Autorin Valeria Luiselli: „Auf Sizilien spürt man den Ursprung des Planeten“

Die mexikanische Autorin Valeria Luiselli erzählt in ihrem Roman „Anfang Mitte Ende“ über antike Halbgötter. Wie ihr die Götter beim Schreiben halfen.
taz: Frau Luiselli, Sie sind in Mexiko geboren und auch teilweise dort aufgewachsen. Nun leben Sie seit einigen Jahren in den USA in New York. Ihr jüngster Roman „Anfang Mitte Ende“ führt uns nach Italien auf die Insel Sizilien. Wovon wollten Sie erzählen?
Valeria Luiselli: Schon lange beschäftige ich mich mit Grenzen. Und historisch flossen auf Sizilien Entwicklungen aus dem gesamten Mittelmeerraum zusammen, von den Griechen über die Römer, Phönizier oder Karthager. Später kamen aus dem Norden die Normannen und so weiter. Sizilien wurde zu einer Art Palimpsest der Kulturen des Westens und des Nahen Ostens, die hier vor der Küste Nordafrikas aufeinander trafen und sich überlagerten. Auch in der Gegenwart bietet die Insel den Ankunftshafen für viele Schiffe, die das Mittelmeer überqueren, um nach Europa zu gelangen.
Außerdem, und das ist für diesen Roman sehr wichtig, verläuft unter dem Meer auch eine geologische Grenze. Hier stoßen die tektonischen Platten Afrikas und Europas aufeinander. Abgesehen von der Symbolik hat das ganz reale Konsequenzen. Denn es handelt sich um ein Gebiet mit extrem hoher vulkanischer Aktivität. So spürt man auf Sizilien den Ursprung des Planeten unmittelbar. Inmitten der brodelnden Lava scheint das Ende der Welt gleichzeitig zum Greifen nah.
taz: „Anfang Mitte Ende“ handelt aber auch von dem Leben und den Erinnerungen der vier Protagonistinnen einer Familie – von Mutter und Tochter, ihrer Großmutter in Mexiko und einer ausgewanderten sizilianischen Urgroßmutter. Welche Perspektiven ergeben sich daraus?
Luiselli: Für mich ist es vor allem der Versuch, die Überlieferungen der verschiedenen Generationen neu zu überdenken und dabei deutlich zu machen, dass unser Dialog mit der Vergangenheit nicht statisch oder abgeschlossenen ist, sondern sich im Laufe der Zeit verändert durch die Art und Weise, wie er sich artikuliert. Umgekehrt wird auch die Gegenwart durch den Einfluss der Vergangenheit immer wieder neu interpretiert.
Im Interview: Valeria Luiselli
geboren 1983 in Mexiko-Stadt, lebt seit 2011 in New York. Dort arbeitete sie zeitweise als Übersetzerin minderjähriger Migranten am Einwanderungsgericht – eine Erfahrung, die sie in ihrem Buch „Archiv der verlorenen Kinder“ verarbeitete. Dieser erste auf Englisch verfasste Roman war für den Booker Prize 2019 nominiert.
taz: Stimmt es, dass Sie „Anfang Mitte Ende“ sowohl auf Englisch als auch auf Spanisch geschrieben haben?
Luiselli: Ja, ich schreibe in beiden Sprachen. Mal in der einen, mal in der anderen. Aber diesen Roman wollte ich zweimal – auf Spanisch und auf Englisch schreiben.
taz: Ihre Ich-Erzählerin ist eine Schriftstellerin, die nach der Trennung von Partner und Patchwork-Familie nun allein mit der zwölfjährigen Tochter nach einem neuen Leben sucht. Aus dieser zeitgenössischen Ausgangssituation entwickelt sich jedoch eine ungewöhnliche Verbindung mit der griechischen Mythologie, mit Schriften von Empedokles oder Plinius dem Älteren. Was hat Sie daran gereizt?
Luiselli: Natürlich geht es in der Geschichte zum einen um die Auflösung einer Familie und den großen Verlust. Doch für mich hat der Roman viel mit Maßstäben zu tun, einer gewaltigen Erdentstehungsgeschichte und den winzigen individuellen Lebenswegen der Menschen. Eine zentrale Frage dieses Romans ist: Wie fängt man wieder von vorne an. Und was ist ein wirklicher Neuanfang?
Das Buch
Valeria Luiselli: „Anfang Mitte Ende“. Aus dem Englischen von Brigitte Jakobeit. Rowohlt Verlag, Hamburg 2026. 368 Seiten, 26 Euro, E-Book 21,99 Euro
taz: In einem Interview mit der spanischen Tageszeitung El País verglichen Sie die Situation der antiken Gelehrten mit unserer aktuellen.
Luiselli: Ja, ich glaube, es lohnt sich, zu diesen frühen Beobachtern der Natur zurückzukehren. Denn sie stehen tatsächlich vor einer noch nicht erzählten, unerklärten Welt. In ihren Betrachtungen ist eine so große Vorstellungskraft, die uns meiner Meinung nach viel darüber lehrt, wie wir uns vielleicht einer sich so schnell verändernden, so unbekannten und manchmal so bedrohlichen Welt stellen können.
taz: Unübersehbar trägt die Erzählung autobiografische Züge. So denkt die Erzählerin etwa darüber nach, ob sie an einem Roman oder eher an einem Essay arbeitet. Ist das eine Frage, die Sie selbst beschäftigt hat?
Luiselli: Wir Leser sind alle sehr neugierig, aber im Grunde ist die Antwort darauf, was Fiktion oder Realität ist, nicht besonders ergiebig. Als mich vor einigen Monaten der Schriftsteller Enrique Vila-Matas, der auch ein guter Freund ist, zur Buchvorstellung in Barcelona begleitete, sagte ich ihm: „Enrique, diese Frage, was Fiktion und was wahr ist, – darauf weiß ich nie eine Antwort, und ich mag es auch nicht, danach gefragt zu werden.“ Er schlug vor: „Sag doch einfach allen, es sind siebenundzwanzig Prozent.“
taz: Die „Loeb Library“, eine zweisprachige Ausgabe der griechischen und römischen Mythologie, spielt in ihrem Buch eine besondere Rolle. Begeistert lesen Mutter und Tochter in den „Naturkunden“ von Plinius dem Älteren und stehlen später einen Koffer mit den berühmten, roten und grünen Bänden. Hat die klassische Bildung, für die diese Reihe steht, heute in den USA noch eine Bedeutung?
Luiselli: Vor etwa zehn Jahren habe ich hier in New York als Freiwillige ein Projekt mit Kindern begleitet, von denen die meisten keine Papiere besaßen. Sie hatten einen wunderbar verrückten Lehrer. Nachmittags oder am Wochenende traf sich die Gruppe der Jungen und Mädchen im Alter zwischen sieben und siebzehn Jahren in Brooklyn. Er brachte ihnen Latein, Musiktheorie und Notenlesen bei. Als ich sie kennenlernte, waren die Kinder gerade dabei, „Don Quijote“ zu lesen und selbst umzuschreiben.
Ich meine, alles hängt davon ab, wie wir Wissen vermitteln. Ich hatte das Glück, die UNAM, eine kostenlose öffentliche Universität in Mexiko, zu besuchen, wo ich die beste philosophische Ausbildung erhielt, die ich mir hätte wünschen können. Auch dank dieser Jahre an der UNAM begann ich, Altgriechisch zu lernen. Wir müssen für den Zugang zu guter öffentlicher und kostenloser Bildung kämpfen.
taz: “Schwertfisch, Kamera, Sturm, Qualle, Esel, Zahnbürste, Feuer, Boot und Buch“ – diese neun Begriffe stehen in Beziehung zu einem antiken Mosaik von Proteus, dem griechischen Meeres-Gott der Metamorphose. Sie geben der Geschichte eine fröhlich-geheimnisvolle Note und zugleich Struktur. Wie kam es dazu?
Luiselli: Proteus ist eine Figur, die ihren Weg in den Roman gefunden hat. Ich habe sechs Jahre an diesem Roman geschrieben. Gleichzeitig arbeitete ich mit einem Kollektiv an „Echoes from the Borderlands“, einem Soundprojekt, das den Klang der Grenze zwischen Mexiko und den Vereinigten Staaten porträtiert. So begann ich, mehr über Naturbeobachtungen zu lesen. Proteus erschien mir zunächst in einem zeitgenössischen Gedicht von Alice Oswald. „Dart“, das zu meinen Lieblingsgedichten zählt, ist eine Art Kartografie eines Flusses und endet mit der Figur des Proteus.
Wenn die griechischen und römischen Götter in dein Leben treten wollen, zeigen sie sich in vielerlei Gestalt. Ich las John Steinbecks „Logbuch des Lebens“, und wieder stieß ich auf Proteus. Ich las Plinius’ Naturbeschreibungen und Proteus tauchte auf, so oft, dass ich mir sagte: „Gut, ich darf ihn nicht länger ignorieren.“ Es war, ehrlich gesagt ziemlich unerklärlich und magisch, denn sobald ich Proteus die Tür öffnete, war es, als hätte der Roman endlich seine Form gefunden.
taz: In „Archiv der verlorenen Kinder“, ihrem vorherigen Roman, und ebenso in „Anfang Mitte Ende“ finden sich Abbildungen von Polaroids, die eine Reise zu dokumentieren scheinen. Zusätzlich erweitern Sound-Schnipsel von Originalschauplätzen auf Sizilien das jüngste Buch. Die kann man über einen QR-Code ansteuern. Welche Möglichkeiten eröffnen sich dadurch?
Luiselli: Mir ist wichtig, dass meine Romane auch eine Art Archiv ihres Entstehungsprozesses sind. Dabei nutze ich Polaroids, historische Fotos, alte Dokumente und auch immer häufiger Tonaufnahmen. Daher interessiert es mich auch, die Spuren der Romanentwicklung im Endergebnis widerzuspiegeln und für andere zugänglich zu machen.
taz: Aktuell erleben wir in Europa verheerende Waldbrände in Griechenland, Italien, Spanien, Frankreich und in den USA. Und Ende Juli versuchten Zehntausende Migranten schwimmend, die spanische Exklave Ceuta zu erreichen. Plötzlich erscheint „Anfang Mitte Ende“ wie ein vorweg genommener Kommentar dieser Realität. Überrascht Sie das?
Luiselli: Im Englischen nennt man es den „Ripple-Effekt“. Wenn man einen Stein ins Wasser wirft, entstehen eine Reihe konzentrischer Kreise. Ich glaube, es ist die Aufgabe des Schriftstellers, den Moment der Fiktion zu betrachten, diesen Stein zu werfen und sich dann vorzustellen, wie die konzentrischen Kreise sich ausbreiten. Und deshalb erreicht die Fiktion manchmal tatsächlich die Zukunft, bevor die Realität dort ankommt.
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