Zum Tod von Autor Joachim Lottmann: Er ließ uns nicht allein mit der Moral

Den eigenen Tod medial verwerten: Joachim Lottmann hielt sein Sterben online im „Langweiligen Tagebuch“ fest. Nun ist der Schriftsteller gestorben.
Foto: Karlheinz Schindler/dpa
So recht glauben wollte man es am Ende nicht. Lottmann soll sterben? Hieß das Buch, das er über die Coronakrise schrieb, nicht „Sterben war gestern“? War dieses angebliche Sterben nicht einfach der nächste Dreh, den sich Joachim Lottmann ausgedacht hat, um wieder Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen?
Denn damit kannte er sich aus: Verdrehungen, Provokationen, entlegene Meinungen zu diesem und jenem, Verfälschungen bis hin zu schlicht falschen Darstellungen, aber alles nicht ganz so bierernst gemeint, nicht so, wie es die stets von ihm erwähnten, bewunderten und „wichtigeren“ Konkurrenten Maxim Biller und Rainald Goetz vormachten, sondern stets mit doppeltem Boden. „Auf der Borderline nachts um halb eins“ hieß ein anderes seiner Bücher, nicht unbedingt eines seiner besten, aber vor allem hieß eine leider recht kurzlebige taz2-Kolumne von ihm so, in der er der taz-Lesendenschaft unter anderem fast schon bösartig auseinanderlegte, wie großartig doch die Idee der Atomkraft eigentlich sei.
Irgendwie war er ja schon immer dabei. Damals, kurz nach dem kulturellen Anti-Hippie-Urknall namens Punk in den späten Siebzigern, als in Hamburg die Neue Deutsche Welle und fast gleichzeitig die linksintellektuelle deutsche Popjournaille erfunden wurde, da hing FDP-Politiker-Sohn Lottmann auch schon mit Diedrich Diederichsen herum, schrieb seinen Erstling „Mai, Juni, Juli“, der dann nach Ersterscheinen 1987 lange in Antiquariaten verstaubte, und seinen Vor-Erstling „Port Stanley ist gefallen“, der erst jetzt, sozusagen als Vorlass, veröffentlicht wurde.
Dann zog er mit dem Szene-Tross umher, erst nach Köln, wo auch Martin Kippenberger zu Gange war, dümpelte herum, folgte in der späten Nachwendezeit dem Zug nach Berlin, wo er endlich seinen zweiten, eigentlich ersten Frühling erlebte, weil es jetzt die zweite Welle der neuen deutschen Pop-Literatur gab und Lottmann tatsächlich mit „Die Jugend von heute“ ein Wurf gelungen war – ein komisches, hochironisches Buch, das sich angemessen über die Irrungen und Wirrungen besonders der jungen Leute, der Generation Y bis Z, ja: lustig machte.
„Lügen-Eimer“ Lottmann
Nach diesem Peak wurden fast jährlich Bücher auf dem Markt geworfen – meist als KiWi-Taschenbuch mithilfe seines großen Förderers Helge Malchow. Das Niveau freilich schwankte. „Lügen-Eimer“ (Goetz) Lottmann berichtete mal lustiger, mal weniger lustig über die Berliner Szene, die Kunstwelt, die Mode, die „Zentrale Intelligenz Agentur“; schimpfte über Goetz, Biller, Herrndorf und die anderen; und schrieb nicht zuletzt gerne über junge Frauen, die „fickten wie ein Weltmeister“, bis ihm mit „Endlich Kokain“ endlich wieder ein gutes Buch gelang.
Dass alles Moralinsaure stets seine belustigte Gegnerschaft auf sich zog, war selbstredend, und tatsächlich war es oft so, dass man über eine Figur wie ihn auch froh sein konnte: Er ließ uns nicht allein mit der aufgeblasenen Moral, der Bigotterie, die durch die deutsche Öffentlichkeit zog, ob sie nun von Grün, von links, von rechts kam, aus PC-Wokeistan oder von der Migrantifa. Gleichzeitig rutschte seine Diskurshygiene, die es eben auch immer war, immer weiter an den Rand; es schien, als hätte die Reaktion, die rechte wie die linke, das Diskursfeld vollends erobert und gewonnen.
Lottmann selbst flüchtete in die Ehe mit einer Wienerin und in der Folge auch räumlich nach Wien. Seinen grenzwertigen Reportagen blieb er natürlich treu, er bildete sein eigenes Genre, schrieb nach kurzzeitiger Mitgliedschaft in der Redaktion des Spiegel für sämtliche Blätter zwischen taz, SZ und FAS; die Zeit, in der er sich selbst als „Erfinder der Popliteratur“ stilisieren konnte, ging aber allmählich vorbei. Es kam der Sommer der Geflüchteten, es kamen die bleiernen, letzten Merkel-Jahre, es kam Corona.
Irgendwann im Laufe des Jahres 2026 wurde bekannt, dass Lottmann Krebs hatte. „Wurde bekannt“? Natürlich war es Lottmann selbst, der sein eigenes Sterben medial verwertete; auf Instagram und Facebook erschien sein „Langweiliges Tagebuch“, womit er Anhänger- und Feindschaften auf dem leider traurigen Laufenden hielt. Ab Mitte September erschienen die ersten Nachrufe zu Lebzeiten, auch in österreichischen Zeitungen. Dennoch hielt sich lange der Verdacht, dass auch das wieder nur gespielt war, eine weitere Finte des fintenreichen, listigen Witzbolds.
Doch jetzt ist es leider Gewissheit. Joachim Lottmann ist tot. Er starb nach schwerer Krankheit an diesem Sonntag in Wien. Er wurde 70 Jahre alt.
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