Zverev krönt sich zum US-Open-Sieger - und merkt es nicht
Alexander Zverev schaute sich verwirrt um, guckte Richtung Anzeigetafel und riss dann erst die Arme hoch. Nur mit einigen Momenten Verzögerung realisierte der 29-jährige Tennisprofi seinen großen Triumph. Den großen Lacher für die Zuschauer erklärte Zverev mit einem breiten Grinsen.
"Ich dachte, der Stand wäre 5:1", sagte der frischgebackene US-Open-Sieger über den kleinen Aussetzer in der Sekunde seines zweiten Grand-Slam-Triumphs. "Es war ein langes Match, es waren lange zwei Wochen", schob er beim Fernsehsender ESPN augenzwinkernd hinterher.
Zverev hatte schlicht nicht realisiert, dass er nach dem Fehlschlag von Ben Shelton nach 3:33 Stunden Spielzeit das Finale mit 6:3, 7:6 (7:2), 5:7, 6:2 gewonnen hatte. Sekunden vergingen, ehe er in Jubel ausbrach.
"Wir haben 30 Jahre lang keinen Grand-Slam-Titel gewonnen und jetzt haben wir zwei in drei Monaten gewonnen", sagte Zverev an sein Team gerichtet in seiner Siegeransprache. "Ich denke, Gott hat gesehen, wie viel wir arbeiten, wie viel wir gelitten haben, wie viel Schmerz hier reingeflossen ist."
Zverevs Dank an seine Mutter
Zudem dankte er in emotionalen Worten seiner Mutter, die trotz seiner Diabetes-Diagnose im Kindesalter an eine Tenniskarriere geglaubt hatte. "Sie ist die wichtigste und stärkste Person, die ich kenne."
Von Tennis-Legende Jimmy Connors erhielt er die Trophäe und reckte sie stolz in den Abendhimmel von New York. Lange hatte Zverev einen Major-Titel gejagt, mehrfach war er dicht dran - etwa 2020 bei seinem Final-Debüt in New York, als er gegen den Österreicher Dominic Thiem nach 2:0-Satzführung noch verlor.

Derzeit kommen die großen Trophäen allem Anschein nach im Abo, nur 14 Wochen nach dem Finaltriumph in Paris folgte der zweite Major-Erfolg. "Vor drei Monaten hätte ich sofort unterschrieben, wenn jemand gesagt hätte: Du gewinnst einen Grand Slam", betonte Zverev.
Nun rundete der Deutsche seine Traumsaison bei den wichtigsten vier Tennis-Turnieren ab. Anders als im verlorenen Wimbledonfinale gegen den nun verletzt fehlenden Jannik Sinner aus Italien dominierte der 29-Jährige das Duell mit dem US-Amerikaner Shelton und trotzte auch der hitzigen pro-amerikanischen Stimmung im Arthur Ashe Stadium.
Geht noch mehr für Zverev?
Jetzt eröffnen sich ganz neue Perspektiven: Auch Platz eins der Weltrangliste, ein weiteres Karriereziel, könnte im Herbst Realität werden, denn der in New York fehlende Spitzenreiter Sinner hat viele Punkte bis zum Saisonende zu verteidigen. Misslingt ihm das, ist Zverevs Sprung an die Spitze als zweiter Deutscher nach Boris Becker fast zwangsläufig.
Becker freute sich mit dem 29-Jährigen, den er in den vergangenen Jahren oft kritisiert hatte. "Ich habe immer gesagt: Er ist locker gut für fünf Grand Slams, wenn er seine Mentalität hinbekommt", sagte das deutsche Tennisidol in seiner Rolle als Experte bei sporteurope.tv.
Zverev holt in immer mehr Kategorien auf. Seit Sonntag teilen sich Becker und er etwa den "deutschen Männer-Rekord" von zwei Grand-Slam-Erfolgen in einem Kalenderjahr. Becker gewann 1989 sein Lieblingsturnier Wimbledon und die US Open, Zverev in diesem Jahr Roland Garros und Flushing Meadows.
Doch auch für Becker wird Zverevs US-Open-Sieg seine besondere Note behalten. "Er gewinnt zum ersten Mal die US Open und merkt's nicht - bemerkenswert", sagte Becker bei sporteurope.tv zu dem skurrilen Moment unmittelbar nach Matchende: "Das ist die Szene des Jahres für mich im Sport."
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