Serbien nach Aleksandar Vucics Wahlniederlage: Die siegereichen Anhänger der Studierenden-Liste werden ungeduldig
Aleksandar Vucic ist großes Kino gewohnt. Jahrelang begleiteten ihm ergebene Medien jeden Schritt des einst allmächtigen Präsidenten Serbiens. Seine TikTok-Auftritte eröffneten die Abendnachrichten. Dann verlor er am 25.10.2026 die Wahl gegen die Studierendenliste. Seitdem ist vieles anders.
Die Sieger übten "revolutionären Terror" aus, klagte Vucic auf einer Pressekonferenz vor weniger Mikrofonen als früher. "Wenn sie den Terror gegen Andersdenkende fortsetzen - die Prügelattacken, die Verwüstungen und alles andere -, während die staatlichen Stellen nichts unternehmen, werden wir gezwungen sein, uns selbst zu organisieren", drohte er.
Als "Terror" gilt ihm etwa der sofortige Rücktritt der Direktorin des öffentlich-rechtlichen Rundfunks RTS. Auch führende Redakteure wurden abgelöst.
Am Montag (26.10.2026) drang eine kleine Gruppe in den TV-Sender Informer ein, gegen den wegen der Dämonisierung von Vucic-Kritikern in den vergangenen Jahren Tausende Klagen eingereicht worden waren. Journalistenverbände beantragen nun den Lizenzentzug.
Andere Vucic-treue Boulevardmedien haben bereits den Ton geändert: Anders als Informer nennen sie die Studierendenliste nicht mehr "Terroristen" und "Söldner".
Alte Vorwürfe gegen Vucic
Seit die von der Studentenrevolte getragene Liste aus Professoren, Aktivisten und Künstlern am 25. Oktober 53 Prozent holte, überschlagen sich die Ereignisse. Vucics Serbische Fortschrittspartei (SNS) blieb bei 39 Prozent.

In vielen Orten trugen Bürger friedlich Vucic-Porträts aus den Rathäusern. Die Staatsanwaltschaft für organisierte Kriminalität ermittelt unter anderem wegen Wahlmanipulationen. Eine Sonderkommission prüft die Höhere Staatsanwaltschaft Belgrad, die laut Kritikern Vucic diente und seine Gegner verfolgte.
Die Vorwürfe gegen ihn sind alt: Er und sein System hätten Medien an der kurzen Leine gehalten, nur loyale Firmen hätten Staatsaufträge erhalten, Vucic, seine Partei und der serbische Staat hätten Verbindungen zur organisierten Kriminalität.
Auslöser der Revolte war vor zwei Jahren der Einsturz des frisch renovierten Bahnhofsvordachs in Novi Sad. 16 Menschen starben. Das Unglück konnte sich vermutlich ereignen, weil bei der Auftragsvergabe zur Renovierung des Bahnhofs Korruption und Pfusch eine Rolle gespielt hatten.
Jetzt wächst die Ungeduld jener Bürger, die eben noch auf den Straßen feierten. Das neue Parlament muss erst zusammentreten, viele Machthebel hält noch die SNS in der Hand. "Eine Gesellschaft, die so lange von einer Partei unterdrückt wurde, die sich wie ein Feudalherr verhielt, erwartet jetzt verständlicherweise Gerechtigkeit", sagt Dejan Bursac vom Belgrader Institut für Philosophie und Gesellschaftstheorie der DW. "In diesem Machtvakuum sind die Bürger ungeduldig."
Vucic und führende Funktionäre versprechen eine starke Opposition und baldige Rückkehr, sobald "die da" das Land ruiniert hätten. Die meisten Kritiker verlangen dagegen Ermittlungen und Anklagen gegen Vucic. "Die Leute von der SNS benehmen sich, als hätten sie irgendwo im demokratischen Skandinavien die Bezirkswahl verloren - und nicht, als seien sie Teil eines zutiefst korrupten und kriminellen Regimes", sagt Bursac.
Wie sehr kann die alte Regierung der neuen schaden?
In Serbien sind politische Seitenwechsler verbreitet: Man geht dorthin, wo die Macht sitzt. Auch Vucic räumt ein, dass viele bisherige Mitstreiter ihm nun den Rücken kehren. "Wir werden Fälle erleben, in denen sie zurücktreten oder sich bedeckt halten, sich sogar als Informanten für die künftige Regierung anbieten", sagt Zlatko Minic von "Transparenz Serbien", einer Organisation, die Regierungen beobachtet. Die Frage, bei der es buchstäblich um viele Millionen Dollar gehe, laute: Wie sehr könne die alte Regierung der neuen schaden? "Viele Amtsträger haben noch Zeit, Aufträge zu vergeben und die von ihnen geführten Behörden finanziell zu verpflichten, ohne sich dabei womöglich selbst strafbar zu machen", warnt Minic.
Allerdings hat die Studierendenliste laut Kennern längst Kontakte zu Gegnern von Vucics Regierungsstil in Polizei und Verwaltung. Die Wahlsieger könnten nun bestimmte Machenschaften verhindern. Am Mittwoch (28.10.2026) forderte die Liste erneut Rücktritte an der Spitze von Polizei und Justiz. Hinweisgeber sollten sich melden, falls die scheidende Regierung "Unterlagen vernichten" sollte.
Ihre erste Pressekonferenz hielten Vertreter der Studierendenliste symbolisch im Pionierpark vor dem Parlament ab. Den hatten Vucics Anhänger Anfang 2025 eingezäunt und zum Pro-Regierungs-Zeltcamp gemacht. Laut investigativen Journalisten versammelten sich dort auch Schläger und Kriminelle, die Demonstranten angriffen. Am Morgen nach dem Wahlsieg räumten Unterstützer der Studierendenliste den Park auf.
Kein außenpolitischer Kurswechsel
Die siegreiche Studierendenliste vereint Linke und Rechte, proeuropäische und prorussische Kräfte. Im Mittelpunkt stehen innenpolitische Veränderungen. Die EU-Beitrittsgespräche will die Liste mit echten Reformen vorantreiben. Sanktionen gegen Russland und eine Anerkennung Kosovos lehnt sie ab - womit auch die Bevölkerung in Serbien nahezu einhellig übereinstimmt.
"Unser Plan ist, das Land zu stabilisieren und zu entwickeln, nicht, es durch irgendeine abrupte außenpolitische Kursänderung zu destabilisieren", sagt der Psychologieprofessor und künftige Abgeordnete Oliver Toskovic der DW.
Die EU werde anders als unter Vucic nicht als "Deckmantel" missbraucht. Der Beitrittsprozess Serbiens stockte zuletzt, während Vucic dem "Westen" vorwarf, eine "Farbrevolution in Serbien" angezettelt zu haben.
"Bei der Energie sind wir stark von Russland abhängig. Das ist zwar ein Fehler der bisherigen Regierung", sagt Toskovic. "Aber deshalb würden Sanktionen den Staat derzeit destabilisieren. Und das wäre weder für uns noch für die EU gut." Wie sich allerdings die Energiepolitik unter einer Regierung der Studierendenliste entwickeln wird, ist noch unklar.
Wo Vucic Giftpfeile Richtung Kosovo, Kroatien oder Bosnien und Herzegowina schoss, versprechen führende Vertreter der neuen Liste Entspannung und bessere Beziehungen. So erklärte Ilija Srdanovic, Spitzenkandidat der Studierendenliste, zum Verhältnis zu Kosovo, man sei zum Dialog mit der Regierung in der kosovarischen Hauptstadt Prishtina bereit. Mit dem kroatischen Ministerpräsidenten hat er bereits telefoniert.
Noch ist die Wahl allerdings nicht abgeschlossen: Am Sonntag, dem 1. November, wird wegen Unregelmäßigkeiten in rund fünfzig Wahllokalen erneut abgestimmt. Danach kann das Parlament zusammentreten. Eine schnelle Regierungsbildung wäre keine Überraschung. Die Namen der Mitglieder bleiben vorerst geheim.
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