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Saturday, October 3, 2026

"Mussten uns alles erarbeiten": Warum immer mehr Deutschpolen die AfD wählen

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"Mussten uns alles erarbeiten"Warum immer mehr Deutschpolen die AfD wählen

03.10.2026, 13:02 Uhr

imageVon Tomasz Kurianowicz

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Eine AfD-Wahlkampfveranstaltung in Schwerin - auch viele Deutschpolen in Mecklenburg-Vorpommern überzeugt die Partei inzwischen. (Foto: picture alliance / Chris Emil Janßen)

Die AfD gewinnt unter Menschen polnischer Herkunft an Zuspruch. Die Gründe dafür erfährt eine polnische Gemeinderätin in Löcknitz in Mecklenburg-Vorpommern im Gespräch mit Anwohnern. Die Entwicklung macht sie dennoch fassungslos.

Die kleine Gemeinde Löcknitz mit ihren rund 3200 Einwohnern liegt in Mecklenburg-Vorpommern, rund 140 Kilometer nordöstlich von Berlin und keine 25 Kilometer von Stettin entfernt. Polen ist hier ganz nah. Und doch erzielte ausgerechnet hier die AfD bei der jüngsten Landtagswahl ihren bislang höchsten Wert: 55,4 Prozent der Wähler stimmten für die Partei. Fünf Jahre zuvor waren es noch rund 31 Prozent gewesen. Das Ergebnis ist auch deshalb bemerkenswert, weil Löcknitz seit Jahren für das Zusammenwachsen von Deutschen und Polen steht. Viele Polen haben hier Häuser gekauft, arbeiten im Krankenhaus oder in Pflegeeinrichtungen, ihre Kinder gehen auf deutsche Schulen. Rund jeder fünfte Einwohner stammt aus Polen.

Wie viele Deutsche mit polnischen Wurzeln die AfD gewählt haben, lässt sich nicht feststellen. Katarzyna Werth beobachtet jedoch einen klaren Trend - zugunsten der AfD. Sie selbst hat weiterhin einen polnischen Pass und durfte bei der Landtagswahl nicht abstimmen. Trotzdem sitzt sie in der Gemeindevertretung von Löcknitz: Als EU-Bürgerin durfte sie bei der Kommunalwahl kandidieren und betrachtet die Gemeinde als deutsch-polnische Symbiose.

Auch deshalb schockiert sie das Wahlergebnis. Aus zahlreichen Gesprächen kennt sie polnischstämmige AfD-Wähler - und die Motive, die dabei eine Rolle spielen. "Von Polen, die die AfD unterstützen, höre ich oft: Wir arbeiten hier, zahlen Steuern und mussten uns alles selbst erarbeiten", sagt Werth. Gleichzeitig hätten viele das Gefühl, Flüchtlinge würden bevorzugt: Sie kämen nach Deutschland und erhielten staatliche Unterstützung und Sozialleistungen, während sich die Deutschpolen ihren heutigen Lebensstandard über Jahre selbst hätten erarbeiten müssen. Bemerkenswert ist, gegen wen sich dieser Unmut in Löcknitz vor allem richtet. Werth zufolge geht es weniger um arabischstämmige Flüchtlinge als um Geflüchtete aus der Ukraine.

"Die Schafe wählen den Wolf"

Die Gemeinderätin beobachtet, dass ein Teil der Polen, die seit vielen Jahren in Deutschland leben, sich selbst nicht mehr als Migranten betrachten. "Wenn sie von Migranten sprechen, meinen sie Flüchtlinge und nicht sich selbst", sagt Werth. Sie hält diese Entwicklung für besorgniserregend. Dass ein Deutscher mit polnischem Hintergrund die AfD wählen könne, hält sie für "unsolidarisch und unpatriotisch".

Die AfD-Sympathie unter Deutschpolen hält Werth noch aus einem anderen Grund für falsch. Teile der Außenpolitik der Partei stehen in deutlichem Gegensatz zu Positionen, die in Polen als akzeptabel gelten. Die AfD fordert ein Ende der Sanktionen gegen Russland, will die wirtschaftlichen Beziehungen zu Moskau wieder ausbauen und lehnt weitere deutsche Waffenlieferungen an die Ukraine ab. Auch einzelne Äußerungen von AfD-Politikern haben unter Polen für Empörung gesorgt. Der AfD-Bundestagsabgeordnete René Springer forderte 2025 etwa einen Grenzzaun entlang von Oder und Neiße.

Für die Menschen in Löcknitz kommt noch etwas sehr Praktisches hinzu: die offene Grenze. Gerade für die vielen Deutschpolen, die auf der einen Seite der Grenze wohnen und auf der anderen arbeiten oder Familie haben, gehört der unkomplizierte Grenzverkehr zur Grundbedingung ihres Alltags. Werth verweist deshalb auf Forderungen aus der AfD nach dauerhaften Grenzkontrollen. Für Pendler würde solch eine Politik negative Konsequenzen haben und im Widerspruch zu ihren Urinteressen stehen. "Die Schafe wählen den Wolf, damit er die Herde bewacht", sagt Werth. "Für mich ist das alles unbegreiflich."

Polen wählten früher vor allem Unionsparteien

Werths Unverständnis steht allerdings einem Befund gegenüber, der weit über Löcknitz hinausweist: Die AfD findet offenbar bundesweit unter Menschen mit polnischer Herkunft zunehmend Zuspruch. Darauf deutet jedenfalls eine aktuelle Untersuchung der Konrad-Adenauer-Stiftung hin. Unter den Befragten polnischer Herkunft, die eine konkrete Wahlabsicht nannten, kam die AfD auf 33 Prozent. CDU und CSU erreichten 25 Prozent. Besonders auffällig ist eine Entwicklung: Noch 2015 und 2019 hatte jeweils mehr als die Hälfte der Befragten mit konkreter Parteipräferenz die Union genannt. Die AfD lag 2019 lediglich bei sechs Prozent.

Die Zahlen sind mit Vorsicht zu genießen. Insgesamt wurden nur 213 Menschen polnischer Herkunft befragt. Die 33 Prozent für die AfD beruhen auf einer noch kleineren Gruppe von 146 Befragten, die sowohl eine Wahlabsicht als auch eine konkrete Partei nannten. Die Untersuchung liefert damit einen Hinweis auf eine mögliche Verschiebung, aber keine repräsentative Aussage - und doch zeigt sie einen Trend.

Studienautor Dominik Hirndorf sieht im Gespräch mit ntv.de einen möglichen Erklärungsansatz in den politischen Einstellungen der Befragten. Menschen polnischer Herkunft positionierten sich in der Untersuchung im Durchschnitt weiter rechts als andere Gruppen, insbesondere bei der Frage, ob Zuwanderung erleichtert oder begrenzt werden sollte. Eine stärkere Präferenz für die Begrenzung von Migration gehe dabei mit einer höheren Neigung zur AfD einher.

Viele AfD-Anhänger in deutsch-polnischen Online-Foren

Bemerkenswert ist auch der Vergleich mit Menschen russischer Herkunft. Unter ihnen kam die AfD in derselben Untersuchung lediglich auf 14 Prozent. Die SPD lag mit 43 Prozent deutlich vorn. Hirndorf verweist unter anderem darauf, dass Russlandstämmige häufiger einen Ausbau des Sozialstaats befürworteten. Die Unterschiede zeigen, wie wenig sich politisches Verhalten allein mit einer Migrationsgeschichte erklären lässt. Wer selbst oder dessen Familie einmal eingewandert ist, muss deshalb weder liberalere Einstellungen zur Migration vertreten noch sich dauerhaft selbst als Migrant verstehen.

Dass Menschen mit eigener oder familiärer Einwanderungsgeschichte die AfD unterstützen, zeigt sich übrigens auch innerhalb der Partei. Einer ihrer sichtbarsten Politiker mit polnischen Wurzeln ist der Europaabgeordnete Tomasz Froelich. Er spricht Polnisch und tritt regelmäßig in polnischen Medien sowie bei Veranstaltungen der polnischen Rechten auf. Dabei vertritt er Positionen, für die es auch in Teilen des rechten Spektrums in Polen Zustimmung gibt: eine restriktive Migrationspolitik, traditionelle Werte und Kritik an der EU. Mit seinen Auftritten in polnischen Medien versucht Froelich, polnischsprachige Wahlberechtigte in Deutschland zu erreichen.

Mit wachsendem Erfolg. Wer deutsch-polnische Online-Foren untersucht, stößt schnell auf AfD-Sympathien. Dort kann man Klagen darüber lesen, wie sich Deutschland verändert habe: Die Infrastruktur funktioniere schlechter, der Staat verliere die Kontrolle über die Migration, die Belastungen für diejenigen, die arbeiteten und Steuern zahlten, nähmen zu. Nicht selten verbindet sich diese Kritik mit Zustimmung zur AfD. Auffällig ist, wie sehr manche der dort vorgebrachten Argumente den Motiven ähneln, von denen Katarzyna Werth berichtet.

In Deutschland leben mehr als zwei Millionen Menschen mit polnischer Einwanderungsgeschichte oder familiären Wurzeln in Polen. Viele besitzen inzwischen die deutsche Staatsangehörigkeit und dürfen damit auch bei Bundes- und Landtagswahlen abstimmen. Es handelt sich also um eine relevante Wählergruppe, deren politisches Verhalten bislang nur unzureichend erforscht ist. Der starke AfD-Zuwachs in deutsch-polnisch geprägten Orten und die Befunde der Studie machen aber eines deutlich: Eine eigene Migrationsgeschichte bewahrt Menschen nicht davor, selbst migrationsfeindliche Positionen zu vertreten.

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