und Statistiken, aber auch über Probleme und Anfeindungen Kurdinnen und Kurden gegenüber in Deutschland.
Ghaderi ist selbst 1970 im Irak geboren und lehrt an der Evangelischen Hochschule in Bochum. Im Januar dieses Jahres war sie Mitautorin einer Studie, für die mehrere hundert Kurdinnen und Kurden in München befragt wurden.

1,5 Millionen Kurden - eine große Gruppe
Das Ergebnis ihrer Untersuchungen: Mit rund 1,5 Millionen Menschen gehören Kurdinnen und Kurden zu den größten Einwanderungsgruppen in Deutschland. Allein seit 2010 sind mehr als 250.000 Menschen vor allem aus Syrien nach Deutschland gekommen. Hauptgrund der Flucht war die zunehmende Verfolgung während des syrischen Bürgerkrieges.
"2011 ging die Bundesregierung von etwa 800.000 Kurdinnen und Kurden in Deutschland aus", sagt die Bochumer Wissenschaftlerin. "Zwischen 2010 und Juli 2026 registrierte das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge knapp 608.000 Asylanträge."
Vor allem für Menschen aus Syrien hat sich die Situation in den vergangenen Monaten teilweise drastisch geändert. "Nach dem Sturz des Assad-Regimes 2024 haben Rückkehrbewegungen eingesetzt. Zugleich bleiben die Verhältnisse besonders im Norden und Nordosten unsicher", so Ghaderi. Dennoch wolle die Bundesregierung nun vermehrt Menschen nach Syrien abschieben und tue dies bereits, was zu erheblicher Verunsicherung bei den Betroffenen führe.
Die meisten Abschiebungen führen in die Türkei
Menschenrechtsgruppen, so Ghaderi weiter, berichten von willkürlichen Übergriffen: Der syrischen Übergangsregierung werde vorgeworfen, besonders in Aleppo gewaltsam gegen Kurdinnen und Kurden vorgegangen zu sein. Auch Schwierigkeiten, nach der Rückkehr wieder an das eigene Eigentum zu gelangen, werden geschildert. Zwar hätten sich die zuvor heftigen Kämpfe in Syrien beruhigt, von einem sicheren Land könne trotzdem nicht die Rede sein, so Ghaderi.
2025 war die Türkei Deutschlands wichtigstes Abschiebeland. Dabei würden die Antiterrorgesetze trotz der PKK-Entwaffnung weiterhin weit ausgelegt.
Drei wesentliche Wanderungsschübe
Die Türkei spielt auch in der Geschichte der kurdischen Zuwanderung nach Deutschland eine zentrale Rolle. Ab etwa 1920 kamen zunächst Angehörige der Elite, darunter Studierende, Diplomaten und Intellektuelle, nach Deutschland. Ab 1961 folgten Hunderttausende Kurdinnen und Kurden im Zuge der deutsch-türkischen Anwerbeabkommen als Arbeitskräfte. Eine dritte große Zuwanderungswelle setzte vor allem ab 2010 ein, als Krieg und Verfolgung viele Menschen zur Flucht zwangen.
Außerdem mussten Kurdinnen und Kurden in Deutschland immer wieder unter dem pauschalen Verdacht leiden, Anhänger der kurdischen Arbeiterpartei PKK zu sein, für die schon seit 1993 in Deutschland ein Betätigungsverbot besteht.
Angefeindet auch von anderen Migranten
Hinzu kommt: Gerade die Kurden sind Anfeindungen von anderen Zuwandergruppen in Deutschland ausgesetzt, neben den wieder zunehmenden Vorbehalten gegen Migranten allgemein. "Diese spezifischen Abwertungen gegen Kurden gehen insbesondere von Akteuren aus anderen Teilen der Migrationsgesellschaft aus, die in den Herkunftsstaaten eher der Mehrheit angehören, wie etwa ultra-nationalistische türkische Gruppen", sagt Ghaderi.

"Viele fühlen sich in Deutschland zuhause. Sie engagieren sich in Parteien, Kommunen und Vereinen", sagt die Wissenschaftlerin weiter. "Zugleich bleiben Krieg und Verfolgung in ihren Herkunftsländern sehr präsent".
Wie geht es wirklich weiter in der Türkei?
Entsprechend aufmerksam und zugleich unsicher werden die Meldungen zur Entwaffnung der PKK aufgenommen. Im August verabschiedete das türkische Parlament ein Gesetz, das eine eingeschränkte und an Bedingungen geknüpfte Amnestie für PKK-Kämpfer vorsieht. Die PKK wiederum erklärte kürzlich, alle ihre Kämpfer vollständig aus der Türkei und dem Nordirak abgezogen zu haben.
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