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Monday, September 28, 2026

Reisners Blick auf die Front: "Das Patt in der Todeszone ist überwindbar"

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Reisners Blick auf die Front"Das Patt in der Todeszone ist überwindbar"

Seit Monaten herrscht Stillstand an der Front, dann starten die Ukrainer Operation Vivaldi. Oberst Reisner erklärt ntv.de, warum Bodenroboter eine so wichtige Rolle spielten, als der Einbruch in die russischen Linien gelang.

ntv.de: Herr Reisner, die ukrainische Armee lanciert die Erfolgsmeldung, sie sei in der Lage, eigene Bodendrohnen bis zehn Kilometer weit auf russisch kontrolliertes Gebiet zu befördern. Können Sie das bestätigen?

Markus Reisner: Tatsächlich zeigten mehrere Videos in der näheren Vergangenheit, wie ukrainische Bodenroboter von schweren Multicopter-Drohnen in oder auch hinter die Todeszone geflogen wurden. Das war vor allem Bestandteil der Operation Vivaldi, die die Ukrainer monatelang vorbereitet haben. Diese Operation hat im Raum Lyman einen operativen Einbruch auf russischer Seite erzielt. Das ist ziemlich entscheidend, denn in dem schon lange währenden Patt entlang der gesamten Front dieses Krieges ist das der erste Einbruch auf operativer Ebene seit langem - seit die Dichte und die Tiefe der Drohneneinsätze beider Seiten eine 50 Kilometer breite Todeszone erschaffen haben.

Wie viele Drohnen sind an der Front täglich im Einsatz? Lässt sich das schätzen?

Entlang des Frontverlaufs sind es zu jeder Zeit etwa 10.000 Drohnen. Sie unterbanden bislang die erforderlichen Faktoren, die beide Streitkräfte benötigen würden, um in die gegnerischen Verteidigungslinien einzubrechen oder sie sogar zu durchbrechen. Vier Faktoren sind das: Stoßkraft, Masse, Geschwindigkeit und Überraschung. Mit der Operation Vivaldi haben die Ukrainer nun gezeigt, dass es trotz des gläsernen Gefechtsfelds und der Todeszone möglich ist, nachhaltig in die gegnerischen Linien einzubrechen. Es war kein Durchbruch, aber ein Einbruch, und die Bodenroboter spielten dabei eine entscheidende Rolle.

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Markus Reisner ist Historiker und Rechtswissenschaftler, Oberst des Generalstabs im Österreichischen Bundesheer und Leiter des Institutes für Offiziersgrundausbildung an der Theresianischen Militärakademie. Wissenschaftlich arbeitet er u.a. zum Einsatz von Drohnen in der modernen Kriegsführung. Jeden Montag bewertet er für ntv.de die Lage an der Ukraine-Front. (Foto: privat)

Wie haben die Ukrainer den Einbruch geschafft?

Mit dem dritten Armeekorps haben sie einen Eliteverband mit mehreren Elite-Drohneneinheiten herangeholt. Diese konnten ein Gebiet von etwa 400 Quadratkilometern - das entspricht in etwa der Größe Wiens - sättigen. "Sättigen" bedeutet in diesem Fall: Mit Aufklärungsdrohnen ließ sich zuerst ein exaktes Lagebild erstellen, und dann haben die Ukrainer mit enorm vielen Drohnen unterschiedlichster Art, die unterschiedlichste Zwecke erfüllen, auf dieses Gebiet gewirkt. Die Russen waren praktisch überfordert.

Das Besondere an diesem Gebiet sind die recht breiten Flüsse, die es durchziehen. Die russischen Truppen müssen sie überqueren, wenn sie nach Westen vormarschieren wollen. Kamen hier die Drohnen zum Einsatz?

Die Flüsse bilden die besondere Herausforderung dort bei der "nördlichen Angriffszange" der Front, wo die Russen versuchen, den ukrainischen Festungsgürtel südlich von Lyman zu attackieren. Sie rücken von einem Fluss zum nächsten vor, doch wann immer es ihnen gelungen ist, einen Fluss zu überschreiten, haben sie anschließend das Problem, auch ihre Logistik über diese Engstelle führen zu müssen. Über eine Brücke zum Beispiel oder auch mittels Fährbetriebs. Die Ukrainer haben diese kritischen Übergangsstellen gezielt angegriffen und unterbrochen.

In der Folge fehlte den Truppen vorn der Nachschub?

Die russischen Angriffsspitzen westlich der Flüsse konnten nicht mehr versorgt werden. Zugleich gingen die ukrainischen Verteidiger in den Angriff über und zwangen die Russen, sich wieder zurückzuziehen, zweimal sogar bis hinter den jeweils zuvor überquerten Fluss. Auf diese Art haben die Ukrainer eines bewiesen, und das ist wichtig mit Blick auf die moderne Kriegsführung: Es ist möglich, durch eine quantitative und qualitative Überlegenheit konzentriert in einem Raum das Gleichgewicht der Kräfte zu den eigenen Gunsten zu verschieben. Durch diesen massiven Einsatz von Aufklärungs- und Angriffsdrohnen gepaart mit Elementen elektronischer Kampfführung war es den Russen nicht mehr möglich, weiter anzugreifen. Die Drohnen-Eliteeinheiten der Ukrainer haben zudem gezielt die Drohnen-Eliteeinheiten der Russen aufs Korn genommen. Vor allem die russische Einheit Rubikon ist neutralisiert worden. Schließlich musste die russische Armee das Gebiet aufgeben.

Sie sagten, bei Vivaldi seien unterschiedlichste Drohnen zum Einsatz gekommen. Welcher Drohnentyp spielte welche Rolle?

Zum einen wurde das Modell "Hornet" eingesetzt, das mit dem Team des ehemaligen Google-CEO Eric Schmidt entwickelt wurde. Es kann Ziele 150 Kilometer entfernt, also tief hinter der Todeszone, bekämpfen und zum Teil voll autonom fliegen. Dazu kamen Hexacopterdrohnen - also solche mit sechs Rotoren - des Typs "Vampire" oder auch "Baba Yaga" zum Einsatz. Die "Baba Yaga" ist in der slawischen Mythologie eine böse Hexe. Diese Hexacopter sind ursprünglich sehr große Agrar-Drohnen, die vor dem Krieg über den Feldern Pestizide versprühten. Sie konnten also schon immer viel Gewicht tragen. Für den Krieg sind sie so umkonstruiert worden, dass sie verschiedene Ladungen, auch einen Bodenroboter, ins Ziel bringen können.

Dann war der Roboter hinter der Frontlinie. Was hat er dort gemacht?

Die Ukrainer haben zwei Typen von Bodenrobotern verwendet. Einer war mit Sprengstoff beladen, wurde beispielsweise an Brücken oder neben Stützpunkten abgesetzt und hat im Kamikaze-Einsatz die Brücke oder den Stützpunkt gesprengt, ein Pontongerät oder ähnliches explodieren lassen. Der zweite Typ Bodendrohne war mit Maschinengewehren ausgestattet. Den haben die Ukrainer an günstigen Stellen platziert, von denen aus sie das umliegende Gelände beherrschen konnten. Entlang der russischen Nachschubrouten konnten die Roboter die Soldaten überraschend unter Feuer nehmen. All das gemeinsam hat zu Chaos und Auflösung in den russischen Truppen geführt, aber hinter dem östlichsten Fluss haben sie sich wieder konsolidiert. Darum ist der Operation Vivaldi kein Durchbruch gelungen, sondern nur ein Einbruch. Er zeigt aber: Das Patt in der Todeszone ist überwindbar. Den Kräften mehreren Brigaden war es im Zusammenspiel aus Infanterie und unbemannten Bodensystemen möglich, in die russischen Verteidigungslinien vorzudringen. Daraus sollten moderne Streitkräfte lernen.

Wie haben die Drohnen gearbeitet? Wurden sie durch Piloten gesteuert?

Wir haben jetzt über Drohnen in unterschiedlichsten Funktionen gesprochen - sie haben aufgeklärt, angegriffen, Sprengladungen verbracht oder mit einem Maschinengewehr einen Raum kontrolliert. Was all diese Drohnen eint: Zur Steuerung benötigen sie Piloten und ein Kommunikationsnetz, ein sogenanntes Mesh. Diese Aufgabe erfüllen Relais-Drohnen am Himmel, die wie fliegende Funkbaken Kommunikation ermöglichen. Die konnten auch nur fliegen, weil die Russen quasi blind waren durch den massiven Einsatz der ukrainischen Abfangdrohnen gegen die russischen Aufklärungs- und Angriffsdrohnen.

Waren eigentlich auch Soldaten im direkten Kampf beteiligt? Oder haben hier nur Maschinen gegen Maschinen gekämpft?

Wir können eine militärische Operationsführung in drei Phasen unterteilen: Das erste ist das Shaping, die Vorbereitungsphase. Dabei haben die Ukrainer mit der Drohnen-Übermacht und elektronischer Kriegsführung die russischen Drohnen und deren Teams ausgeschaltet. Dabei war kein Soldat auf dem Gefechtsfeld nötig. In der zweiten Phase, der unmittelbaren Durchführung der Attacke, waren Soldaten im Einsatz. Durch die Blindheit, bzw. das fehlende Lagebild der russischen Truppen konnten sie sich bewegen und die feindlichen Stellungen erobern. Sie kämpften aber nicht in den großen Formationen, die wir aus der Vergangenheit kennen, sondern in kleinen Stoßtrupps.

Was passiert in der dritten Phase?

Jetzt, in der Konsolidierungsphase, geht es darum, das zurückgewonnene Gebiet abzusichern, vor allem auch die eigenen Versorgungslinien zu schützen gegen mögliche Angriffe der Russen. Auch das ist eine wichtige Phase. Gelingt die Absicherung nicht, ist das Gebiet wieder verloren.

Dann ist der Mensch noch auf dem Schlachtfeld von Nöten? Nicht komplett von Computern ersetzbar?

Das wird heftig diskutiert. Vivaldi zeigt für mich: Trotz der Roboter braucht es den Menschen, der das Gelände in Besitz nimmt und aus seinen Stellungen heraus versucht, es gegen feindliche Angriffe zu verteidigen. Der Roboter ist ein wesentliches Element zur Unterstützung - auch das hat die Operation Vivaldi sehr deutlich gemacht, die in der Qualität ihrer Einsatzführung absolut herausstach. Aber ausschließlich auf den Roboter allein kann eine Armee sich nicht verlassen.

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