Schweden vor der Wahl: Rauer Ton im hohen Norden

Am Sonntag wählt Schweden und kann sich für links oder rechts entscheiden. Gesundheitssystem, Wirtschaft und Arbeitslosigkeit dominierten den Wahlkampf.
Foto: Anders Wiklund/tt/imago
Rechts oder links? Am Sonntag wählt Schweden ein neues Parlament. Die Frage, welche Seite gewinnt, ist besonders brisant, seitdem „rechts“ in Schweden nicht mehr nur für klassisch-konservativ steht, sondern die Schwedendemokraten mit einschließt. Die Rechtspopulisten könnten nach ihrem bereits 2022 erfolgten Vorrücken ins politische Machtzentrum nun erstmals auch eigene Minister stellen.
Bislang standen sie noch an der Seitenlinie, hatten als offizieller Mehrheitsbeschaffer für die Regierung aber bereits starken Einfluss auf deren Politik. Der Name Tidö-Regierung verweist auf den Ort, an dem diese Zusammenarbeit ausgehandelt wurde. Angeführt wird sie von den Moderaten des Ministerpräsidenten Ulf Kristersson, in Koalition mit Liberalen und Christdemokraten.
Nach vier Jahren schien der Opposition, mit Magdalena Anderssons Sozialdemokraten an der Spitze, die Rückkehr an die Macht sicher. Doch im Endspurt des Wahlkampfs schrumpfte der Vorsprung des Mitte-Links-Blocks von zeitweise zweistelligen Prozentzahlen immer weiter. Laut der jüngsten Umfrage im Auftrag des schwedischen Rundfunks SR liegt das rechte Spektrum nur noch 3,2 Prozent zurück. Demnach kommen die Tidö-Parteien zusammen auf 47,6 Prozent, die rot-grüne Seite mit Sozialdemokraten, Zentrumspartei, Grünen und Linkspartei zusammen auf 50,8 Prozent.
„Recht und Ordnung“
Einigkeit über den richtigen Umgang mit einem Sieg herrscht auf dieser Seite allerdings nicht – mit der Linkspartei wollen die Sozialdemokraten eigentlich auch weiterhin nicht regieren. Es wird über Möglichkeiten in der Mitte spekuliert. Mit knapp 29 Prozent sind die Sozialdemokraten immer noch größte Partei in Schweden. Zweitstärkste Kraft sind mit rund 20 Prozent längst die Schwedendemokraten, zu denen viele ehemalige Sozi-Wähler gewechselt sind.
Die Tidö-Regierung war 2022 mit dem Ziel angetreten, mit der Bandenkriminalität aufzuräumen – „Recht und Ordnung“ ist das Schlagwort. Zugleich wurde das Problem immer wieder direkt mit der migrantischen Bevölkerung in Verbindung gebracht. Das zweite große Ziel war, auch in der Migrationspolitik „aufzuräumen“.
Die Zahl der Morde durch organisierte Kriminalität ist während der Mandatsperiode zurückgegangen. Kriminologen sehen tatsächlich in der verbesserten Polizeiarbeit den entscheidenden Faktor, und weniger bei gesetzgeberischen Maßnahmen wie deutlich härteren Strafen. Dass kriminelle Ausländer ausgewiesen werden sollen, ist im Land kein Streitthema. Auch darüber, dass Schweden nicht zurückkehren sollte zu seiner früher sehr großzügigen Aufnahmepolitik, herrscht weitgehend Konsens.
Aber die Tidö-Migrationspolitik hatte weitreichendere Folgen. In Kombination führten mehrere Gesetzesänderungen dazu, dass viele längst integrierte und arbeitende Menschen plötzlich ihre Aufenthaltserlaubnis verloren. Kritiker warnen, dass es den Schwedendemokraten im Prinzip darum gehe, so viele „nicht-ethnische“ Schweden wie möglich loszuwerden. Und davor, dass sie immer radikaler werden würden, je mehr Macht sie bekämen.
„Schweden wäre ein völlig anderes Land“
Im Fall eines Wahlsieges des rechten Blocks fordert SD-Parteiführer Jimmie Åkesson mindestens zwölf Ministerposten. Für einen Teil der Gesellschaft ist es das Hauptthema, dass dies verhindert wird. In den sozialen Medien meldeten sich jetzt in den Tagen vor der Wahl viele Kulturschaffende zu Wort und erinnerten daran, dass die Schwedendemokraten immer wieder Journalisten verunglimpften, den öffentlich-rechtlichen Rundfunk schrumpfen wollten und wissenschaftliche Erkenntnisse als Meinungen abfertigten.
Oppositionsführerin Magdalena Andersson spricht davon, dass Schweden ein völlig anderes Land wäre, sollten die Schwedendemokraten – „eine rechtsextreme Partei, die von Neonazis gegründet wurde“, die nächste Regierung dominieren. In der Bevölkerung stehen das Gesundheitssystem und die schwedische Wirtschaft weit oben auf der Liste der wichtigsten Wahlthemen. Die Arbeitslosigkeit zu bekämpfen, ist der aktuellen Regierung nicht geglückt, aber dafür hat sie die Benzinpreise gesenkt.
Es wird in diesen Wochen in Schweden viel über den rauen Ton geklagt, der auch die scheinbar unendlich vielen parteipolitischen Fernsehdebatten prägt. Für viele ein weiterer Grund, den Wahltag herbeizusehen. Ganz nach dem Motto: Dann ist das endlich erledigt und man kann wieder über etwas anderes sprechen. Die Wahllokale sind am Sonntag von 8 bis 20 Uhr geöffnet. Neben dem Parlament werden am Sonntag auch die politischen Führungen der Regionen und der Kommunen neugewählt.
Nach dem Erfolg der AfD bei den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt bangen viele Menschen um die Zukunft, es droht die erste AfD-Regierung. Das wäre eine (weitere) Zäsur für Deutschland. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen
Schweden vor den Wahlen Mit niedlichen Hummeln um Wähler kämpfen
Am Sonntag wählt Schweden. Die rechten Schwedendemokraten zeigen sich besonders selbstbewusst – nach vier Jahren nahe der Macht. Ein Besuch am Wahlstand.
Von Anne Diekhoff
Schweden vor der Parlamentswahl Auf dem Sprung
Die rechtspopulistischen Schwedendemokraten könnten der nächsten Regierung angehören. Das rechtskonservative Lager hätte keine Berührungsängste.
Von Anne Diekhoff
Schwedischer Menschenrechtsexperte „Man könnte von Rassismus sprechen“
Schwedens rechte Regierung verschärft das Strafrecht und will Staatsbürgerschaften entziehen. John Stauffer warnt vor dem Abbau des Rechtsstaats.
Interview von Anne Diekhoff
10 Wochen taz + Sachbuch „Autoritäre Rebellion“
Gegen Rechtsruck hilft Linksblick
Zeiten wie diese brauchen Seiten wie diese: unabhängig, konzernfrei und mit klarer Kante gegen Faschismus, Rassismus und Rechtsruck. Teste jetzt die taz und erhalte das neue Buch „Autoritäre Rebellion“ von Rechtsextremismus-Experten Andreas Speit als Prämie.
- Das neue Buch „Autoritäre Rebellion“ von Andreas Speit als Prämie
- Die wochentaz jeden Samstag frei Haus + digital in der App
- Die tägliche taz von Mo-Fr digital in der App
- Zusammen für nur 28 Euro
10 Wochen taz + Buch „Autoritäre Rebellion“
Jetzt bestellen
KioskNews shows a cleaned-up reading view extracted from the publisher’s page — the original always lives on their site, not ours.