Massaker-Opfer in Iran: Der Widerspruch der Väter

Vor der UN-Generalversammlung machte Irans Präsident Massud Peseschkian Terroristen und den Mossad für die Januar-Massaker verantwortlich. Angehörige der Opfer widersprechen.
Foto: Bing Guan/reuters
Als im Januar innerhalb von nur zwei Tagen Tausende Demonstranten in Iran ums Leben kamen, entwickelte das iranische Regime sehr schnell seine eigene Darstellung der Ereignisse: Mossad-Agenten und bewaffnete Terroristen hätten die Menschenmassen unterwandert und zu der „Tragödie“ geführt, bei der nach Angaben der UN weit mehr als die von der iranischen Regierung genannte Zahl von 3.038 Menschen starben.
Nun nutzte die iranische Regierung die Bühne der UN-Generalversammlung bis zum 28. September, um genau dieses Narrativ in die Welt zu tragen. Bei seiner Rede vor der UN und in Interviews mit westlichen Medien wie Fox News und Face the Nation wiederholte der iranische Präsident Massud Peseschkian die üblichen Talking Points und nannte die Massenproteste einen „versuchten Staatsstreich“. Meist ohne nennenswerten Widerspruch seitens der Journalisten.
Doch seit einigen Tagen sind es die Angehörigen der Opfer selbst, die dem iranischen Präsidenten – unter Gefahr für ihr Leib und Leben – öffentlich widersprechen.
Bemerkenswert an den Videos, die verschiedene Väter getöteter Demonstrant*innen online gestellt haben, ist die Ruhe, mit der sie die Behauptungen ihres Präsidenten widerlegen.
Sohn unter Leichenbergen gesucht
Da ist beispielsweise der Vater von Sepehr Shokri, einem Demonstranten, der 25 Jahre alt war, als er am 8. Januar um 21.20 Uhr im Osten Teherans von einem militärischen Projektil aus der Höhe in der Brust getroffen und getötet wurde. Vielen Iraner*innen ist Sepehrs Vater bereits schmerzlich bekannt. Unmittelbar nach den Massakern wurde ein Video veröffentlicht, in dem er 12 Minuten lang schluchzend unter Leichenbergen nach seinem ermordeten Sohn sucht.
In der Antwort auf Peseschkian argumentiert Shokri nun kühl-rational: „Ich möchte dem Präsidenten Peseschkian sagen, der vor der UN unsere Söhne als bewaffnete Aufrührer und Terroristen bezeichnet hat: Auf welcher Basis machen Sie diese Aussagen? (…) Ich fordere Teherans Polizeichef und den Chef der Kriminalpolizei dazu auf, alle Überwachungskameras in dem Gebiet zu überprüfen.“ Schließlich hält Shokri den iranischen Machthabern den Spiegel ihres eigenen Glaubens vor: „Imam Hossein sagt: ‚Sag die Wahrheit, auch wenn sie nicht zu deinen Gunsten ausfällt.‘ Sind Sie etwa nicht in der schiitischen Lehre bewandert, Herr Peseschkian?“
Mit zwei Schüssen in die Brust getötet
Ein weiterer Vater stellt sich mit dem Bild seines Sohnes, des getöteten Architekturstudenten Erfan Abdipour, vor die Kamera. Abdipour wurde in der Nähe des Aryashahr-Platzes in Teheran, wo er sich nach der Arbeit im Restaurant des Bruders den Protesten anschloss, von zwei Kugeln in der Brust getroffen. Mit geschlossenen Augen antwortet der Vater auf den Vorwurf des versuchten Staatsstreichs: „Rund um den Aryashahr-Platz gibt es weder Militärkasernen noch sonstige sicherheitsrelevante Gebäude, was hätte mein Sohn dort also ‚einnehmen‘ sollen?“
Ähnliche Statements, in Video- und in Schriftform, machten Dutzende weitere Angehörige, Brüder, Schwestern, Väter und Mütter. In persischsprachigen sozialen Medien wurden die Videos tausendfach geteilt. Unabhängige Berichte von Amnesty International und einer UN-Untersuchungskommission, die jeweils im September veröffentlicht wurden, stützen die Aussagen der Angehörigen. Demnach hätten iranische Regimekräfte durch die Massentötungen im Januar systematisch „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ begangen.
UN-Generalversammlung als Bühne genutzt
Die iranischen Machthaber dürften dennoch zufrieden sein. Denn es ist ihnen gelungen, die UN-Generalversammlung als große PR-Show zu nutzen. Die Realität der Repression und der Terrorfinanzierung wischte man beiseite, stattdessen inszenierte Peseschkian Iran als Opfer von „versuchten Staatsstreichen“ und „amerikanischem Terrorismus“.
Teil dieser Strategie waren wohl auch die Treffen mit hochrangigen EU-Politikern, wie mit der EU-Außenbeauftragten Kaja Kallas oder mit dem deutschen Außenminister Wadephul. Diese Nähe und ihre legitimierende Wirkung sucht Iran offenbar proaktiv, wie die Grüne EU-Parlamentarierin Hannah Neumann auf der Plattform X nahelegt: Auch sie sei zu einem Treffen mit dem iranischen Botschafter eingeladen worden. Im Gegensatz zu anderen Politikern lehnte sie die Einladung ab.
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