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Saturday, October 31, 2026

Russlands gigantisches Radarsystem in Kaliningrad als neues Ohr in die NATO

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Lange dauert es nicht mehr, bis der Kreml mit einem weiteren "Ohr" in Europa hineinhorchen kann. Der Bau eines riesigen neuen Radarsystems in der stark militarisierten russischen Exklave Kaliningrad steht Berichten zufolge kurz vor dem Abschluss.

Von oben betrachtet sehen die drei sich strahlenförmig ausbreitenden Arme der Anlage, von denen jeder über 500 Meter misst, aus, als hätten Außerirdische ihre Spuren in einem ansonsten unberührten, bewaldeten Naturschutzgebiet hinterlassen. Sie sieht aus wie eine Landeplattform oder Startrampe für Moskaus riesiges Netzwerk zur Informationsbeschaffung.

Schaut bis 3000 Kilometer nach Europa hinein

Russland hat den Bau der Anlage nicht bestätigt, doch Sicherheitsexperte Vaidotas Malinionis geht davon aus, dass das Radar so groß sein wird, dass es in der Lage ist, über die Erdkrümmung hinauszusehen. Der litauische Kommandant im Ruhestand erklärt der DW, dass das Überhorizont- oder OTH-Radarnetzwerk nahe Gwardeisk eine Überwachungsreichweite von etwa 3000 Kilometern haben wird. Damit wird es Moskau möglich sein, fast jeden Winkel Europas sowie die gesamte Ukraine im Blick zu behalten.

Berichten zufolge könnte Russland mithilfe der Anlage Satellitenkommunikation abhören und Flugbewegungen und ballistische Raketen aufspüren. "Ziel und Zweck dieses Radars ist es, weit entfernt liegende Ziele überwachen zu können und ein Frühwarnsystem zu bieten. Wir wissen noch nicht, ob es operativ dazu in der Lage ist, aber das wird derzeit auf jeden Fall gebaut", fügt er hinzu.

Massenüberwachungssystem

Wie die britische Zeitung "The Times" unter Berufung auf das finnisch-polnische Raumfahrt- und Verteidigungstechnologieunternehmen ICEYE berichtete, sind solche Systeme primär für die Erkennung und Störung elektronischer Signale gedacht.

Satellitenbild der russischen Radaranlage bei Kaliningrad
Mithilfe der Radaranlage nahe Gwardeisk könnte Russland Satellitenkommunikation abfangen und Flugbewegungen und ballistische Raketen erkennenBild: Planet Labs

"Es könnte bei Angriffen eingesetzt werden, um mehr Informationen über bestimmte Ziele zu erhalten", erläutert Malinionis. "Wenn sie im Falle eines Angriffs auf die Ostflanke der NATO frühzeitig Erkenntnisse über Truppenbewegungen der NATO erhalten könnten, gäbe ihnen das mehr Zeit für die Entscheidungsfindung."

Im Gespräch mit der DW warnt die lettische Geopolitik-Expertin Evija Djatkovica davor, dass die Wiederbelebung dieser alten sowjetischen Technologie insbesondere angesichts des zunehmenden Einsatzes neuer Technologien bei der modernen Kriegsführung deutliche Nachteile für die NATO mit sich bringe.

"Es wird Russland helfen, bestehende Lücken bei der Erkennung tief fliegender Objekte zu schließen. Die rasch voranschreitende Einbindung von Drohnen in regionale Verteidigungsstrategien wird so an Wirksamkeit verlieren", meint sie.

Elektronische Kampfführung

Im Bericht von "The Times" heißt es weiter, ICEYE werte den Ausbau des OTH-Radarsystems als Beweis dafür, dass Russland Kaliningrad zu einem Zentrum für modernste militärische Sensoren und elektronische Kampfsysteme ausbaue.

"Das neue Radar ist ein Zeichen dafür, dass sich der Wettstreit zwischen Russland und der NATO um die militärische Vorherrschaft und die Kontrolle über die Region Kaliningrad verschärft", betont Djatkovica.

"Die Situation ist potentiell gefährlich, da von einer weiteren Militarisierung auf beiden Seiten auszugehen ist und irgendwann ein Präventivschlag zur Option wird, um zu verhindern, dass die andere Seite einen inakzeptablen Vorteil in der Region erhält", warnt sie.

Russland hat die NATO bereits gewarnt, dass es bereit sei, Atomwaffen einzusetzen, sollte das westliche Bündnis versuchen, Kaliningrad zu blockieren. Der russische Außenposten und mögliche Konfliktherd liegt an der Ostsee, umschlossen von den NATO-Mitgliedstaaten Polen und Litauen und direkt vor den Toren der Ostflanke des Verteidigungsbündnisses.

Von Westen nach Osten misst die Exklave lediglich 200 Kilometer, von Norden nach Süden 100 Kilometer. Doch die kleinste Föderationseinheit oder Oblast Russlands hat es in sich, wie Malinionis deutlich macht.

"Manchen Quellen zufolge verfügen sie über die Möglichkeit, bis zu 100 Nuklearsprengköpfe in Kaliningrad zu stationieren. Und manchen Quellen zufolge haben sie schon damit begonnen, einige dort zu stationieren. Das wurde jedoch noch nicht bestätigt", erklärt der Ex-Oberst.

Luftaufnahme: Vermutete kreisförmige Antennenanlage
Bei der Anlage auf diesem Satellitenbild handelt es sich vermutlich um eine weitere Radaranlage nahe der Stadt TschernjachowskBild: Planet Labs PBC

Etwa 50 Kilometer westlich von Gwardeisk, nahe der Stadt Tschernjachowsk, will ICEYE der Tageszeitung Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) zufolge einen weiteren großen, kreisförmigen Antennenkomplex entdeckt haben. Über die gesamte Region Kaliningrad ziehen sich Berichten zufolge mehr als 20 Anlagen für die Fernmelde- und Elektronische Kampfführung.

Laut FAZ-Bericht zeigen Satellitenbilder außerdem neue Unterstände für Kampfflugzeuge auf dem Militärflugplatz Kaliningrad-Tschkalowsk. Weitere Bilder zeigen Startrampen bei der mobilen S-400-Boden-Luft-Raketenstellung in Baltijsk, die Systeme könnten also durchaus schon einsatzfähig sein.

"Diese Punkte zeigen deutlich, welche strategische Rolle die Gebiete um Kaliningrad sowohl für Russland als auch für die NATO spielen", sagt Djatkovica. "Russland bieten die geografische Lage Kaliningrads und das dort stationierte Atomwaffenarsenal unter anderem die Möglichkeit, Drohungen gegen die meisten europäischen Hauptstädte auszusprechen."

Hier kommt ihr zufolge auch das riesige Radar ins Spiel. "Wegen der großen Reichweite des Radars sind künftig auch andere europäische Regionen im Norden und Westen verstärkt der Überwachung und militärischen Aktivitäten Russlands ausgeliefert."

Glaubwürdige Abschreckung

Die gute Nachricht sei, dass jeder Schritt Russlands in Richtung einer Eskalation, die Auswirkungen auf weiter entfernt von seinen Grenzen liegende europäische Länder habe, dazu führe, dass der gesamte Kontinent Moskau als direkte Bedrohung wahrnehme, sagt Djatkovica mit einem Seufzen.

Satellitenbild des Militärflugplatzes Tschkalowsk
Militärflugplätze wie dieser in Tschkalowsk machen Kaliningrad zu einer hochmilitarisierten ZoneBild: Planet Labs PBC

"Die von Russland ausgehenden bedrohlichen Signale sollten den Westen dazu motivieren, die Aufrüstung weiter voranzutreiben. Das wiederum würde die kollektive Abschreckungskraft der NATO und Europas glaubwürdiger machen."

Als Beispiel zitiert Djatkovica Polen, das einen Offshore-Windpark in der Ostsee in eine NATO-Überwachungsanlage umgebaut hat.

In einem weiteren Schritt Richtung Integration neuer Technologien baut der deutsche Rüstungskonzern Rheinmetall gemeinsam mit ICEYE SAR-Satelliten (Synthetic Aperture Radar). Diese liefern selbst bei Nacht oder schlechtem Wetter genaue Bilder von Truppenbewegungen und feindlichen Stellungen.

Die Bilder werden an der Ostflanke der NATO und von der in Litauen stationierten Brigade der Bundeswehr genutzt. Die ersten SAR-Satelliten sollen Anfang 2027 von einer SpaceX-Rakete in die Erdumlaufbahn katapultiert werden.

Malinionis ist ebenfalls der Meinung, dass Anpassungsfähigkeit die wichtigste Lektion sei, die die europäischen Staats- und Regierungschefs in Zeiten russischer Aggression zu lernen hätten. Aber er möchte auch noch etwas anderes betonen: "Die neue russische Radaranlage hat auch einen Nachteil. Weil sie so riesig ist, ist sie ein recht leichtes Ziel."

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