Buch über junge Obdachlose: Von der Hilfe durch Nichthilfe und anderen Märchen

Ungeschönte Feldforschung: Kobai Halstenberg lässt in „Wie Treibholz auf Asphalt“ jugendliche Obdachlose selbst ihre Geschichten erzählen.
Foto: cgimanufaktur/plainpicture
Rund 44.000 alleinstehende Jugendliche und junge Erwachsene bis 27 Jahre sind in Deutschland ohne feste Wohnung, schreibt Journalist:in und Autor:in Kobai Halstenberg unter Berufung auf den Wohnungslosenbericht von 2024 und lässt in „Wie Treibholz auf Asphalt“ vierzehn Betroffene von ihrem Leben auf der Straße erzählen. Halstenberg, die mittels der Oral History-Methode – subjektive Erzählungen von Zeitzeug:innen unter möglichst geringer Einflussnahme der Interviewenden – bereits Kriegskinder des Zweiten Weltkrieges sowie junge trans Menschen zu Wort kommen ließ, rückt diesmal ein gesellschaftlich wie literarisch bislang randständig behandeltes Thema ins Zentrum.
Manche Menschen wollten sich nicht mit Obdachlosigkeit beschäftigen, kommentiert beispielsweise die 26-jährige Socki. Für Verstehen und Verständnis bedürfe es jedoch der Auseinandersetzung. Socki bedauert, dass Menschen ihren Kindern die Ablehnung vorlebten, sie dazu erzögen, „sich nicht ‚mit so was‘ abzugeben“, denn internalisierte Überzeugungen seien schwer abzulegen. Die Protagonist:innen fordern Leser:innen durch ihre Einblicke zum Hinschauen und Zuhören auf: „Ich würde mir wünschen, dass Menschen mehr gucken: Wie leben wir? Wie sehen wir die Welt? Und sich mehr darauf einlassen, anstatt uns einfach abzustempeln.“
Indem Halstenberg die jungen Menschen zwischen 15 und 26 ihre Geschichte(n) selbst erzählen lässt, statt im Sachbuchformat über sie zu berichten, hinterfragt die Autor:in den im Kinder- und Jugendbuch ebenso wie im Rest der Gesellschaft vorherrschenden Adultismus und trägt einem Bedürfnis Rechnung, dass in den Gesprächsprotokollen immer wieder zur Sprache kommt: „Es ist cool, mal zu reden! Normalerweise fresse ich das alles in mich rein und rede mit niemandem darüber!“
Das Buch
Kobai Halstenberg: „Wie Treibholz auf Asphalt. Junge Menschen erzählen von ihrem Leben auf der Straße.“ Fischer Sauerländer Verlag, Frankfurt am Main 2026. 304 Seiten, 13,90 Euro
Misshandlungen im Elternhaus, Missstände beim Jugendschutz, Mobbing, Vernachlässigung – die Schilderungen der Jugendlichen machen betroffen und stimmen nachdenklich hinsichtlich privilegierter sozialer Positionen, die – statt in Solidarität – oft in Geringschätzung und Missachtung münden: „Du siehst mich, aber ich bin es dir nicht wert, dass du antwortest?“
Der zweiundzwanzigjährige Simon, aus einer alkoholabhängigen Familie im ländlichen Niedersachsen nach Berlin geflüchtet, schildert, wie ihm unter dem Vorwand angebotener Hilfe der Arm gebrochen worden sei: „Ich hatte Alkohol getrunken und bin umgekippt. Jemand kam vorbei und hat gefragt, ob ich Hilfe brauche. Ich habe ihn gebeten, mich auf die Bank zu setzen. Da hat der mir den Arm gebrochen und gesagt: ‚So, du scheiß Penner, kannst hier liegen bleiben.‘“
Gesellschaftliche Doppelmoral
Die nahbare und ungeschönte Feldforschung hält gesellschaftlicher Doppelmoral den Spiegel vor: Erschienen Obdachlose gepflegt, könnten sie im (Shoppingcenter) Alexa in Ruhe chillen, lesen, schlafen. Der Sicherheitsdienst unternähme nichts. Stänken sie hingegen, würden sie überall rausgeschmissen: „Aber nur weil ich stinke, habe ich doch trotzdem das Recht, mir eine Flasche Wasser zu kaufen, oder?!“
Analoge Doppelstandards wirkten, wenn jungen Obdachlosen bereitwilliger geholfen würde als älteren, oder suchtkranken Obdachlosen Spenden verweigert würden. Diese vermeintliche Hilfe durch Nichthilfe führe jedoch lediglich zur Täuschung und nicht, wie häufig naiv angenommen, zum Clean-Werden: „Meine echte Geschichte habe ich beim Schnorren nicht erzählt. Die meisten Leute haben zu wenig Verständnis dafür, wie eine Abhängigkeit funktioniert.“
Auch obdachlosenfeindliche Architektur in Innenstädten sei eine Aufforderung zum Wegschauen: „Als würde das Problem verschwinden, nur weil das Elend aus dem Blickfeld verschwindet.“ Bei der „Bundeskonferenz der Straßenkinder“ hingegen – einer mehrtägigen Veranstaltung zur Jugendobdachlosigkeit, innerhalb derer Betroffene Ideen entwickeln und in direkten Austausch mit der Bundespolitik treten – seien praktikable Alternativen – „Tiny Houses am Straßenrand“ – vorgestellt werden.
Die Bundesregierung wolle Wohnungslosigkeit bis 2030 mit einem nationalen Aktionsplan beenden, schreibt Kobai Halstenberg in einer Einordnung am Ende des Buches: Doch solange es zu wenige günstige Wohnungen gäbe und Hilfen mit dem achtzehnten Geburtstag endeten – trotz traumatischer Erlebnisse und daraus resultierender nachwirkender psychischer Probleme – Behörden sich gegenseitig die Verantwortung zuschöben und die jungen Leute allein zurückblieben, werde sich wenig ändern, prognostiziert die studierte Jurist:in.
Gleichzeitig belegen die Schilderungen (beide Geschlechter sind etwa gleich stark betroffen), dass Jugendobdachlosigkeit alle sozialen Schichten betrifft und kein reines Armutsproblem ist: „Ich bin außerhalb von Hamburg recht behütet groß geworden: Mama, Papa, große Schwester, Familienhund.“
Wie wesentlich die Arbeit von Sozialarbeitenden in Verbänden wie Straßenkinder, Gangway, Freestyle, Off Road Kids, sidewalx oder Momo in Großstädten wie Berlin oder Hamburg ist und wie wichtig Anlaufstellen für Essensausgaben oder Notübernachtungen im Nachtcafé oder Sleep in für die Betroffenen und ihren bürokratischen Hürdenlauf raus aus der Spirale aus Hoffnungs- sowie Obdachlosigkeit und Suchterkrankung sind, erfährt man im Buch ebenfalls.
Entzug, Langzeittherapie, clean werden, Postadresse und Bürgergeld beantragen, Leistungsbescheide vom Bürgeramt, um auf eine Liste für einen Wohnheimplatz zu gelangen, und dann, sofern sie sich dort gut verhielten, die Chance auf eine eigene Wohnung, das ist in etwa der Weg. Bei Straßenkinder, berichtet Simon, versuchten sie wirklich, ihm auf die Beine zu helfen: „Mit Entgiftung, mit Wohnung, mit allem.“ Sie sagten: „Ihr seid uns nicht egal.“ Und wenn es wieder nicht klappte, gäben sie nicht auf, sondern versicherten: „Alles gut, Simon, biste wieder hingefallen, dann bauen wir dich wieder auf.“
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