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Wednesday, October 7, 2026

Die Wahl des neuen "Reis-ul-Ulema", des Oberhaupts der bosnischen Islamischen Gemeinschaft, ist auch für Muslime anderswo in Europa bedeutend

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Das Amt des "Reis-ul-Ulema" ist einzigartig: Das Oberhaupt der Muslime in Bosnien und Herzegowina vertritt die Muslime gegenüber dem Staat, äußert sich zu politischen, moralischen und gesellschaftlichen Fragen und steht für die Unabhängigkeit der Islamischen Gemeinschaft in dem Westbalkanland gegenüber Versuchen der Einflussnahme von außen. 

Der derzeitige Reis-ul-Ulema, Husein Kavazovic, darf nach zwei siebenjährigen Amtszeiten nicht erneut antreten. Drei Kandidaten stellen sich am 10. Oktober 2026 als Nachfolger zur Wahl: Neben dem Mufti von Mostar, Salem Dedovic, kandidieren Nedzad Grabus, der Mufti von Sarajevo, und der Leiter der Abteilung für religiöse Angelegenheiten im Verwaltungsgremium der Islamischen Gemeinschaft (Rijaset), Mensur Malkic.

Ein Mann, der eine weiße, leicht konische Kopfbedeckung trägt, spricht und gestikuliert dabei mit den Händen, im Hintergrund sind eine grüne und eine blau-goldene Fahne zu sehen, auf denen weiße Sterne prangen
Reis-ul-Ulema Husein Kavazovic, hier bei einem Interview in Sarajevo im Januar 2024Bild: Samir Jordamovic/Anadolu/picture alliance

Der Fokus von Malkic liegt auf der religiösen und institutionellen Stärkung der Islamischen Gemeinschaft, während Dedovic ankündigt, das Amt politischer zu verstehen und sich stärker in gesellschaftliche Debatten einbringen zu wollen. Nedzad Grabus verfügt als langjähriger Vorsitzender der Muslime in Slowenien über die meiste internationale Erfahrung. Er will die Gemeinschaft in Zeiten von Globalisierung und Säkularisierung festigen.

"Keine andere islamische Persönlichkeit in Europa hat eine Position wie der Reis-ul-Ulema in Sarajevo", sagt Imam Benjamin Idriz aus Penzberg in Bayern. "Daher hat diese Wahl eine besondere Bedeutung über Bosnien hinaus für Muslime aber auch für Nicht-Muslime in Europa."

Eine Religionsgemeinschaft wie die Kirchen

"Die Wahl ist für uns wichtig, weil wir mit der Islamischen Gemeinschaft in Bosnien historisch, theologisch und institutionell eng verbunden sind", sagt Zenahir Mrakovic, Vorstandsvorsitzender der Islamischen Gemeinschaft der Bosniaken in Deutschland e.V. (IGBD). "Bosniaken" nennen sich die bosnischen Muslime seit 1993. Mit rund hundert Moscheegemeinden in ganz Deutschland gehört die IGBD hierzulande zu den kleineren muslimischen Verbänden.

Seit Jahrhunderten leben Muslime in Bosnien und Herzegowina. Der Islam war mit der Ausbreitung des Osmanischen Reiches nach Südosteuropa gekommen. Die Organisationsstruktur der Islamischen Gemeinschaft wurde geschaffen, nachdem Bosnien beim Berliner Kongress von 1878 Österreich-Ungarn zugeschlagen worden war: Die neuen Herrscher erkannten den Islam nach dem Vorbild der christlichen Kirchen offiziell als Religionsgemeinschaft an und führten 1892 das Amt des Reis-ul-Ulema ein.

Einzigartige Form muslimischer Selbstorganisation

Diese Form muslimischer Selbstorganisation könnte Vorbild für Muslime in ganz Europa sein: Die Islamische Gemeinschaft in Bosnien ist unabhängig vom Staat und finanziert sich selbst aus Spenden, Mitgliedsbeiträgen und "Zakat", den Zuwendungen der Gläubigen. Sie verfügt über eine Art Parlament, den "Sabor", sowie ein Verfassungsgericht. Es wacht darüber, dass das Wirken der Gemeinschaft mit der Verfassung des Landes im Einklang steht. Der Verwaltungsapparat Rijaset ist für die praktische Umsetzung von Beschlüssen verantwortlich.

Frauen mit Kopftüchern, eine davon in einem langen weißen Kleid, steigen auf Marmorstufen in einen Hof herab
Frauen an der Gazi-Husrev-Beg-Moschee in SarajevoBild: Samir Huseinović/DW

Der Reis-ul-Ulema wird von einem Wahlgremium ernannt, das aus Vertretern des Sabor und des Rijaset, Muftis und Hauptimamen, Vorstehern der islamischen Verwaltungseinheiten, den Direktoren von Schulen und islamischen Fakultäten sowie Vertretern der Diaspora und der Auslandsbüros besteht. Frauen sind mit nur 13 von 398 Mitgliedern des Wahlgremiums unterrepräsentiert.

Selbstverständlich gelebte Koexistenz

Die Islamische Gemeinschaft in Bosnien hat in den vergangenen 150 Jahren zahlreiche politische Systeme überlebt und sich immer wieder an neue Kontexte angepasst. Nach dem Osmanischen Reich kamen die Monarchie Österreich-Ungarns, das Königreich Jugoslawien und dann das kommunistische System Titos, danach der Zerfall Jugoslawiens und der Bosnienkrieg, der 1995 mit dem Vertrag von Dayton endete.

Heute ist Bosnien ein säkularer Staat mit einer demokratischen Verfassung. Von radikalen Tendenzen hat sich die Islamische Gemeinschaft stets klar distanziert. Mit Christen und Juden gibt es eine selbstverständlich gelebte Koexistenz. Das prägt auch die rund 400.000 in Deutschland lebenden Muslime bosnischer Herkunft.

Autochthone europäische Muslime

"Im Prozess der Institutionalisierung des Islam in Deutschland sollte man stärker auf die Erfahrungen der Islamischen Gemeinschaft der Bosniaken setzen als bisher", sagt Esnaf Begic, ehemaliger Imam und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Islamische Theologie der Universität Osnabrück. "Denn wir sind autochthone europäische Muslime und haben in manchen Belangen mehr Gemeinsamkeiten mit den Deutschen als mit Muslimen aus Afghanistan, Iran oder Saudi-Arabien."

Die bosnische Erfahrung, religiöses Leben in einer demokratischen und pluralistischen Gesellschaft zu organisieren, könne auch im Verhältnis zu anderen muslimischen Communities hilfreich sein, meint auch IGBD-Vorstandsvorsitzender Mrakovic. "Es geht dabei nicht darum, anderen vorzuschreiben, wie sie ihren Islam leben sollen, sondern darum, unsere eigene Erfahrung einzubringen: wie wir die eigene religiöse Identität bewahren und gleichzeitig selbstverständlich Teil einer europäischen, demokratischen Gesellschaft sein können."

Den europäisch geprägten Islam sichtbarer machen

Es sei wichtig, diese gelebte Realität eines europäisch geprägten Islam sichtbarer zu machen, "nicht nur wenn über Integration, Migration oder Konflikte gesprochen wird". Die IGBD tue dies, indem sie die Moscheegemeinden ermutigt, ihren Platz in der Gesellschaft aktiv wahrzunehmen, "nicht nur als Orte des Gebets, sondern als Orte der Begegnung - mit Schulen, Vereinen, Kirchen und der Nachbarschaft".

Hier könne aber noch mehr passieren, meint der Wissenschaftler Begic. "Die bosnischen Muslime müssen noch mehr auf die deutsche Politik, die Medien und die Öffentlichkeit, aber auch Kirchen und die jüdischen Gemeinden zugehen." Damit dies nachhaltiger geschehen könnte, müssten die in Bosnien ausgebildeten Imame der IGBD noch besser auf ihren Einsatz in Deutschland vorbereitet werden, denn die Lebenswirklichkeit hierzulande sei eine andere als in Bosnien. Der neue Reis-ul-Ulema sollte dieses Thema voranbringen.

Auch für die IGBD geht es darum, wie die Zusammenarbeit zwischen den Gemeinden in Deutschland und der Islamischen Gemeinschaft in Bosnien künftig gestaltet wird. "Für uns wird wichtig sein, welche organisatorischen und strategischen Schwerpunkte die neue Führung setzt", sagt Zenahir Mrakovic. "Unsere Gemeinschaft in Deutschland ist in den vergangenen Jahrzehnten stark gewachsen und hat heute eigene Gemeinden, Imame, Bildungsangebote und eine junge Generation, die hier aufgewachsen ist."

Ein Amt in fordernden Zeiten

Das neue Oberhaupt der bosnischen Muslime tritt sein Amt in schwierigen Zeiten an: Die Staatlichkeit von Bosnien und Herzegowina ist fragil, ausländische Akteure bemühen sich um mehr Einfluss. "Versuche der Einflussnahme kommen dabei nicht nur aus Ankara oder Riad, sondern auch aus Washington, Berlin oder Brüssel. Auch sie versuchen, in ihrem Sinne auf den Reis-ul-Ulema einzuwirken", sagt der Theologe Esnaf Begic.

Gleichzeitig haben antimuslimischer Rassismus und Islamophobie in Europa Ausmaße angenommen, die für Muslime immer beängstigender werden. Rechtspopulisten erstarken, extremistische Parteien bekommen mehr und mehr Zulauf. Sie wollen Muslimen das Recht auf Teilhabe an der Gesellschaft absprechen. In dieser Situation gibt es die Erwartung, dass sich der neue Reis-ul-Ulema mit der ganzen demokratischen und historischen Legitimität seines Amtes stärker in die Debatten über Islam in Europa einbringt.

Das erhofft sich auch der Imam Bemjamin Idriz aus Penzberg. Der Reis-ul-Ulema könne nicht nur den Bosniaken, sondern allen Muslimen in Europa Zuversicht vermitteln, meint er, und den Mehrheitsgesellschaften ein Signal senden, dass der Islam ein Bestandteil Europas sei und Werte wie Rechtstaatlichkeit, Geschlechtergerechtigkeit und Meinungsfreiheit vom Islam bejaht und verinnerlicht werden. "Das sollte der Reis-ul-Ulema in Zukunft noch stärker betonen", wünscht sich Idriz.

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