Buch über religiöse Züge in der Politik: Hoffen auf ein bisschen Sinn

Jens Balzer blickt in seinem neuen Essay auf die autoritäre politische Theologie der Gegenwart. Dabei verweist er auf Putin, Thiel und Alexander Dugin.
Foto: Imago/Gemini
Es ist paradox: So krisen- und katastrophenhaft die aktuellen Verhältnisse auch sind – die meisten Menschen scheinen noch immer das zu beherzigen, was der Kulturtheoretiker Frederic Jameson bereits 1994 formuliert hat: es sei leichter, sich das Ende der Welt vorzustellen als das Ende des Kapitalismus. Gleichzeitig weckt der extreme Individualismus, der antreibt zu Rivalität, gegenseitiger Überbietung und rastloser Selbstoptimierung, auch eine romantische Sehnsucht nach vermeintlich authentischer Vergemeinschaftung und eine Nostalgie für eine Vergangenheit, in der angeblich alles noch intakt war.
Angetrieben werden diese Sehnsüchte von einer Hoffnung auf Erlösung. Im Glauben an heilsgeschichtliche Erwartungen äußere sich der dringende Wunsch, Gewissheit über den – eigentlich aber kontingenten – Geschichtsverlauf zu erlangen, ihn mit einem positiven Sinn aufzuladen und darin einen vorteilhaften Platz einzunehmen. Dem Fakt, dass die heilsgeschichtlichen Behauptungen verschiedenster Propheten meist demagogischer Unsinn sind, sei nicht mit moralischer Empörung oder besserwisserischer Überheblichkeit zu begegnen. Denn zentral sei vor allem: dass ihnen von so vielen Menschen geglaubt werde.
Alle Akteure eint der Wunsch, Gewissheit über den Lauf der Geschichte zu erlangen
Mit diesen Ausgangsbeobachtungen beginnt Jens Balzer seinen Essay zur Bedeutung des Messianismus und der Apokalyptik in den aktuellen politischen Diskursen. Damit hat der Kulturkritiker erneut ein drängendes Thema aufgegriffen. Schon mit „After Woke“ (2024) und „Ethik der Appropriation“ (2022) war es Balzer gelungen, einen Nerv zu treffen und Feuilletondebatten konstruktiv zu beleben. Nun nimmt er in einem großen Panorama die autoritäre politische Theologie der Gegenwart in den Blick: den Tech-Libertarismus des Unternehmers Peter Thiel, die geopolitischen Großraumfantasien des russischen Philosophen Alexander Dugin sowie die Erlösungsvisionen im Islamismus sowie in Teilen des religiösen Zionismus und in der postkolonialen Linken.
Geschichte zu einem sinnhaften Abschluss bringen
Sie alle verbindet ein Vorgehen, das der Philosoph Eric Voegelin 1952 als „Immanentisierung des Eschaton“ bezeichnet hat. Damit ist gemeint, dass Akteure das Ende der Zeit (altgriech. éskhaton) aus dem Jenseits in das Diesseits verlegen und daran glauben, sie könnten die Schaffung des Paradieses auf Erden durch ihr eigenes Handeln erzwingen – und Geschichte so zu einem sinnhaften Abschluss bringen. Diese Denkfigur finde sich, so zeigt Balzer, in den Worten und Taten der Hamas, im Messianismus des iranischen Regimes, in der extremistischen Groß-Israel-Bewegung Gush Emunin oder in Teilen der postkolonialistischen Kunst- und Kulturszene, deren ideologischer Kampf gegen Israel Züge eines Erlösungsglaubens angenommen habe.
Für manche aktuellen Ausprägungen des Messianismus ist die Figur des Katechon zentral. Damit beziehen sich zum Beispiel Thiel oder Dugin auf ein biblisches Motiv aus dem zweiten Paulus-Brief. Paulus richtete sich damals an die frühchristliche Gemeinde von Thessaloniki, die das nahe Weltende und die baldige Wiederkehr von Jesus als Messias erwartete. Wer oder was der oder das Katechon ist, bleibt in Paulus' Brief ungeklärt. In jedem Fall ist diese mysteriöse Figur in der Situation der sich verzögernden Ankunft Christi imstande, die Figur des Antichristen aufzuhalten – und damit die Apokalypse zu verhindern.
Gerade wegen dieser Interpretationsoffenheit wurde das Katechon-Motiv nach Paulus immer wieder aufgegriffen: so etwa von Kirchenvater Tertullian, der das Römische Reich als Katechon gegen die Mächte des Chaos und Zerfalls verstand, vom Vordenker der autoritären politischen Theologie Carl Schmitt, oder heute von Peter Thiel und Alexander Dugin, die hierüber ihre eigenen politischen Ideen und Projekte legitimieren und – im Sinne von Walter Benjamin – ästhetisieren.
Gegen die „teuflische Wokeness“
Dugin etwa legitimiert mit der Figur des Katechon, die er im russischen Regime oder in Wladimir Putin selbst erkennt, den andauernden Krieg gegen die unabhängige Ukraine; ähnlich verklärt er das Massaker der Hamas vom 7. Oktober 2023 als legitime Selbstverteidigung der autochthonen Gemeinschaft der Palästinenser gegen die vermeintlich raumfremde Macht Israel. Auch der Unternehmer Peter Thiel beruft sich in seinen Schriften explizit auf die Figur des Katechon, der sich unter anderem gegen die teuflische „Political Correctness“ und „Wokeness“ richte, die seiner autoritären Tech-Vision im Weg steht.
Erlösung
Balzers Essay gelingt es über weite Strecken sehr gut, die einzelnen Ausprägungen aktueller autoritärer politischer Theologie detailliert zu analysieren und dabei immer wieder auch Querverbindungen aufzuzeigen. Inspirierend sind seine Darstellungen von René Girards Theorie mimetischer Rivalität und Papst Leos Entgegnung auf Peter Thiels selektives Spiel mit christlichen Motiven. Spannend – aber auch etwas rätselhaft – bleibt die Synthese, auf die Balzers Essay hinausläuft. Sie kreist um die Frage: Was gibt uns im Gegensatz zur autoritären politischen Theologie wahre Erlösung und Hoffnung?
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