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Sunday, October 4, 2026

140 Jahre Seemannsmission: Eine Pause von den Weltmeeren

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Blick in einen Aufenthaltsraum mit Billardtischen im Internationalen Seemannsclub Duckdalben der Deutschen Seemannsmission (Aufnahme vom 26.05.2025)

Reportage

Stand: 04.10.2026 • 08:00 Uhr

Zeitdruck, Kriege und Krisen machen die Arbeit für Seefahrer immer härter. Seit 140 Jahren hilft die Deutsche Seemannsmission, den Bordalltag kurz zu vergessen - so wie im Hamburger Seemannsclub Duckdalben.

Von Sophia Stritzel, NDR

"Normalerweise sollten sie jetzt kommen", sagt Jan Burow etwas ratlos. Der 75-Jährige steht vor einer riesigen schwarzen Stahlwand und wartet. Die "Guayaquil Express" hat gerade im Hamburger Hafen angelegt: ein Containerriese, rund 300 Meter lang.

Der ehrenamtliche Helfer der Deutschen Seemannsmission rückt seinen weißen Helm zurecht, blickt in Richtung Gangway. Er will Seeleute abholen. Doch stattdessen taucht sein Kollege Franz Taucher auf: "Da ist Chaos, Proviantübernahme, Crew-Wechsel", berichtet er. Die Seeleute dürfen vorerst nicht von Bord.

Burow kennt das schon, er ist selbst jahrelang zur See gefahren und beobachtet: Die Seefahrt ist stressiger geworden. "Zu meiner Zeit lagen die Schiffe auch mal länger am Hafen. Heute, mit den Containern, geht das Be- und Entladen schneller. Deshalb bleibt den Seeleuten kaum Zeit, denn die Schiffe sind höchstens 36 Stunden hier", sagt er. Umso wichtiger seien Orte wie der Seemannsclub Duckdalben, zu dem er jetzt zurückfährt. Vorbei an großen Pötten und riesigen Kränen.

Jan Burow fuhr selbst lange zur See - jetzt hilft er ehrenamtlich Seeleuten, die in Hamburg anlegen.

Den harten Bordalltag kurz vergessen

An den Decken hängen rote Rettungsringe, an den Wänden, dicht an dicht: Schiffsmodelle, Fähnchen und Masken - Mitbringsel aus aller Welt. Der Duckdalben liegt direkt am Hamburger Hafen, dort, wo auch seine Namensgeber verbaut sind, die Duckdalben: große Pfähle im Wasser, an denen Schiffe festmachen können.

Denn genau das soll der Seemannsclub, der von der Deutschen Seemannsmission betrieben wird, auch sein: ein Ankerpunkt für Seeleute, ein Ort, an dem sie kurz den harten Bordalltag vergessen können. Im Club können sie sich austauschen, bekommen Hilfe, zum Beispiel wenn Medikamente benötigt werden. Und die Seeleute können Snacks einkaufen.

Anji Kirankumar steht gerade an der Kasse, eine Tafel Schokolade in der Hand. Er hat wenig Zeit, morgen muss er schon wieder weiter in Richtung Antwerpen. Er findet: Es gebe viel zu wenige Orte wie diesen in den Häfen der Welt. Hier bekomme er etwas Abwechslung, schildert der indische Seemann, denn an Bord sehe man immer wieder dieselben Gesichter. Außerdem dürfe auf einigen Schiffen kein Alkohol getrunken werden. "Hier können wir Bier trinken", ergänzt er lachend.

"Hier kann ich meine Familie anrufen"

Nebenan klirren schon die Bierflaschen, eine Gruppe Filipinos steht um den Billardtisch. Die Stimmung ist gelöst. Vor ihnen liegen Wochen auf See - nächster Stopp: Japan. Rodrigo Llamas Jr. spielt nicht mit, er ruft lieber bei seiner Familie an. Denn auf vielen Schiffen ist das Internet limitiert, anders als hier im Duckdalben. "Hier kann ich meine Familie anrufen und ihnen erzählen, wie es mir an Bord so geht", erzählt der 45-Jährige.

Kontakt zur Familie - das war im Duckdalben schon immer ein wichtiges Thema. Die bunten Türen der Telefonzellen sind mittlerweile dauerhaft geschlossen. Einst standen hier Seeleute für den Heimatanruf in Schlangen an, heute hat das Handy die Telefonzellen ersetzt. Doch auch wenn der Anruf zu Hause einfacher geworden ist - die Belastung der Seeleute bleibt hoch: Schichtdienst, lange Tage, Einsamkeit.

Deutsche Seemannsmission weltweit vertreten

Die Deutsche Seemannsmission, eine evangelische Seelsorge- und Sozialeinrichtung, hilft Seeleuten weltweit, zum Beispiel mit Seemannsclubs, wie dem Duckdalben. Zur Gründung vor 140 Jahren waren es andere Dinge, die Seeleute belasteten. Denn im Gegensatz zu heute lagen die Crews teils für Wochen in den Häfen. Für die Besatzungen gab es kaum günstige und sichere Unterkünfte und ihnen drohte ständig die Gefahr, ausgeraubt oder betrogen zu werden.

Am 29. September 1886 gründeten evangelische Vereine deshalb das "Komitee für die kirchliche Versorgung der deutschen Seeleute im Ausland", den Vorläufer der Deutschen Seemannsmission. Die ist heute in weltweit 33 Häfen vertreten, schildert Generalsekretär Matthias Ristau: "Wir sind zum Beispiel in Rotterdam, aber auch in Douala in Kamerun, da haben wir ein Hotel mit Schwimmbad für die Seeleute." Er würde gerne in den kommenden Jahren weitere Standorte einrichten.

Doch teils könnten die Seeleute die Angebote der Deutschen Seemannsmission nicht oder nur eingeschränkt nutzen, erklärt Ristau: Es sei manchmal schwierig für die Crews, die Erlaubnis für einen Landgang zu erhalten. Das bestätigt auch ein Seemann, der seinen Namen nicht nennen will: "Die Zeiten für uns sind schwer. Früher konnten wir in jedem Hafen einfach das Schiff verlassen, aber nun müssen wir viele Papiere ausfüllen, bevor wir von Bord gehen können."

Krisen und Kriege belasten Seeleute zusätzlich

Ristau von der Deutschen Seemannsmission beobachtet außerdem: Konflikte wie der Krieg an der Straße von Hormus und der Krieg in der Ukraine bedeuten eine zunehmende Belastung für Schiffsbesatzungen. Doch der Duckdalben bietet auch Hilfe für die Seele an: Seelsorge und ganz allgemein ein offenes Ohr.

Deshalb setzt sich Mitarbeiterin Julia Hagelstein auch regelmäßig zu den Seeleuten und fragt, wie es ihnen geht. In den Gesprächen erfährt sie dann beispielsweise von Sorgen um die Familien oder von Problemen mit Kollegen an Bord. Einige seien aber auch traumatisiert, weil sie beispielsweise einen Piratenüberfall miterleben mussten.

Oft reiche es aber schon, erzählt Hagelstein, einen Raum zu bieten, in dem über Sorgen und Herausforderungen gesprochen werden kann und eine kurze Atempause zu schenken, bevor es wieder rausgeht, auf die Weltmeere.

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