Stabilere Windkraftausbeute: Windenergie aus 365 Metern Höhe

In Schipkau ist die höchste Windanlage der Welt entstanden. Die neue Technologie der Megaanlage soll doppelt so effizient sein wie andere Windräder.
Foto: Lisi Niesner/Reuters
Deutschland ist im Osten Spitze. Mit 368 Metern ist der Berliner Fernsehturm das höchste Bauwerk in der Bundesrepublik. Nur 3 Meter niedriger ist seit dieser Woche das zweithöchste Bauwerk: Im Süden Brandenburgs hat das Höhenwindrad seine finale Nabenhöhe erreicht. Weil es keinen Kran gibt, der in solch großer Höhe die Rotorblätter hätte montieren können, war das Windrad weiter unten zusammengebaut und dann hydraulisch in den Himmel geschoben worden.
Entwickelt hat das Projekt der Dresdner Ingenieurdienstleister Gicon: Im Vergleich zu derzeit herkömmlichen Windrädern im benachbarten Windpark Schipkau soll die Höhe eine Leistungssteigerung von bis zu 220 Prozent bringen.
Neu ist dabei nicht der Rotor, denn der stammt aus der Serienfertigung des saarländischen Herstellers Vensys. Mit einer Leistung von 3,8 Megawatt ist das neue Windkraftwerk eher technologisches Mittelmaß. Das Neue steckt im hohen Gittermast: Die Ingenieure stoßen damit in Höhen vor, in denen der Wind stärker und stetiger bläst.
„Es geht gar nicht so sehr um stärkeren Wind, es geht um stabileren Wind“, sagt Jochen Großmann, Geschäftsführer von Gicon. Der stabilere Wind führe dazu, dass der Rotor mehr als den doppelten Ertrag einer herkömmlichen Windturbine einfahre. Der Vorteil: Das Argument „wenn der Wind mal weht“ falle dann weg: Höhenwindräder liefern praktisch immer Strom. In der Energiewirtschaft wird dieser Strom als „grundlastfähig“ bezeichnet, der Vorwurf an die Photovoltaik und die Windkraft bislang: solchen „Grundlaststrom“ nicht liefern zu können.
Jahrelange Entwicklungsarbeit
Seit 2010 arbeitet Gicon an diesem Projekt. Um die Windverhältnisse zu erforschen, errichtete das Unternehmen zunächst einen Windmessmast. Der ließ schließlich keinen Zweifel: In 300 Meter Höhe erwies sich der Wind tatsächlich als stetiger und stärker als in den bislang üblichen Höhen der Windkrafternte.
Wie bekommt man die viele Tonnen schwere Turbine in solche Höhen transportiert?
Ende 2024 wurden dann 19 Meter tiefe Betonpfähle in den Untergrund eingebracht, die das Tragfundament bilden: Insgesamt 2.000 Tonnen ist das Höhenwindrad schwer. Anfang des Jahres begann der Bau des Gittermastes, der aus rund 22.000 Einzelteilen entstand, darunter massiven Schrauben mit jeweils zwei Kilogramm Gewicht. Das Projekt kostet zwischen 20 und 30 Millionen Euro und wird von der Bundesagentur für Sprunginnovationen (Sprind) finanziert.
Natürlich gibt es bei solch einem Projekt etliche ingenieurtechnische Herausforderungen. Eine lautet: Wie bekommt man die viele Tonnen schwere Turbine in solche Höhen transportiert? Herkömmliche Kräne schaffen so etwas nicht, das Dresdner Unternehmen hat sich deshalb eine Teleskopvorrichtung patentieren lassen. Zunächst wurde die Gondel auf 150 Meter Höhe montiert, so hoch kommt ein Kran. Danach wurde sie auf 300 Meter ausgefahren. Wenn ein Windradflügel jetzt senkrecht steht, liegt die Oberkante bei 365 Metern.
Anlage arbeitet auch für die Forschung
Nach den Prognosen soll das neue Windrad 7.500 Vier-Personen-Haushalte versorgen können, ein vergleichbares Windkraftwerk in „normaler“ Höhe schafft maximal 2.900 – und das auch nur im Optimalfall. Im November soll das Höhenwindrad ans Netz gehen und zudem auch Forschungsdaten liefern. Wenn die Technologie in Serie gehen sollte, plant der Hersteller Kraftwerke mit mehr als 7 Megawatt Leistung.
2025 war ein windschwaches Jahr, „minus 6 Prozent zum langjährigen Mittel“, bilanziert Jaqueline Drücke vom Deutschen Wetterdienst DWD. Die Windenergie deckte demnach 25,4 Prozent des Bruttostromverbrauchs. In diesem Jahr lief es etwas besser: Im Vergleich zum Vorjahreszeitraum hat die Windenergie an Land gut 9 Prozent zugelegt, die auf Nord- und Ostsee sogar um fast 20 Prozent. Bislang deckten die Erneuerbaren in diesem Jahr 61 Prozent den Bruttostrombedarfs ab, wie neue Zahlen des Zentrums für Sonnenenergie- und Wasserstoff-Forschung Baden-Württemberg zeigen. Gleichzeitig stieg der Strombedarf in der Bundesrepublik um 1,6 Prozent.
Beschlusslage der Bundesregierung ist, den Anteil der Erneuerbaren beim Stromverbrauch bis 2030 auf 80 Prozent zu erhöhen. Ob die Höhenwindrad-Technologie bei diesem Ausbau eine Rolle spielt, werden auch die politischen Rahmenbedingungen entscheiden: Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) plant gerade massive Einschnitte ins Erneuerbare-Energien-Gesetz. Ihre Begründung: Zuerst müsse das Netz ausgebaut werden. Ab Montag beginnt die Anhörung zu Reiches Gesetzentwurf im Bundestag.
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