Stichwahlen in Niedersachsen: In Minischritten zur feministischen Revolution

Jeder vierte der 36 Landratsposten Niedersachsens wird nach den Direktwahlen von einer Frau wahrgenommen werden. Bislang waren es nur rund 14 Prozent.
Von der feministischen Revolution ist Niedersachsen noch ein ganzes Stück weit entfernt. Aber die Stichwahlen weisen immerhin darauf hin, dass es vorangeht, wenn auch in Minischritten. Jeder vierte der 36 Landratsposten Niedersachsens wird nach den diesjährigen Direktwahlen von einer Frau wahrgenommen werden. Bislang waren es nur rund 14 Prozent gewesen.
Am Amtsbonus kann das allenfalls in den Kreisen Osnabrück und Lüchow-Dannenberg gelegen haben, denn nur Anna Kebschull und Dagmar Schulz waren zur Wiederwahl angetreten. In Schaumburg, Peine, im Heidekreis, in Göttingen, Bentheim sowie Nienburg und in der Region Hannover, wo der Job unter der Amtsbezeichnung Regionspräsident firmiert, sind die Siegerinnen die jeweils erste Frau auf dem Posten.
Das ist relevant. Denn Wahlen auf Ebene der Städte, Kreise und Gemeinden sind ohnehin stets besonders stark von der Persönlichkeit geprägt. Das hatte zuletzt das Niedersachsen-Panel, ein hochschulübergreifendes Forschungsprojekt, das untersucht, wie Menschen in Niedersachsen Entscheidungen fällen bestätigt. Mit Blick auf die Kommunalwahlen hatte es festgestellt, dass für mehr als die Hälfte der Befragten „die Kandidatinnen und Kandidaten vor Ort wichtiger als deren Parteizugehörigkeit“ sei.
Und, logisch: Bei den 395 Direktwahlen für die Top-Ämter der Gemeinden wird das noch einmal auf die Spitze getrieben. Denn das sind ja fast reine Persönlichkeitswahlen, ganz auf die Kandidatin oder den Kandidaten zugespitzt. Über die Auswirkungen des Gender-Faktors liegen Mario Mechtel, der die Federführung des Panels hat, keine verwertbaren Daten vor.
Wir wissen, dass der Beruf der Kandidaten für den Wahlerfolg ein wichtiger Faktor ist.
Mario Mechtel, VWL-Prof in Lüneburg
„Wir wissen, dass der Beruf der Kandidaten für den Wahlerfolg ein wichtiger Faktor ist“, so der Professor für Volkswirtschaftslehre. Und der Grad der Bekanntheit. Übers Geschlecht weiß er nichts zu sagen.
Insgesamt aber sind Direktwahlen kaum erforscht. Das liegt auch an einer mangelhaften Zugänglichkeit der Daten: Es ist nötig, sie bei den Kommunen selbst zu eruieren. Eine lückenhafte Übersicht stellt in Niedersachsen wenigstens der NDR bereit. Auf Landesebene wird behördlicherseits verzichtet, die Ergebnisse bereit zu stellen.
Weil auch andere Bundesländer diese basale Ebene politischer Mitbestimmung stiefmütterlich behandeln, werden die Ergebnisse publizistisch dann meist recht freihändig als parteipolitische Signale und Hinweise auf bundespoltisiche Stimmungen gedeuet. Dafür spricht allerdings so viel nicht.
Von den 123 Stichwahlen auf allen Ebenen in Niedersachsen gab es nur bei 56 eine weibliche Beteiligung. Gemessen daran, dass nur gut 20 Prozent der 1.123 Kandidierenden weiblich waren und die Mehrheit der Kommunen gar nicht auf die Idee gekommen war, eine Bewerberin für den Chefposten in Betracht zu ziehen, ist auch das fast schon ein Statement.
Im Duell sind Frauen stärker
Noch gewichtiger: Bei den gemischt-geschlechtlichen Duellen schneiden Frauen deutlich besser ab als Männer. Klar, es gibt Ausnahmen. Dort, wo die AfD mit einer Frau in der ersten Runde die zweitmeisten Stimmen erhalten hatte, wie in Salzgitter, hat sich die prodemokratische Front zuverlässig formiert: Apothekerin und Tierfreundin Patricia Mair, AfD-Chefin im Stadtrat, hat ihre 25 Prozent Zustimmung aus der ersten Runde lediglich wiederholen können – obwohl Frau und ihrem achtbaren Beruf zum Trotz.
Prodemokratische Einstellungen sind dann vielleicht doch Persönlichkeitsmarker, die alle übrigen überragen: So hat sich in Munster die parteilose Verwaltungsmitarbeiterin Anna Adamczak mit 80 Prozent gegen den AfD-Kandidaten durchgesetzt: Christoph Weynand ist Berufssoldat und das wird in Munster nun wahrlich nicht als Makel wahrgenommen.
Von den 54 männlich-weiblich-Stichwahlen haben jedenfalls nur 19 die männlichen Bewerber für sich entscheiden können. Mit Gemeindemerkmalen lässt sich das nicht in Verbindung bringen: In der Samtgemeinde Mittelweser hat die parteilose Sandra Wiechmann CDU-Mann Malte Flamme in der zweiten Runde ausgeknockt.
Und während die CDU in der auch nicht sonderlich urbanen Stadt Syke nahe Bremen ihre Fraktion noch hat vergrößern können, war ihr Bürgermeister-Bewerber, ein honoriger Bauer und ehrenamtlicher Ortsbürgermeister im Stadtteil Heiligenfelde, in der Stichwahl von der Newcomerin Claudia Schuch distanziert worden.
Gewählt trotz krasser Jobs
Die Bankkauffrau hatte in ihrem Werdegang nicht verschwiegen, dass sie in der Vergangenheit für Inkasso-Unternehmen gearbeitet hatte, eine Branche, die selbst von Börsen-Fachzeitungen skeptisch beäugt wird. Ebenso hatte sie darauf hingewiesen, gegenwärtig bei der örtlichen Sparkasse fürs Forderungsmanagement zuständig zu sein. Aber vielleicht hat das in Syke einen besseren Klang als Landwirt.
Noch deutlicher stützen die Osnabrücker Ergebnisse die Bedeutung des Geschlechterfaktors. So firmierten dort bei der Kreistagswahl die Grünen eher unter ferner liefen, und doch hat Anna Kebschull, deren taktisch motivierte Parteilosigkeit niemanden so recht täuschen kann, ihr Amt klar verteidigen können. Im Stadtrat hingegen sind die Grünen stärkste Fraktion – und links der CDU ergäbe sich rechnerisch eine Mehrheit von fast 60 Prozent.
Trotzdem hatte der grüne Vollblutpolitiker Volker Bajus gegen die nicht unumstrittene christdemokratische Amtsinhaberin Katharina Pötter keine Chance: Im zweiten Wahlgang war er mit 43 Prozent klar unter dem progressiven, sozialökologischen Wählerpotenzial. Pech für ihn. Aber gut, dass Männlichkeit anfängt, manchmal ein Nachteil zu sein.
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