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Tuesday, September 22, 2026

Theater Bremen nach Tod des Intendanten: Aber Pathos passt gut

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Mit der Gegenwartsoper „Innocence“ und der Schauspiel-Uraufführung „I. Grief. Different.“ trauert das Theater Bremen um den verstorbenen Intendanten.

Zuletzt, ganz am Ende von Kaija Saariahos Oper „Innocence“, lässt die gespenstische Markéta dann doch ab von ihrer Mutter. Die singt sich, in Bremen gespielt von Sopranistin Nadine Lehner, als Gelegenheitskellnerin traurigschön durchs Überleben. Und das überschattete bis dahin halt der lange zurückliegende gewaltsame Tod der Tochter.

Nun aber wirkt es, als breche Hoffnung auf: Die traumatisierte Mama wird eine Zukunft haben, weil die wandelnde Mädchenleiche Markéta sie freigibt; weil Folk-Pop-Performerin Venla Ilona Blom endlich ganz ins Totenreich hinüberjoikt.

Das Verb joiken leitet sich ab vom Joik, so heißt der sámische Schamanengesang. Ab dem 17. Jahrhundert von lutherischen Missionaren als satanisch verdammt, wurde er bis in die 1990er Jahre verfolgt, wenn auch am Ende nicht mehr mit Hinrichtungen, Auspeitschungen und anderen Körperstrafen.

Klanglich zeichnet er sich vor allem durch per Kehlkopfdruck erzeugte, gepresste, oft schneidend scharfe Töne mit nasaler Resonanz aus. Rituell eröffnet der Joik den Übergang vom Jenseits in die Gegenwart. Und eine Sängerin, die ihn so beherrscht wie Blom, lässt magische Transgression für möglich halten.

Die Braut heiratet ein Massaker

Um das Zusammenspiel von Menschen und Geistern musikalisch zu gestalten, hat sich die 2023 gestorbene finnische Komponistin Saariaho den Joik für ihr Opernschaffen angeeignet. Besonders eindrucksvoll gelingt das in dieser 2021 in Aix-en-Provence uraufgeführten School-Shooting-Oper; wobei School-Shooting-Verdrängungs-Oper hier wohl korrekter wäre.

Denn Librettistin Sofi Oksanen hat den Plot 10 Jahre nach einem solchen Amoklauf angesiedelt: Die Szene ist die Hochzeit des Täter-Bruders. Sopranistin Julia Grüter als glockenhell tirilierende Braut Stella heiratet ahnungslos in das Massaker hinein, in das alle anderen irgendwie verstrickt sind: Durch die Party wandeln die abgeknallten Schüler*innen. Melodielos vielsprachig schildern sie Details ihrer Ermordung.

Die handlungsarme aber spannungsreiche Oper hatten New York Times, Guardian, die Fachzeitschrift Diapason und alle anderen auch gleich nach der Weltpremiere als Meisterwerk gefeiert; allein in Deutschland haben sie mit Bremen nun fünf Häuser produziert, Rekord für eine Oper des 21. Jahrhunderts. In Bremen markiert sie den Beginn einer Saison, mit der das Theater Abschied nimmt: Michael Börgerding, der 2012 die Intendanz des Vierspartenhauses übernommen hatte, war im Januar 2025 gestorben.

Ein Jahr lang wurde seither Börgerdings Nachlass gepflegt, also lang Geplantes und Angeschobenes realisiert. Kommende Spielzeit soll ein Team um Regisseur und Autor Armin Petras übernehmen. Auch personell ist das kein Bruch: So wird Musikdramaturgin Frederike Krüger auch dazugehören, die schon gegenwärtig die Sparte in Bremen leitet. Zugleich sorgt sie mit der Saariaho-Oper für eine gut wahrnehmbare Zäsur: Nach 2008 war in Bremens Großem Haus kein Musiktheaterwerk einer Frau mehr produziert worden. Dort wurden in der Zeit stets wilde Sachen mit Repertoire-Opern toter Tonsetzer angestellt, meist von wilden, ewig jung bleibenden Männern.

Grobschlächtiger, aber gut lesbarer Symbolismus

Zu denen zählt Marco Štorman, der in Bremen seine Liebe zur Oper entdecken durfte. Mittlerweile führt er in ganz Deutschland Regie. Seine von der Kritik gefeierten Inszenierungen zeichnen sich durch oft recht grobschlächtigen, aber gut lesbaren Symbolismus aus. In „Innocence“, seiner achten Bremer Musiktheater-Arbeit, lässt er die Dar­stel­le­r*in­nen auch mal mit riesigen Plaste-Lilien über die Bühne laufen, damit allen klar ist: Die tragen ihre Unschuld bloß vor sich her.

Aber Pathos passt gut zur mit dräuenden Akkordreihen am Klavier und düsteren Fagottkantilenen klug gegliederten, recht romantisch gedachten Komposition. Die Bremer Philharmoniker tragen sie, dirigiert von Stefan Klingele, mitreißend vor. Und ein Quäntchen Kitsch verträgt, wie jede Traumwelt, auch das Seelen-Polarmeer, das Bühnenbildnerin Eva Veronica Born aus zackig ragenden Flächen zusammengeschoben hat. In seiner Mitte klafft ein Loch.

Die Trauer soll sich auf eine Vaterfigur beziehen, die als Dad apostrophiert wird

Auch im Sprechtheater betreibt man in Bremen zum Saisonauftakt Trauerarbeit. Dafür wird auf ähnliche Melancholie-Bausteine gesetzt: Was in der Oper die eisig ausgeleuchteten Schollen sind, sind auf der von Nicole Marianna Wytyczak eingerichteten dunklen Raumbühne des Kleinen Hauses anthrazitlackierte Felsen. Zwischen denen sollte hier am Freitag ein „Trauerfest“ steigen. So wenigstens hat Ralph Tharayil seinen bisher zweiten Theatertext „I. Grief. Different.“ rubriziert.

Tharayil hatte 2017 beim „open mike“ gewonnen und seine Erzählung „haute einen um“, befand damals taz-Kritiker Detlef Kuhlbrodt. Das lässt sich über „I. Grief. Different.“ nun wahrlich nicht sagen. Der Text hat sieben Abschnitte. Gegliedert wird er durch einen Kehrvers: „WARUM LIEGT HIER SCHNEE / GESTERN WAR SAMSTAG / HEUTE IST SONNTAG / HEUTE IST SCHNEE VON GESTERN“ lautet der. In jedem Durchgang wechselt der Wochentag.

Tränen auf Kommando

Dazwischen montiert sind assoziative Satzsammlungen zum Thema Trauer. Die soll sich auf eine reichlich schematische Vaterfigur beziehen, die als „Dad“ apostrophiert wird. Eine echte Bühnensituation ergibt sich nur, wo der Text ein kompetitives Training der Trauermuskulatur ausmalt, in etwa wie bei der Testamentseröffnung am Anfang von Jean Pauls „Flegeljahren“: wer zuerst weint, gewinnt. Die vier Ak­teu­r*in­nen strengen sich simultan an, mittels konventionellen Leidensgeposes, in Tränen auszubrechen.

Das ist lustig. Das übrige Brainstormgelee wirkt dagegen lustlos zusammengerührt. Daran können weder die zupackende Regie von Miriam Ibrahim noch der konzentriert rezitierende Cast viel ändern. Immerhin gelingt's ihnen, die Prosa zu rhythmisieren, ihren bloß behaupteten unterschiedlichen Stimmen tänzerische Präsenz zu verleihen.

Als Sprechkonzert aus mal einander übertönendem mal chorisch vorgetragenem Gerede lässt sich das durchaus genießen. Inhaltlich aber bleibt's trist: Es stimmt nicht traurig. Es lässt kalt.

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