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Thursday, September 24, 2026

Dreikampf um die Macht im Weltschach: Wer wird in Samarkand zum FIDE-Präsidenten gewählt?

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"Gens una sumus" ("Wir sind eine Familie") lautet das Motto des Schach-Weltschachverbands FIDE. Doch wenn sich am Samstag die Funktionäre aus gut 200 Ländern in Samarkand zu ihrem Kongress treffen, dürfte das eher keine fröhliche Familienfeier werden.

Denn in Usbekistan soll das Spitzenamt in der FIDE neu besetzt werden und und um den Posten ist ein sportpolitisch brisanter Dreikampf entbrannt - mit offenem Ausgang. Seit Juli steht fest, dass der bisherige FIDE-Präsident Arkadi Dworkowitsch nicht mehr zur Verfügung steht. Die Europäische Union hatte den früheren russischen Vize-Ministerpräsidenten wegen seiner Unterstützung des russischen Angriffskriegs auf ihre Sanktionsliste gesetzt.

Drei Unternehmer wollen auf den Chefsessel

Zur Wahl stehen jetzt der kasachische Milliardär Timur Turlow und zwei Deutsche: Der Investor Jan Henric Buettner und der Unternehmer Wadim Rosenstein, der als offizieller Vertreter des Deutschen Schachbunds (DSB) antritt.

Zum ersten Mal seit über 30 Jahren wird der internationale Schachverband also nicht von einem Russen angeführt werden. Dennoch sehen sich die drei Bewerber immer wieder mit zwei Fragen konfrontiert: Wie ist ihre Verbindung zu Russland? Und woher kommen die Millionen, mit denen die FIDE sich und ihre Wettkämpfe finanzieren? Für den Kreml ist der Schachsport weiter Teil der russischen Soft Power und in der FIDE läuft bisher wenig ohne Geldgeber mit Bezug zu Russland.

Jan Henric Buettner: Vorbild Formel 1

Jan Henric Buettner kann diese Fragen der Kampagne um die FIDE-Präsidentschaft wohl am einfachsten beantworten. Der gebürtige Hamburger hat sich in der Schachszene durch seine Zusammenarbeit mit Ex-Weltmeister Magnus Carlsen einen Namen gemacht. Erklärungsbedürfte Kontakte nach Moskau sind bei dem 62-jährigen Deutschen nicht bekannt. Im Gegenteil: "Wir sind das einzige Team, dass keine Verbindung nach Russland hat", sagt Buettners Kandidat für das Amt des Vize-Präsidenten, Malcolm Pein, der Deutschen Welle (DW).

Pressekonferenz zum Freestyle Chess Grand Slam u.a. mit Jan Henric Buettner (3.v.l.) und Ex-Weltmeister Magnus Carlsen (2.v.l.)
Jan Henric Buettner (3.v.l.) engagiert sich mit Ex-Weltmeister Magnus Carlsen (2.v.l.) für das "Freestyle"-SchachBild: Gregor Fischer/dpa/picture alliance

Der frühere Internet-Manager Buettner und sein Vize wollen die Abhängigkeit von russischen Geldgebern reduzieren und den Schachsport kommerziell erfolgreich machen. 20 Prozent der FIDE-Einnahmen will Buettner dann an die Schachverbände in aller Welt ausschütten. Das Vorbild des früheren AOL-Managers ist dabei die Autorennsport-Serie Formel 1. Eine Vision, die vielen Funktionären im Denksport Schach dann etwas zu weit gehen dürfte. Buettner werden daher nur Außenseiterchancen zugerechnet.

Timur Turlow: Der Mann des Establishments

Favorit in Samarkand ist Timur Turlow. Er ist in Moskau geboren, seit 2022 kasachischer Staatsbürger und einer der reichsten Männer des zentralasiatischen Landes. Der Unternehmer gilt als Vertrauter von Ex-Chef Dworkowitsch und damit als Mann des FIDE-Establishments. Und auch bei den Finanzen dürfte mit dem 38-Jährigen vieles so bleiben wie es ist. Schließlich ist Turlows börsennotiertes Finanzunternehmen "Freedom Holding Corp" schon seit vielen Jahren der Hauptsponsor des Weltverbands.

Dass Turlow bald in Personalunion Chef und großer Geldgeber der FIDE sein könnte, gefällt nicht allen im Schachsport. Zudem stehen die "Freedom Holding Corp"" und ihr CEO aktuell auf der Sanktionsliste der Ukraine. Turlows Unternehmen wird von ukrainischer Seite vorgeworfen, an der Finanzierung des russischen Angriffskriegs mitzuwirken. In Presseberichten ist davon die Rede, dass auch die US-Börsenaufsicht ein Auge auf Turlows Finanzunternehmen geworfen haben soll.

Bericht: Hamburger Sparkasse kündigt Konto

Im Frühjahr 2026 erwarb Turlow die Hamburger Schach-Softwarefirma "Chessbase". Kurz darauf berichtete eine deutsche Schach-Webseite, dass die Hausbank des Unternehmens, die Hamburger Sparkasse, das Chessbase-Geschäftskonto gekündigt habe.

Timur Turlow spricht vor dem Mikrophon
Timur Turlow aus Kasachstan gilt als Favorit im Rennen um die FIDE-PräsidentschaftBild: Sergei Fadeichev/TASS/dpa/picture alliance

Chessbase will sich zu dem Vorgang nicht äußern. Auch die Hamburger Sparkasse geht auf den konkreten Fall nicht ein, teilt der DW jedoch mit: "Sofern eine Geschäftsbeziehung jedoch unter aktuell bestehende Sanktionen gegenüber z.B. Ländern wie Russland, Belarus oder dem Iran fällt, kann dies dazu führen, dass wir einzelne Geschäftsbeziehungen leider nicht fortführen dürfen."

Die DW hat Timur Turlow zu diesen Sachverhalten befragt, aber bisher keine Antwort erhalten.

Für Wolodymyr Kowaltschuk, Vize-Präsident des ukrainischen Schachverbands, steht fest: "Sollte Turlow die FIDE-Wahlen gewinnen und eine Bedrohung für die Sicherheit der Ukraine darstellen," so Kowaltschuk zur DW, "dann werden wir auch bei ihm darauf drängen, dass er von der EU sanktioniert wird." Inzwischen deutet sich allerdings eine Annäherung zwischen Turlow und den Ukrainern an: Turlow wirbt jetzt dafür, dass ein ukrainischer Funktionär als Vize-Präsident in das FIDE-Präsidium gewählt wird.

Wadim Rosenstein: Viel Aufwand und viele Fragen

Auch der Dritte im Bunde, Wadim Rosenstein, wird in der Ukraine sehr kritisch beäugt. Schach-Funktionär Wolodymyr Kowaltschuk: "Es ist völlig klar, dass wir einen solchen Kandidaten nicht unterstützen und ihn im Falle seiner Wahl ebenfalls für Sanktionen vorschlagen werden." Rosenstein wurde 1990 in der heutigen Ukraine geboren und ist mit neun Jahren nach Deutschland gekommen. Im Herbst 2022 begann der Unternehmer und Hobby-Schachspieler plötzlich, aufwändige Schach-Events zu organisieren. Seitdem begleiten ihn skeptische Fragen.

Vor allem seine Geschäftstätigkeit und seine Verbindungen nach Russland stehen dabei im Mittelpunkt. Die Unternehmen seiner "WR Group" in Düsseldorf sind laut Rosenstein in verschiedenen Bereichen tätig: vom Handel mit Toilettenpapier über Immobilien bis zur Industrie-Logistik. Bis 2022 sei ein Schwerpunkt die Unterstützung von deutschen Firmen unter anderem in der Ukraine und Russland gewesen, sagte Rosenstein der DW vor einigen Monaten. Inzwischen sei er aber nicht mehr in Russland aktiv, sondern habe sich "global" in "70 Ländern" aufgestellt, u.a. in Kasachstan, Usbekistan und der Türkei.

Paul Meyer-Dunker, Präsident des Deutschen Schachbundes (DSB), sitzt am Spielbrett
Wadim Rosenstein hat in Deutschland starke Unterstützung für die FIDE-Wahl in Samarkand: DSB-Präsident Paul Meyer-Dunker (Foto)Bild: Sebastian Kahnert/dpa/picture alliance

Die Firma in Russland

Wirtschaftlich erfolgreich in den letzten Jahren ist jedoch ausgerechnet eine der weiter bestehenden Firmen des Düsseldorfer Unternehmers in Russland. Noch im Juli hatte Rosenstein der DW erklärt, diese Firmen seien "nur noch auf dem Papier aktiv".

Inzwischen ist deutlich: Zumindest "WR RUS" ist alles andere als ein Papiertiger. Das Moskauer Unternehmen ist seit 2021 im Besitz von Wadim Rosenstein. Öffentlich zugängliche Daten zeigen, dass der Gewinn von "WR RUS" von 2022 bis 2025 von rund 300.000 Euro auf 1,7 Millionen Euro angewachsen ist.

Bis Ende 2023 lässt sich zudem belegen, dass Rosensteins deutsche Firmen "WR Logistics” und "WR Certification” mit "WR RUS” zusammengearbeitet haben. Für das Jahr 2023 findet sich zudem eine Dividendenzahlung von umgerechnet rund 30.000 Euro in den Dokumenten von "WR RUS", die offenbar an ihn und eine seiner deutschen Firmen geflossen ist.

Rosenstein sagte der DW im Juli 2026, er sei er nur noch "formal" Besitzer der Unternehmen in Russland und habe keinen Einfluss mehr auf sie.

Die DW hat Wadim Rosenstein vor Veröffentlichung dieses Berichts erneut Gelegenheit gegeben, zu diesen Sachverhalten Stellung zu nehmen, aber bisher keine Antwort erhalten.

Teure Spieler, noble Locations

Seit 2022 sind Jahr für Jahr Millionenbeträge in Rosensteins aufwändige Schach-Events geflossen. Die Liste der Rosenstein-Veranstaltungen ist lang: u.a. ein Top-Turnier mit dem Weltranglistenersten Magnus Carlsen, die Team-WM im Blitz- und Schnellschach 2023 in den noblen Düsseldorfer Rheinterrassen und zuletzt die weltweite "WR Women’s Chess Tour". Für den Abschluss der Tour im November ist eine Stuttgarter Premium-Location vorgesehen, deren Namen dem Sponsor gut gefallen dürfte: das Schloss Rosenstein.

Schloss Rosenstein
Großer Rahmen für die "WR Women’s Chess Tour 2026": das noble Schloss Rosenstein in StuttgartBild: Markus Mainka/picture alliance

Auch der Wahlkampf um die FIDE-Präsidentschaft ist teuer. Auf Social Media präsentiert sich Rosenstein in einem Privatjet auf internationaler Wahlkampftour. Laut eines Presseberichtssoll ein Teil der Wahlkampfkosten von Rosensteins Mann für die Vize-Position bezahlt werden, einem reichen Immobilienunternehmer aus Singapur.

Wieviel seine zahlreichen Schach-Aktivitäten bisher insgesamt gekosten haben und woher die Gelder genau kommen, sagt Rosenstein nicht. Seine Firma "WR Logistics" sei einer der Hauptsponsoren, erläutert Rosenstein der DW im Juli: "Ich habe auch meine eigenen Mittel genutzt und Partner gewonnen, die mir vertrauen." Aber wer sind diese Partner?

Ein Sponsor, den es gar nicht gab

Als Wadim Rosenstein im April 2026 seine FIDE-Kandidatur vorbereitete, präsentierte er das Düsseldorfer Unternehmen "Glotech". Er sei "stolz, unseren nächsten Partner vorzustellen". 250.000 Euro stelle der Sponsor für Schach-Aktivitäten in Europa bereit. Glotech sei "ein wahrer Unterstützer unserer Vision", so Rosenstein.

Diese Unterstützung hat es nach Aussage des Glotech-Geschäftsführers Evgeni Schukin allerdings nie gegeben: "Es gab keine Vereinbarung und wir haben derartige Mittel nicht zur Verfügung gestellt."

Screenshot von Wadim Rosensteins X-Account: Glotech spendet WR Chess Zertifikat
Schmuckes Zertifikat: Nach Aussage der "Glotech gmbH" hat es keine Spronsor-Vereinbarung gegeben (die inzwischen gelöschte Grafik wurde im April 2026 auf Wadim Rosensteins "X"-Account veröffentlicht).Bild: X/@WadimRosenstein

Wadim Rosenstein wirbt für seine Kandidatur vor allem damit, dass die FIDE unter seiner Leitung "professionell" arbeiten werde. Auf seiner offiziellen Webseite "WR 2026" verspricht er eine transparente und direkte Kommunikation.

Die DW hat Wadim Rosenstein Gelegenheit gegeben, zur Finanzierung seiner Schach-Aktivitäten Stellung zu nehmen. Eine Antwort blieb jedoch aus.

Verbindungen in die Politik

Wadim Rosenstein ist es mit Unterstützung des Deutschen Schachbunds und dessen Präsidenten Paul Meyer-Dunker gelungen, sich als ernsthafter Gegenspieler zu Platzhirsch Timur Turlow in der FIDE aufzubauen.

Sogar in der deutschen Politik findet der 36-Jährige Unterstützung. Anfang September traf sich Rosenstein mit dem bayerischen Innenminister Joachim Herrmann (CSU). "Joachim Herrmann unterstützt die Kandidatur des deutschen Bewerbers Wadim Rosenstein", hieß es im Anschluss aus München.

Das bayerische Innenministerium teilte dazu der DW mit, dass "sich die Unterstützung auf die sportspezifische Ausrichtung" beziehe, aber "weder eine Bewertung der privaten oder geschäftlichen Aktivitäten von Herrn Rosenstein noch eine Vorwegnahme möglicher Prüfungen durch zuständige Stellen" darstelle.

Kandidat Rosenstein plötzlich verschwunden

Der Deutsche Schachbund erhielt erst im Nachhinein Kenntnis von dem Treffen ihres FIDE-Kandidaten mit dem Innenminister Bayerns. Der DSB unterstützt Rosenstein, laut Präsident Meyer-Dunker, weil er für eine "konsequente Professionalisierung" und "mehr Transparenz" im Weltschachverband stehe. Dem DSB "liegen zur Geschäftstätigkeit von Wadim Rosenstein keine eigenen Erkenntnisse vor, die über die öffentliche Berichterstattung hinausgehen", so der deutsche Schachbund-Chef.

Eine Gelegenheit für Rosenstein, auf Fragen einzugehen und seine Pläne für die FIDE-Finanzen zu erläutern, gab es Anfang September. Ein US-Schachportal hatte eine Online-Debatte der Kandidaten organisiert. Das Eingangsstatement kam von Wadim Rosenstein. Er redete für knapp vier Minuten, rief dann plötzlich: "Wir sehen uns in Samarkand!" - und kappte die Verbindung. Die DW hat Wadim Rosenstein mehrmals gefragt, warum er an der weiteren Diskussion über die Zukunft der FIDE nicht teilgenommen habe. Auch dazu gab es bislang keine Antwort.

Bei diesem Artikel hat Dasha Thyssen als Co-Autorin mitgewirkt.

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