Wie die Lausitz den Ärztemangel in den Griff bekommen will
Stand: 18.10.2026 • 11:36 Uhr
In Deutschland fehlen Tausende Hausärzte, besonders auf dem Land. Brandenburg will mit einer neuen staatlichen Medizinerausbildung gegensteuern, in einer Region, die besonders vom Strukturwandel betroffen ist.
Von Jacqueline Piwon, rbb
Der Mangel an Hausärzten wird in Deutschland ein immer drängenderes Problem. Rund 5.000 Hausarztsitze sind nach Angaben der Kassenärztlichen Bundesvereinigung derzeit nicht besetzt. Vor allem auf dem Land wird es immer schwieriger, Nachfolger für Arztpraxen zu finden. Hinzu kommt: Fast 40 Prozent der Hausärztinnen und Hausärzte sind bereits 60 Jahre oder älter und werden in den kommenden Jahren voraussichtlich in den Ruhestand gehen.
Allein in Brandenburg herrscht nach Angaben der Landesregierung in 21 von 46 Regionen bereits Hausärztemangel, oder es droht eine Unterversorgung. Jeder dritte Hausarzt im Land ist mindestens 60 Jahre alt, jeder sechste sogar älter als 65.
Brandenburg bekommt seine erste staatliche Universitätsmedizin
Mit der neuen Medizinischen Universität Lausitz - Carl Thiem will Brandenburg gegensteuern. Sie ist die erste staatliche Universitäts-Medizin Brandenburgs. Dass eine medizinische Universität komplett neu gegründet wird, ist in Deutschland eine Seltenheit. Erst vor zwei Jahren wurde die Medizinische Universität Lausitz ins Leben gerufen - als Teil des Strukturwandels in der ehemaligen Kohleregion. Bund und Land fördern das Projekt mit insgesamt 3,7 Milliarden Euro.
Anfang Oktober haben hier die ersten 38 Studierenden ihre Ausbildung begonnen. Für sie ist es ein besonderer Start. Mit durchschnittlich 24 Jahren sind einige bereits berufserfahren, andere beginnen direkt nach der Schule.
Vom Pfleger zum Medizinstudenten
Justus Gutsche wollte ursprünglich Profifußballer werden, erzählt er auf der Bühne der feierlichen Immatrikulation scherzhaft. Stattdessen entschied er sich für eine Ausbildung zum Pflegefachmann am Carl-Thiem-Klinikum in Cottbus und sammelte anschließend Berufserfahrung. Besonders der direkte Kontakt zu Menschen und die Möglichkeit, deren Leben positiv zu beeinflussen, begeistern ihn an der Medizin, sagt er.
Als er 2024 von den Plänen für eine medizinische Universität in Cottbus erfuhr, stand für ihn fest, dass er dort studieren wollte. Nun kann er nach eigenen Worten in zehn Minuten mit dem Fahrrad zur Universität fahren.
Auch Alma Freigang hat sich bewusst für ein Studium an der neuen Uni entschieden. "Ich wollte nicht so weit weg von zu Hause", sagt sie. Cottbus war ihre erste Wahl. Zum ersten Jahrgang gehören insgesamt 26 Frauen und zwölf Männer. Sie kommen aus allen Teilen Deutschlands, elf von ihnen aus Brandenburg.
Viele von ihnen sollen sich, so der Plan, später für eine Tätigkeit als Landarzt oder Landärztin entscheiden, denn die werden nicht nur in der Lausitz dringend gebraucht. Einer der Schwerpunkte der neuen Universität ist daher der frühe Praxisbezug. Schon im ersten Semester haben die Studierenden Kontakt mit Patientinnen und Patienten. Teil des Konzepts sind auch Kooperationen mit Allgemeinmedizinern in der Region. Vom dritten Semester an sollen die Studenten in den Praxen der Region lernen.
Quote soll Ärzte aufs Land bringen
Damit künftig mehr junge Mediziner in Brandenburg bleiben, hat das Land außerdem eine Landarztquote beschlossen. Ab 2027 sollen zunächst vier Studienplätze pro Jahrgang an Bewerber vergeben werden, die sich verpflichten, nach dem Studium und der Facharztausbildung zehn Jahre lang als Hausarzt in einer unterversorgten Region Brandenburgs zu arbeiten. Später sollen zehn Prozent der Studienplätze über die Quote vergeben werden. Wer seine vertragliche Verpflichtung nicht erfüllt, muss mit einer Strafe von bis zu 250.000 Euro rechnen.
Bei der Auswahl der Studenten spielt nicht nur die Abiturnote eine Rolle. Auch ein Eignungstest sowie praktische Erfahrungen in medizinischen oder pflegerischen Berufen werden berücksichtigt.
Doch die Quote allein wird den Ärztemangel nicht beheben können. Zunächst betrifft sie nur wenige Studienplätze. Und bis die ersten Studierenden ihr Medizinstudium und die anschließende Facharztausbildung abgeschlossen haben, werden noch etwa zehn Jahre vergehen.
Die Kassenärztliche Vereinigung Brandenburg sieht deshalb auch die Kommunen in der Verantwortung. Damit junge Ärztinnen und Ärzte aufs Land ziehen, müssten die Lebensbedingungen stimmen - mit Wohnungen, Kinderbetreuung und Schulen.
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