"Texas ist Ground Zero": Erobert James Talarico den Cowboystaat, wäre Trump entzaubert

"Texas ist Ground Zero"Erobert James Talarico den Cowboystaat, wäre Trump entzaubert

Senatskandidat James Talarico in Texas lässt die Demokraten auf eine Mehrheit in Washington hoffen. Gewinnt der 37-Jährige in der republikanischen Hochburg, könnte das der Anfang vom Ende für Trumps System sein. Dessen Kandidat Paxton hat den Existenzkampf ausgerufen.
Rund 15 Minuten. So lange dauert es, um die Anstehenden entlangzulaufen, wo Freiwillige andere Freiwillige für die letzten Wahlkampftage der Demokraten anwerben, der schwarze "Talarico"-Bus sich in die Auffahrt schiebt und Autos durch das aufgeregte Treiben. Ganz am Ende, hinter Tausenden anderen, hat sich Marissa Najera angestellt. Der 31-Jährigen und ihrem Begleiter ist es egal, dass sie es wohl nicht in den Veranstaltungssaal schaffen. "Wir wollen unsere Unterstützung für James Talarico zeigen", sagt sie, den demokratischen Kandidaten für den US-Senat. Nur noch wenige Tage verbleiben bis zur Kongresswahl.
Am Dienstag könnte Talaricos Politikstern erstmals erstrahlen, falls der 37-Jährige im wohl symbolischsten aller Kongresswahlkämpfe dieses Jahres gewinnt. Seit Jahrzehnten regieren die Republikaner in Texas praktisch ungestört, letztmals gewann 1988 ein Demokrat einen Senatssitz. Sie hoffen, dass eine "blaue Welle" die Republikaner und ihre Mehrheiten in Washington aus beiden Kammern fegt. Im Bundesstaat der Cowboys reitet Talarico auf dem Kamm dieser Welle - und in Umfragen hauchdünn vor seinem republikanischen Konkurrenten Ken Paxton, derzeit Oberster Staatsanwalt im Bundesstaat. Talarico tourt derzeit kreuz und quer durch den Bundesstaat, praktisch pausenlos.
Bei untergehender Sonne rücken die Menschen langsam vorwärts. Der Altersdurchschnitt ist niedrig, viele tragen Kleidung des landesweit bekannten Colleges Texas Tech. Ursprünglich sollte die Rally in der für ihre American-Football-Mannschaft bekannten Hochschule stattfinden, aber die Veranstalter wurden von Anmeldungen überflutet. Sie verlegten sie in einen sechsfach so großen Veranstaltungsort mit Platz für rund 3000 Personen. Im Innern beginnt Talarico seine kämpferische, aber ruhige Rede unter der niedrigen Decke des "Fiesta Grill".
Gegenteil eines Marktschreiers
"Die Erschwinglichkeitskrise haben wir wegen einer Korruptionskrise", kritisiert er, und verknüpft damit zwei der wichtigsten Themen für Wähler in beiden politischen Lagern. Es gibt nicht weniger Geld - die Korrupten und Reichen ziehen es euch nur aus der Tasche, so seine Botschaft. Talarico vollführt das Kunststück, zugleich progressiv, bodenständig und überlegt zu wirken. Er ist damit ein Gegenentwurf zu den Marktschreiern der MAGA-Welt. Sogar Joe Rogan, der meistgehörte Podcaster der USA, der vor zwei Jahren Trump und die Republikaner unterstützt hatte, verstand sich im vergangenen Jahr gut mit Talarico. Der sagte in der Sendung, er habe erkannt, dass der politische Kampf nicht links gegen rechts stattfinde. Sondern von unten gegen die da oben. Die Clips zirkulieren noch immer in republikanisch gefärbten Medienkanälen.
Gegen den sogar unter Republikanern umstrittenen Paxton, der von US-Präsident Donald Trump unterstützt und von Tech-Milliardär Elon Musk fast im Alleingang finanziert wird, wurde wegen Korruption ermittelt. Republikaner und Demokraten stimmten gemeinsam für ein Amtsenthebungsverfahren gegen ihn. Trump lobte Paxton nichtsdestotrotz als besten Staatsanwalt aller Zeiten, da er mehrfach er demokratische Gesetze aus Washington vor Gerichten in Texas zu Fall gebracht habe. Wegen seines Aussehens beschrieb der Präsident Talarico als "Alfred E. Neumann" aus dem Comic MAD, gab ihm den Spitznamen "Talafreako". Vizepräsident JD Vance verspottete den Demokraten mit homophoben Andeutungen.
Im sonst so republikanisch geprägten Bundesstaat zeigt sich, wie sehr den Konservativen bei diesen Kongresswahlen das Wasser bis zum Hals steht. Trump hatte den noch amtierenden texanischen Senator John Cornyn ausgebootet und stattdessen Paxton wegen dessen Loyalität unterstützt. Der Kampf um den Senatorenposten ist einer um Trumps Patronagesystem in der republikanischen Partei. Paxton wird von Milliardären finanziert wie der Präsident. Gegen ihn wurde ebenso erfolglos ein Amtsenthebungsverfahren geführt und die Korruptionsvorwürfe sind immens. Scheitert Paxton, wäre Trump ein Stück weit entzaubert.
In Umfragen unter Männern und in ländlichen Wahlkreisen führt Paxton noch. Aber er weiß, was die Stunde geschlagen hat. "Verlieren wir Texas, verlieren wir das ganze Land", sagt er bei seinen Wahlkampfveranstaltungen. Inzwischen bezeichnen sich im Grenzstaat zu Mexiko ein Drittel der Wähler als Latinos, in der jüngsten Wählergruppe sogar fast die Hälfte. Unter ihnen führt Talarico in Umfragen, sowie bei Frauen, in den Städten und Vorstädten.
"Ich bin mit nichts einverstanden, was ICE macht, das hat mich in die Politik gezogen wie nie zuvor", sagt Marissa Najera über die Abschiebebehörde. Die mexikanische Mutter mit US-Pass zeigt sich elektrisiert. "Ich gehe zu Wahlkampfveranstaltungen, zu Demonstrationen, beteilige mich mehr an Politik als jemals in meinem Leben", sagt sie. Der Auslöser sei gewesen, als ICE jemanden aus ihrer weiteren Familie festnahm, abschob und dessen Frau und drei Kinder zurückblieben. "Ich habe erlebt, wie das ihre Familie getroffen hat. Das war für mich der letzte Sargnagel", sagt sie über ihre Meinung zu Trump.
American Football, Nachbarschaft und Gott
Zwei Tage später, im Zentrum von Dallas, ist Talaricos Team besser vorbereitet. Es hat kurzfristig die Sicherheitskontrollen im Kongresszentrum im Zentrum der Stadt um eine Stunde vorgezogen, die Halle ist riesig, mehrere Blöcke mit Stühlen vor der Bühne mit Texasfahne füllen sich stetig. Mit jedem Redner stehen die Besucher häufiger, links und rechts davon tun sie das ohnehin. Tausende finden ihren Weg hinein, sind vom Alter her völlig durchmischt - Talarico kommt nicht nur bei jungen Menschen an. "Liebe Deinen Nachbarn", steht auf bereitgelegten Schildern, Besucher tragen "Ich bin ein Talafreako"-Shirts.
Die Gouverneurskandidatin Gina Hinojosa spricht, sie will am Dienstag den Republikaner Greg Abbott ablösen. Hinojosa hat laut Umfragen nur eine kleine Chance, Abbott abzulösen, aber sie wird bei ihrer kämpferischen Rede frenetisch bejubelt. Ihre "Bilanz" Abbotts, der seit 2015 den Bundesstaat regiert: Landesweit gebe es in Texas den höchsten Anteil von Einwohnern und Kindern ohne Krankenversicherung, ohne Strom, sowie die meisten Insolvenzen. "Er hat uns verkauft", ruft sie angesichts der Korruptionsvorwürfe gegen den Gouverneur.
Alles laufe auf eine Frage hinaus: "Wem gehört Texas?" Der Bundesstaat sei "Ground Zero für diesen einen Kampf". Im Bundesstaat säßen 99 Prozent der Bevölkerung in einem Boot, so Hinojosa, da der Kulturkrieg nur "den 15 Tech-Milliardären genützt" habe, allen voran Elon Musk. Nach einem Pastor, der die Menge mit einer Rede gegen die Republikaner im Stakkato-Stil aufpeitscht, kommt Talarico. Der Demokrat webt dieselben Geschichten wie in Lubbock ineinander; eine Komposition aus Siegessicherheit, emotionalen Anknüpfungspunkten, Angriffen auf Paxton und Musk. Es geht um Gemeinschaft, American Football und die Bibel.
"Ihr seid meine Steinschleuder"
Anthony Murphy hört aufmerksam zu. "Hoffentlich werden ein paar Leute zur Rechenschaft dafür gezogen, was in Washington passiert", meint der 69-Jährige, der allein gekommen ist. "Wir können nicht viel davon rückgängig machen, was Trump getan hat, aber zumindest Leute zur Verantwortung ziehen." Auch die Demokraten sieht er kritisch. "Die sollen sich zusammenreißen, koordinierter vorgehen und den Menschen helfen", fordert er. "Die KI-Konzerne sollen die Gemeinden dafür entschädigen, was sie verursachen." Anthony Murphy stören zudem der Krieg gegen den Iran und im eigenen Land die Angriffe auf das Wahlsystem.
Talarico wettert am Pult gegen Korruption und Paxton. "Wir werden finanziert von 1,3 Millionen Spendern, Ken Paxton wird von einem Typen finanziert", spitzt er den Konflikt an. "Elon Musk will unser Steuergeld, unser Wasser, unser Land, seinen eigenen persönlichen Senator." Die Texaner hätten vor zwei Jahren dafür gestimmt, die Lebensmittelpreise zu senken. "Zölle erhöhen die Preise." Sie hätten gegen Kriege gestimmt, aber nun haben wir einen neuen Krieg im Nahen Osten. Das treibe die Benzinpreise. Sie hätten für niedrigere Gesundheitskosten gestimmt, aber "korrupte politische Geschäfte" ließen die Krankenkassenbeiträge in die Höhe schießen. "Alles, um Steuern von Milliardären zu senken."
Dieser Wahlkampf, sagt Talarico fast am Ende, erinnere ihn an den Kampf eines kleinen Schäfersjungen gegen Goliath aus der Bibel. "Unser Goliath sind Konzerninteressen und das Establishment in Washington." David sei nicht so groß oder stark wie sein Kontrahent gewesen und hatte nicht dessen Waffen. "Aber er hatte Hoffnung, Glaube - und er hatte eine Steinschleuder." Eine kleine Spannungspause markiert den Höhepunkt seiner Rede. "Dallas, ihr seid meine Steinschleuder, die Menschen in Texas sind meine Steinschleuder!" Die Halle explodiert fast, und inmitten des Jubels fügt Talarico hinzu: "Und am 3. November werden sie wissen, was sie erwischt hat."
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