Frauenfußball boomt weltweit - aber viele Profis verdienen kaum Mindestlohn
Auf den ersten Blick wirkt der Frauenfußball so gesund wie nie zuvor. Ein aktueller Bericht der globalen Spielergewerkschaft FIFPRO prognostiziert, dass die weltweiten Einnahmen im Jahr 2027 die Marke von einer Milliarde US-Dollar (894 Millionen Euro) überschreiten werden. Von der Weltmeisterschaft in Brasilien, die im Juni und Juli 2027 stattfindet, wird erwartet, dass sie das bislang meistgesehene und umsatzstärkste Frauenfußballturnier wird.
Gleichzeitig zeigt der Bericht aber auch, dass es für Frauen eine große Herausforderung bleibt, vom Fußball leben zu können. Laut FIFPRO verdienen viele Profifußballerinnen weltweit kaum den Mindestlohn, bei manchen liegt der Verdienst sogar noch darunter.
Eine Studie, die auf Umfragen unter Spielerinnen aus aller Welt basiert, ergab, dass nur 66 Prozent der Profis zwölf Monate im Jahr bezahlt werden. Ihre durchschnittliche Vertragslaufzeit bei Vereinen beträgt lediglich 1,6 Jahre.
Laut Studie liegt das weltweite Durchschnittsgehalt von Profispielerinnen bei 2.600 US-Dollar (2322 Euro). Allerdings vermittelt dieser Wert ein schiefes Bild, denn wenige Spielerinnen liegen mit ihrem Verdienst teilweise sehr weit über dem Durchschnitt, sehr viele Fußballerinnen verdienen dagegen weniger.
"Im Frauenfußball verlaufen die Unterschiede nicht nur zwischen den fünf stärksten Ligen und dem Rest. Dieses Gefälle gibt es zwar, aber auch innerhalb der einzelnen Ligen selbst", sagt Frankie Brown, der FIFPRO-Forschungsleiter für Frauenfußball, gegenüber der Deutschen Welle (DW). "In manchen Wettbewerben gibt es Vereine, die professionell arbeiten und ihren Spielerinnen ein angemessenes Gehalt zahlen. Gleichzeitig spielen in derselben Liga Mannschaften, deren Spielerinnen Amateurverträge haben und gar nicht bezahlt werden."
In Osteuropa beträgt das durchschnittliche Monatsgehalt umgerechnet beispielsweise nur etwa 785 Euro. In Afrika liegt es sogar bei lediglich 385 Euro, während Spielerinnen in Nordamerika im Schnitt knapp 5360 Euro pro Monat verdienen.
Viele Profispielerinnen denken ans Aufhören
Psychische Belastungen aufgrund wirtschaftlicher Unsicherheit und mangelnder beruflicher Absicherung sind laut Bericht inzwischen der zweithäufigste Grund dafür, dass Spielerinnen darüber nachdenken, den Fußball vorzeitig zu verlassen.
"Das ist einer der besorgniserregendsten Aspekte des Berichts", erklärte Alex Culvin, die FIFPRO-Direktorin für Frauenfußball, der DW. "Von den 49 Prozent der Fußballerinnen, die darüber nachdenken, ihre Karriere frühzeitig zu beenden, nannten 46 Prozent ihre psychische Gesundheit als Grund."
In Interviews hätten Spielerinnen berichtet, dass das Wachstum des Sports neue Belastungen mit sich bringe, darunter einen höheren Arbeitsaufwand und Missbrauch in sozialen Medien. Gleichzeitig fehlten in vielen Vereinen die notwendigen Schutzmechanismen, um mit diesen Veränderungen umzugehen.
"Wir möchten, dass Vereine und nationale Verbände verpflichtende Angebote zur psychischen Unterstützung schaffen, die sich am Wohlbefinden der Spielerinnen orientieren und unabhängig von sportlichen Leistungszielen sind", so Culvin.
WNBA als Vorbild?
FIFPRO fordert die FIFA deshalb auf, eine Art verbindliche Mindeststandards für den Frauenfußball einzuführen. Dadurch sollen grundlegende Vorgaben etwa bei Verträgen, Rentenansprüchen und der Gesundheitsversorgung durchgesetzt werden können. Als mögliches Vorbild gilt die 2026 vereinbarte Tarifvereinbarung der nordamerikanischen Basketballliga WNBA.

Kern des neuen Vertrags ist, dass die Spielerinnen künftig deutlich stärker am wirtschaftlichen Erfolg der Liga beteiligt werden, sodass ihre Einkommen automatisch steigen, wenn die Einnahmen der Liga wachsen.
Das lange ausgehandelte Abkommen sendete das Signal an Sportlerinnen weltweit, für bessere Bezahlung, bessere Arbeitsbedingungen und eine stärkere Beteiligung an den von ihnen erwirtschafteten Einnahmen zu kämpfen.
"Es ist positiv, dass die Durchschnittsgehälter für einige Spielerinnen steigen und mehr Frauen ein zufriedenstellendes Einkommen erzielen. Gleichzeitig darf man nicht übersehen, dass die Unterschiede bei der Bezahlung zwischen den einzelnen Regionen enorm sind", sagte Culvin.
"Auch bei den Arbeitsbedingungen gibt es große Ungleichgewichte, nicht nur weltweit, sondern auch innerhalb einzelner Regionen. In Europa beispielsweise sind die Unterschiede zwischen Ost- und Westeuropa gewaltig. Diese Kluft müssen wir dringend verkleinern. Das Wachstum in den fortschrittlichsten Märkten darf nicht vollständig vom Rest der Branche entkoppelt sein."
Deutschland will Vorbild bei der Entwicklung sein
Mit großen Hoffnungen auf die Weltmeisterschaft 2027 in Brasilien und jüngsten Schritten zur weiteren Professionalisierung des heimischen Frauenfußballs möchte Deutschland ein Beispiel für strukturelle Verbesserungen werden. Die angestrebte Ausrichtung der Europameisterschaft 2029 schafft dabei zusätzlichen Anreiz, die Standards weiter anzuheben.

Die Gehälter zählen zu den höheren im internationalen Vergleich. In der Saison 2023/24 verdiente eine Spielerin der Frauen-Bundesliga im Durchschnitt rund 48.000 Euro Grundgehalt pro Jahr. Dennoch steckt die strukturelle Entwicklung des Frauenfußballs in Deutschland vielerorts noch in den Anfängen.
Eine neue Regel des DFB zeigt, dass selbst grundlegende professionelle Strukturen erst nach und nach aufgebaut werden. Erst seit der Saison 2025/26 sind Vereine der Frauen-Bundesliga verpflichtet, Assistenztrainerinnen und -trainer, Torwarttrainerinnen und -trainer sowie Athletiktrainerinnen und -trainer hauptberuflich in Vollzeit zu beschäftigen.
Als eine Art "Goldstandard" gilt seit einigen Jahren die englische Women's Super League. "Die Trainingsbedingungen und die personelle Ausstattung waren ein wichtiger Faktor", sagte Deutschlands Nationalspielerin Nicole Anyomi der DW zu ihrem Wechsel von Eintracht Frankfurt zu den London City Lionesses. "Hier haben wir mehr als 30 Mitarbeitende, während es in Frankfurt vielleicht sieben oder acht waren. Man kann von jeder einzelnen Person lernen, und jeden Tag kommt etwas Neues dazu. So entwickelt man sich als Spielerin schneller weiter."
Letztlich gilt: Je schneller der Frauenfußball wächst, desto dringender wird es, die bestehenden Lücken zu schließen.
Dieser Text wurde aus dem englischen Original "FIFPRO report highlights growing pains in women's football" adaptiert.
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