"Ermittlungen" abgeschlossen: Russland will deutschen Journalisten in Abwesenheit anklagen

"Ermittlungen" abgeschlossenRussland will deutschen Journalisten in Abwesenheit anklagen
10.10.2026, 13:19 Uhr

Im August fragt ein deutscher Journalist bei einer Pressekonferenz in Belgrad, wie Europa der Ukraine helfen könne, "mehr russische Soldaten zu töten". Der FAZ-Korrespondent wird daraufhin "in Abwesenheit festgenommen". Nun erfolgt die Anklage.
Die russischen Behörden haben ihre "Ermittlungen" gegen den Balkan-Korrespondenten der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" (FAZ), Michael Martens, abgeschlossen. Martens solle in Abwesenheit angeklagt werden, berichtet die staatliche russische Nachrichtenagentur Tass.
Im August hatte Martens den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj bei einer Pressekonferenz in Serbien gefragt, was die Europäer tun könnten, um der Ukraine zu helfen, mehr russische Soldaten zu töten. Die FAZ erklärte dazu später, die Frage sei "missverständlich formuliert" gewesen. Es sei nicht die redaktionelle Linie der Zeitung, "dass möglichst viele russischen Soldaten getötet werden sollen".
In Moskau wurde ein Strafverfahren gegen Martens eingeleitet. Damals berichtete Tass, die russischen Behörden hätten Ermittlungen wegen "Anstiftung zu Hass oder Feindschaft" aufgenommen. Im Falle einer Verurteilung würden dem Journalisten bis zu sechs Jahre Straflager drohen. In der aktuellen Tass-Meldung heißt es, Martens sei am 26. August "in Abwesenheit wegen Volksverhetzung festgenommen" worden.
Ohne Auslieferung keine Lagerhaft
Die Staatsagentur behauptet, Martens habe Selenskyj gefragt, was europäische Länder tun könnten, um "mehr Russen zu töten". Tatsächlich hatte Martens sich selbst korrigiert. Seine auf Englisch gestellte Frage lautete: "Können Sie uns Europäern sagen, was wir konkret tun können, um Ihnen zu helfen, mehr Russen zu töten - natürlich mehr russische Soldaten."
Verurteilungen in Abwesenheit sind in Russland üblich: Für satirische Kritik am russischen Machthaber Putin war der Düsseldorfer Karnevalswagenbauer Jacques Tilly in Abwesenheit zu achteinhalb Jahren Lagerhaft verurteilt worden. Da Deutschland Tilly selbstverständlich nicht an Russland ausliefert, bleibt ein solches Urteil praktisch folgenlos.
Martens berichtet seit August ausschließlich aus Wien über Ereignisse auf dem Balkan, wie seine Autorenseite bei der FAZ nahelegt. Aus Österreich droht dem Korrespondenten zwar keine Auslieferung an Russland, auf dem Balkan und vor allem in Serbien könnte dies aber ganz anders aussehen.
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