Repressionen in Russland: 79 politische Gefangene in Haft verstorben

Immer mehr Menschen werden in Russland wegen vorgeblicher Terrorismusvorwürfe verurteilt. Inzwischen überleben viele die Haft nicht mehr.
Foto: Oliver Berg/dpa
Das äußerste Druckmittel eines Häftlings ist der Hungerstreik. Nicht immer handelt es sich dabei um einen bloßen politischen Willensakt, jedenfalls nicht, wenn der Entscheidung gravierende gesundheitliche Einschränkungen zugrunde liegen. So wie im Fall des kurz nach den Dumawahlen Ende September inhaftierten Moskauer Politologen Alexander Kynew.
Am Montag, so hatte es der Moskauer Menschenrechtsanwalt Michail Birjukow berichtet, habe ein Kollege von ihm Kynew im Untersuchungsgefängnis Nummer 4 besucht. Dorthin war Kynew Mitte Oktober aus einem Haftkrankenhaus verlegt worden. Bei seiner brutalen Festnahme am 25. September wurde ihm sein rechtes Schienbein gleich an zwei Stellen gebrochen. Seither kann sich der profilierte Wahlexperte kaum alleine fortbewegen und wegen des Gipsbeins die Toilette in der Zelle nicht besuchen. Deshalb, so Kynew gegenüber dem Anwalts, habe er die Nahrungsaufnahme eingestellt.
Zur Illustration: Kynew ist in einer Zelle untergebracht, die für 34 Personen ausgelegt und im Moment mit 35 Häftlingen belegt ist. Es ist die größte Gruppenzelle im Gebäude. Anstelle einer Toilettenschüssel gibt es lediglich ein Loch im Boden. Die Gefängnisleitung dementierte, dass sich der prominente Häftling im Hungerstreik befinde, eine entsprechende Erklärung liege ihr nicht vor. Überflüssig zu erwähnen, dass Kynew unter den gegebenen Bedingungen auch keinen Zugang zu ausreichender medizinischer Versorgung hat. Ihm droht eine Verurteilung zu zehn bis zwanzig Jahren Haft wegen angeblichem Drogenhandel.
Zum Sterben ins Gefängnis zurückverlegt
Alexander Kondratow hat nicht einmal die Untersuchungshaft überlebt. Am Freitag vergangener Woche wurde der 52 Jahre alte, in Russland prämierte Szenenbildner aus der Haft in eines der größten Moskauer Krankenhäuser verlegt, wo er verstarb. Nach dem Wochenende meldete das Menschenrechtsprojekt „Erste Abteilung“, Kondratow sei verstorben. Es soll ein Infarkt gewesen sein, aber dem Anwalt wurde die Leiche in der Pathologie nicht gezeigt.
Im Sommer erfolgte Kondratows Verhaftung wegen des Vorwurfs Landesverrat. Zuvor hatte er über 70 Tage lang eine Strafe für Ordnungswidrigkeiten nach der anderen abgesessen – immer unter fadenscheinigen Vorwänden. Dass ihm schließlich wegen eines schwerwiegenden Delikts der Prozess gemacht werden sollte, hat System. 2012 hatte der Filmschaffende seinen Wohnsitz nach Kyjiw verlegt und war im Frühjahr 2026 nach Russland gereist, um einen neuen Pass zu beantragen. Am Flughafen wurde er festgenommen.
Kondratow ist gleich in mehrerer Hinsicht kein Einzelfall. So wie ihm erging es auch Swetlana Golowatenko, die ebenfalls nach langer Abwesenheit aus der Ukraine über Umwege nach Russland gereist war. Sie ist am Leben, während allein seit Jahresbeginn mindestens elf politisch Verfolgte in Haft gestorben sind. Unter ihnen ist Igor Jakowenko. Er war zu fünf Jahren Haft verurteilt worden, da er geplant haben soll, sich der auf ukrainischer Seite kämpfenden Legion „Freiheit Russlands“ anzuschließen. Anfang Oktober wurde bei ihm ein nicht operierbarer Hirntumor diagnostiziert, zum Sterben verlegten ihn die Behörden zurück ins Gefängnis.
Ehemaliger Duma-Abgeordneter verhaftet
Das in Russland verbotene Menschenrechtszentrum Memorial führt in seiner Statistik 79 Todesfälle politischer Häftlinge in russischen Gefängnissen oder unmittelbar nach ihrer Freilassung. Drei viertel davon seit Beginn des vollumfänglichen Krieges gegen die Ukraine.
Selbst hochrangige Politiker:innen sind vor politischer Verfolgung nicht gefeit. Am 22. September traf es den ehemaligen Duma-Abgeordneten der Kommunistischen Partei (KPRF) Oleg Michailow. Womöglich nicht ganz unvorbereitet: Der studierte Biologe und umtriebige Umweltschützer aus der Republik Komi soll Warnzeichen einer möglichen Verhaftung erhalten, aber dennoch aus dem Urlaub nach Russland zurückgekehrt sein. Der Vorwurf gegen ihn lautet: Rechtfertigung von Terrorismus: Er hatte den Anfang 2024 aus demselben Grund zu fünf Jahren Haft verurteilten Soziologen und Publizist Boris Kagarlitsky öffentlich unterstützt.
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