Einst lebten hier Juden: Wenn Häuser Geschichten erzählen
Schon viele Menschen sind über die Türschwelle der Berliner Altbauwohnung im vierten Stock getreten. Hier, in der Rosenheimer Straße 40, saßen sie auf dem Sofa und am Küchentisch, hier schauten sie aus dem Fenster, hier hingen sie ihren Träumen nach.
Seit 2007 wohnt Marie Rolshoven mit ihrer Familie hier. "Das Gefühl, über die Schwelle zu gehen, über die auch die früheren Bewohner zum letzten Mal gegangen sind, lässt einen nicht los", sagt sie. Denn sie weiß: Hier lebten einst Juden - und keiner hat die Nazi-Zeit überlebt.
Aus dem Zuhause vertrieben
Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten im Januar 1933 wurde schnell klar, dass Juden in Hitlers Deutschland als "Bürger zweiter Klasse" galten. Auch das Wohnrecht war keine Selbstverständlichkeit mehr.
"Einem rassebewussten Volksgenossen ist eine Hausgemeinschaft mit einem Juden" nicht zuzumuten, daher sei eine fristlose Kündigung rechtens, schrieb am 18. September 1938 das Parteiorgan der Nazis, der "Völkische Beobachter". Am 30. April 1939 wird das Gesetz dazu erlassen: Jüdische Mieter und Eigentümer werden gezwungen, ihre Wohnungen zu verlassen und in behördlich bestimmte Gebäude, im NS-Jargon "Judenhäuser" genannt, umzuziehen.
In Henny und Carl Möllers Wohnung in der Rosenheimer Straße 40 werden mehrere Menschen zwangsweise einquartiert. Am Ende sind sie zu neunt. Im Herbst 1941 beginnen die Deportationen in die Vernichtungslager.

Hitlers Propagandaminister Joseph Goebbels notiert in seinem Tagebuch: "Hauptsache ist, dass die Reichshauptstadt judenrein gemacht wird; und ich werde nicht eher ruhen und rasten, bis dieses Ziel vollkommen erreicht ist." Auch die Bewohner der Rosenheimer Straße werden abtransportiert.
Erinnern an einem realen Ort
Es sind diese Menschen, an deren SchicksalMarie Rolshoven erinnern möchte. Zusammen mit ihrer mittlerweile verstorbenen Mutter und einem Freund gründete sie deshalb 2016 die Initiative Denk Mal Am Ort (DMAO), inspiriert von dem Amsterdamer Projekt "Open Jewish Homes".

Die Idee dahinter: Dorthin einladen, wo sich damals der Alltag abspielte. "Man kommt den Menschen einfach sehr nah über den realen Ort", so Rolshoven. "Es ist anders, als wenn ich in eine Gedenkstätte gehe."
"Hier stand mal das Bett meines Bruders"
Diese Erfahrung machten auch ihre Nachbarn zwei Stockwerke tiefer. "Denk Mal Am Ort" hatte herausgefunden, dass einst die jüdische Familie Katzenellenbogen die Wohnung gemietet hatte.
Die Familie verließ Nazi-Deutschland 1939 gerade noch rechtzeitig. "2018 kam dann wirklich der 92-jährige Joel Ludwig Katzenellenbogen mit Tochter, Schwiegersohn und Enkel auf unsere Einladung hin an diesen Ort zurück", erzählt Rolshoven der DW.
Gefunden hatte ihn die DMAO-Initiative über Facebook. Rolshoven erzählt, wie beeindruckend es für die Besucher und Besucherinnen war, als der ehemalige Bewohner hereinkam und sagte: "Ja, ich kann mich genau erinnern. Hier stand das Bett meines Bruders. Er war zehn, als wir das Land verlassen mussten."

Bald keine Zeitzeugen mehr
Joel Ludwig Katzenellenbogen ist mittlerweile verstorben. Wie so viele Zeitzeugen. Umso wichtiger sei das generationenübergreifende Erinnern, sagt Rolshoven. Sie selbst hat schon eine Nachfahrin einer ehemaligen Bewohnerin bei sich zu Hause empfangen.
Claudia Samters Mutter konnte einst aus Berlin nach Argentinien fliehen, ihre Tante nicht. Sie bat "Denk Mal Am Ort" um Hilfe bei der Spurensuche - und es stellte sich heraus, dass die Tante früher in Rolshovens Wohnung einquartiert worden war.
Claudia Samter war schon zwei Mal zu Gast. "Es gibt ja auch kein Grab auf einem Friedhof, wo sie hingehen kann", sagt Rolshoven. "Wir saßen am Küchentisch und haben über das Leben heute und morgen gesprochen und haben viel gelacht und auch geweint. Es war gut, diesen Raum noch mal so neu zu bespielen."

2026 hat "Denk Mal Am Ort" 90 Erinnerungsveranstaltungen in acht Städten organisiert. Es seien viele sehr junge Nachfahren gekommen, so Rolshoven. "Zu wissen, dass diese in diesem Treppenhaus gestanden und dieselbe Klinke berührt haben, das habe ihnen geholfen.
Ein Schweizer auf Spurensuche nach den Vorfahren
Auch der 19-jährige Adam Ethan Klein aus der Schweiz wollte mehr über die Geschichte seiner Vorfahren erfahren. "Ich wusste schon immer, dass da eine Fluchtgeschichte war, aber zu Hause war das nie ein großes Thema", erzählt er.
"Es hieß dann: 'Ja, deine Urgroßeltern verließen 1938 Deutschland. Gerade noch rechtzeitig. Zum Glück, sonst gäbe es dich heute nicht'."
Dass Adam tiefer nachzubohren begann, habe mit dem um sich greifenden Antisemitismus zu tun, sagt er - und dem allgegenwärtigen Slogan" Never again is now". ("Nie wieder ist jetzt": ein Aufruf, sich in der Gegenwart aktiv gegen Antisemitismus, Hass und Angriffe auf die Demokratie zu stellen, Anmerkung d. Red.)
Auf dem Dachboden, das wusste die ganze Familie, lag ein Koffer seines Urgroßvaters mütterlicherseits. "Aber nie hat jemand irgendwie gewagt zu sagen: 'Schauen wir mal hinein'."

Bis Adam das Gepäckstück öffnete. Er findet Dutzende Dokumente und stößt auch auf ein Schreiben des Amtsgerichts Hannover vom 12. Juni 1933 an den Rechtsanwalt Max Haas, seinen Urgroßvater.
"Sie waren vor allem eins: Juden"
Darin heißt es: "Sie sind heute auf Grund des Erlasses des Herrn Justizministers in der Liste der zugelassenen Rechtsanwälte gelöscht."
Adam ist zutiefst betroffen: "Mit diesem einen Satz wurde den Familien auf unmissverständliche Weise klar gemacht, dass sie genau das nicht waren, was sie seit Generationen angestrebt hatten: eine durchschnittliche deutsche Familie. Ab diesem Zeitpunkt waren sie vor allem eines: Juden."

Für Adam eine verstörende Erkenntnis. Ebenso wie die Nachricht, dass jemand einen ultraorthodoxen Juden in Zürich erstach und dabei antisemitische Parolen rief.
Der Angriff ereignete sich unweit der Synagoge, in der er kurz zuvor die Bar Mizwa eines Cousins gefeiert hatte. (Bar Mizwa bezeichnet im Judentum die Feier für Jugendliche zum Eintritt in die Religionsmündigkeit, Anm. d. Red.)
"Ich dachte, in der Schweiz passiert so was nicht"
"Zum ersten Mal in meinem Leben hatte ich das mulmige Gefühl, nicht ganz hierher zu gehören. Dabei ist Zürich meine Heimat, die Stadt, in der ich von Geburt an als jüdischer Schweizer unbeschwert lebe", wird Adam später notieren.
"Das war für mich schon ein neues Territorium. Ich dachte eigentlich immer, in der Schweiz passiert so was nicht. Das war vielleicht ein bisschen ignorant von mir", sagt er.
Das Thema lässt ihn nicht los. Adam forscht weiter, er will seine Abschlussarbeit am Gymnasium über seine Verwandten schreiben. Und er fährt im Frühjahr 2024 mit seinen Eltern, seiner Schwester, der Großmutter, Onkels, Tanten sowie mehreren Cousins los, um die Herkunftsorte ihre Vorfahren zu kennenzulernen.
Eine "magische" Begegnung
Irgendwann stehen auch sie vor einem fünfstöckigen Gebäude in der Hölderlinstraße 55. Da kommt plötzlich ein Mann mit dem Fahrrad aus der Hofeinfahrt.
"Na, machen Sie eine Stadtführung oder wollen Sie hier einziehen?", fragt er scherzhaft. Es ist Thomas Koch, der schon länger recherchiert, wer mal in seinem Haus gewohnt hat. Als die Antwort lautet: "Nein, wir gucken uns an, wo unsere Vorfahren gelebt haben", ist er elektrisiert.

Koch hat bereits herausgefunden: Die ehemaligen Hausbesitzer, die Brüder Merzbacher, verkauften das Haus 1936 für 75 .000 Reichsmark. Davon mussten sie 70.000 Reichsmark an Vermögensabgaben und Reichsfluchtsteuer zahlen. Der Rest reichte gerade für die Schiffspassagen nach Brasilien und in die USA. Im Erdgeschoss lebte 1937 und '38 eine Familie Hirschheimer, tätig im Sperrholzhandel, bevor sie in ein "Judenhaus" zwangsumgesiedelt wurde. Ab 1939 verlor sich ihre Spur, Koch fand keine weiteren Unterlagen. Also fragt er: "Sind Sie die Familie Hirschheimer?"
Sie sind es. "Magisch" sei diese Begegnung gewesen, sagt Koch. Adolf und Auguste Hirschheimer waren Adams Ururgroßeltern. Ihre Tochter Ilse war mit Max Haas verheiratet.
Adam Klein und Thomas Klein bleiben in Kontakt. Als der junge Mann das nächste Mal in Stuttgart ist, laden ihn die Kochs zu Kaffee und Kuchen ein.
"Eine schöne Wohnung", findet Adam. "Und es war spannend, sich vorzustellen, wie meine Vorfahren dort mal gelebt haben und dass es wahrscheinlich gar nicht so viel anders war. Damals gab es wahrscheinlich auch Kaffee und Kuchen."

Adam zeigt dem Stuttgarter Fotos seiner Großmutter Ilse, die in der Synagoge in Stuttgart geheiratet hatte, und im Hochzeitsornat im Wohnzimmer stand. "Vor der Tür, die wir immer noch haben", sagt Koch.
"Das war schon berührend, neue Mitbewohner im zeitversetzten geschichtlichen Kontext gefunden zu haben. Und ich glaube, dieses Erleben, dieses Nachvollziehen, ist ein hoch empathischer Prozess, der verbindet einen einfach über diese Wohnung."

Gebrochene Identitäten
Ilse und Max Haas finden Zuflucht in England, das Ehepaar Hirschheimer reist 1939 in die Schweiz aus. Adolf Hirschheimer stirbt 1940 an einem Herzleiden, aber "sicher auch an einem gebrochenen Herzen", glaubt Adam, sein Ururenkel.
Auguste wird von ihrem Schwiegersohn Max nach England geholt. Die Familie hat Heimweh: "Dort waren wir die Juden, hier sind wir die Deutschen. Da soll sich ein Mensch zurechtfinden", schreibt Ilse Haas an eine Freundin. Es sind diese Zeilen, die Adam als Titel für seine Abschlussarbeit wählt.
Denn seine Urgroßeltern kommen nicht zur Ruhe, nachdem ihnen die Heimat genommen wurde. Von England gehen sie schließlich nach Israel und irgendwann zurück nach Europa, in die Schweiz.
"Meine Urgroßeltern ließen sich am Ende ihres Lebens nur gerade zwei Autostunden von der alten Heimat nieder", schreibt Adam. "Wenn ich ihre Biografien aus der Distanz des Urenkels betrachte, wird klar, dass es ihnen nach dem Bruch mit Deutschland nie mehr gelungen ist, irgendwo Wurzeln zu schlagen."
"Erinnern ist wichtig, weil man schlussendlich aus der Geschichte lernen muss," sagt Adam. Und ich denke, jeder einzelne ist in der Pflicht und kann bewirken, aktiv zu erinnern. Und so geht es dann hoffentlich auch ohne Zeitzeugen." Zum Beispiel in der ehemaligen Wohnung seiner Vorfahren.
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