InquirerEco concerns raised over land conversion in Tarlac Aeta communitiesESPNSources: Simmons told to leave Chiefs team meeting by Reid, MahomesESPN DeportesJazz toma ventaja temprano frente a LakersThe Jerusalem PostIDF chief pushed back on Netanyahu order for ‘action’ against Iran, fearing political motivesPunchFULL LIST: NDC names Peter Obi, Henry Dickson, others as campaign council membersDaily MaverickANALYSIS: Inside the big shiny plan to change how local government worksZDF heuteEntdecken Sie das ZDF-NachrichtenstudioThe South AfricanCats to burps: The Kiffness trolls President Trump [video]SRF NewsGrosser Preis der USA – Antonelli siegt in Austin – doch die WM-Entscheidung ist vertagtNU.nlSven Kockelmann wint Sonja Barend Award voor interview met Dick SchoofNational PostTrump says decision nearing on Iran: deal or ‘finish it off’Rai NewsSerie A, Serie A, Udinese-Milan0-2: i rossoneri agganciano la terza piazza e la Roma
The Daily Newsstand · Free, Always
Sunday, October 25, 2026

Wahl in Israel: „Wir können keine einzige Stimme verschwenden“

Translate

Viele im Ausland lebenden Israelis kehren heim zur Wahl. Das tut auch Nathan aus Berlin: eine linke Ausnahme in einer erzkonservativen Familie.

Clara Nack

„Liebe ist stärker als Ideologien“, sagt Nathan Dawidowicz. Gerade sieht Nathan zum ersten Mal seit sieben Jahren die eigene Mutter in Jerusalem wieder. Nathan ist zur anstehenden Parlamentswahl nach Israel gereist. Das letzte Mal hat Nathan in Israel vor 17 Jahren gewählt, mit 18. Seit dem letzten Besuch 2019 ist nicht nur der Anschlag vom 7. Oktober 2023 geschehen, der die politischen Gräben im Land weiter vertieft hat. Auch in der eigenen Familie war ein politischer Streit eskaliert, der zu einigen Jahren Funkstille führte.

„Schon im Flugzeug fiel mir auf, wie viele säkulare Israelis offenbar zum Wählen ins Land kommen, um die Opposition zu unterstützen“, sagt Nathan über den Hinflug. Jeder Platz sei besetzt gewesen. Als die Mutter Nathan am Flughafen abholt, erzählt sie, dass gerade drei Flugzeuge verschiedener Airlines aus Berlin gleichzeitig gelandet seien. Die israelische Diaspora kommt, um ihre Stimme zu nutzen.

Eine Stimme für oder gegen den derzeitigen Premierminister Benjamin Netanyahu und seine Regierung – das ist die Entscheidung, über die Israel offenbar gespalten sei, sagt Nathan. „Es geht überhaupt nicht um eine Spaltung zwischen links und rechts, es geht um Für oder Wider die derzeitige Regierung.“

Diese Kluft zieht sich auch durch Nathans eigene Familie. Die Mutter ist ultraorthodoxe Jüdin und erzog Nathan seit dem Umzug von Mailand nach Jerusalem im Alter von sechs Jahren im Umfeld der erzkonservativen Chabad-Strömung. Nun lebt Nathan seit zehn Jahren in Berlin, ist non-binär und verwendet die englischen Pronomen they/them.

„Meine Mutter stimmt Dingen zu, die ich entsetzlich finde. Sie ist Ashkenasi-Jüdin, ich bin schwarz, und die Leute, denen sie ihre Stimme gibt, schüren in Israel aktiv Rassismus gegen Menschen meiner Hautfarbe“, sagt Nathan, 35 Jahre alt. Mit diesem Widerspruch habe Nathan leben lernen müssen, um den Kontakt zu ihr wieder aufnehmen zu können, nach dem Tod des Vaters vor ein paar Jahren.

„Eine solche Aggressivität im öffentlichen Raum“

Im Zentrum Jerusalems säumen Wahlplakate die Straßen. Nathan empfindet den Wahlkampf als aggressiver als früher. Das Netanyahu-Lager kämpfe mit harten Bandagen und gebe den Ton so vor, dass die Opposition ständig in der Defensive sei. Auf einem öffentlichen Stadtbus liest Nathan einen Bibelvers als Wahlkampfslogan, der sich so übersetzen lässt: „Wenn jemand kommt, um dich zu töten, töte ihn zuerst.“

„Eine solche Aggressivität im öffentlichen Raum kenne ich von früher nicht“, sagt Nathan. Antiarabische Hassparolen habe es zwar zuvor schon gegeben, aber eher am äußersten Rand. „Nicht so sichtbar im öffentlichen Raum“, sagt Nathan. „Ich glaube nicht, dass wir es uns leisten können, auch nur eine einzige Stimme zu verschwenden.“ Am Dienstag will Nathan für die Demokratische Partei von Yair Golan stimmen.

Die jüdische und die palästinensische Frage gehören für Nathan untrennbar zusammen, auch daran wird die Wahlentscheidung festgemacht: „Mir ist wichtig, dass erste Schritte hin zu einer friedlichen Lösung mit den Pa­läs­ti­nen­se­r:in­nen gemacht werden. Einen eigenen palästinensischen Staat oder eine Versöhnung wird es in der nächsten Legislaturperiode wohl nicht geben, daran glaube ich in so kurzer Zeit nicht. Aber in der künftigen Regierung muss es genügend Kräfte geben, die den Weg zu einem gerechten Frieden ebnen wollen.“

Die Feindseligkeit zwischen den verschiedenen Gruppen in Israel sei inzwischen immens. Eine Aufspaltung des Landes in getrennte Gemeinschaften für orthodoxe und säkulare Menschen wäre für Nathan „ein gebrochenes Herz“.

Je geeinter wir sind, desto leichter wird auch Frieden möglich

Nathan Dawidowicz, extra für die Wahl nach Israel geflogen

Die Demokraten-Partei sei zwar alles andere als perfekt, doch Nathan beobachte ihre Entwicklung seit Jahren und sehe dort Menschen, die wirklich etwas verändern wollten und langfristig dächten. „Besonders wichtig ist mir, dass die Demokraten auch offen für eine Zusammenarbeit mit arabischen Parteien in einer potenziellen Regierungskonstellation wären.“ Die Partei vereine außerdem jüdische und arabische, religiöse und säkulare Menschen auf sozialdemokratischer Grundlage. Nathan wünscht sich, dass die israelische Gesellschaft wieder zusammenfindet: „Je geeinter wir sind, desto leichter wird auch Frieden möglich.“

Israel als möglicher Zufluchtsort

Im August 2026 hat Nathan der taz von Antisemitismuserfahrungen in Berlin erzählt. Schon damals stand fest, dass Nathan zur anstehenden Wahl nach Israel reisen würde. Auch die Frage, ob Israel im Zweifel ein sicherer „Zufluchtsort“ sein könnte, beschäftigte Nathan bei der Planung der Reise: „Was ist mir lieber – körperliche Gefahr in Israel durch ständige militärische Eskalation in der Region oder die psychische Belastung durch Antisemitismus in Berlin?“

Nathan kritisierte nach der Berlin-Wahl, dass offenbar ein Teil der Wäh­le­r:in­nen bereit sei, die Sicherheitsbedenken von Ju­den:­Jü­din­nen angesichts wiederkehrender antisemitischer Ausfälle innerhalb der Linkspartei zugunsten des vagen Versprechens niedriger Mieten auszublenden. Auch die politische Polarisierung in Deutschland bereite Nathan Sorgen. Es entstehe ein beklemmendes Gefühl, zwischen zwei populistischen Wellen – von rechts mit der AfD und von links mit der Linken – gefangen zu sein. „Ich frage mich deshalb, ob die aktuelle Welle des Antisemitismus nicht gerade erst am Anfang steht.“

Ob ein Umzug nach Israel im Ernstfall Schutz bieten könnte, hänge für Nathan auch von der politischen Zukunft vor Ort ab: „Eine weitere Amtszeit Netanyahus könnte Israel in den moralischen Bankrott, einen weiteren Demokratieabbau und einen Bürgerkrieg führen.“ Langfristig könne das Land in seiner geopolitischen Lage nicht überleben, wenn es international isoliert und nur noch teilweise demokratisch sei.

Die Traumata erkennen

In der Jerusalemer Altstadt fühlt sich Nathan, als sei die Stimmung kurz vor dem Überkochen. Mönche laufen durch die Gassen, katholische Touristengruppen aus Italien schieben sich aneinander vorbei, „ständig will dir jemand etwas verkaufen“.

„Ich hatte vergessen, wie es ist, all diese Menschen als echte Menschen mit echten Geschichten wahrzunehmen“, sagt Nathan. In den vergangenen Jahren habe Nathan im Ausland viel mit Menschen Kontakt, die über Israel und seine Gesellschaft nur abstrakt redeten. Hier stehen sie plötzlich leibhaftig und in all ihrer Vielfalt vor Nathan.

„Ich verstehe heute besser, woher bestimmte Einstellungen kommen, auch die meiner Mutter – auch wenn ich ihre unvertretbaren Ansichten nicht unterstütze“, sagt Nathan. Nathan könne die Traumata erkennen, die hinter manchen dieser Gefühle stünden, und empfinde dadurch mehr Mitgefühl. Gleichzeitig sei es nicht einfach, von Berlin kommend plötzlich von so viel Nationalismus und ultranationalistischer Bildsprache umgeben zu sein. „Das ist ein gewisser Kulturschock, an den ich mich nicht sofort gewöhnen kann.“

Die Siedlergewalt im Westjordanland sorgt Nathan

Auf die Wahl blickt Nathan hoffnungsvoll, aber auch ernüchtert. Und befürchtet, dass es mehrere Wahlgänge geben wird, wie damals von 2019 bis 2022: Vier Mal musste gewählt werden, weil die Koalitionsverhandlungen immer wieder scheiterten. „Das wird die Menschen leider irgendwann zermürben.“

Auch mit einer Regierung, die einfach nur ohne Benjamin Netanjahu zustande kommen würde, wäre Nathan noch nicht zufrieden. Eine Sorge steht für Nathan aber gerade im Vordergrund: die Gewalt radikaler Siedler im Westjordanland. Nathan glaubt, dass eine Regierung ohne Netanjahu entschiedener gegen den „Siedlerterror“ vorgehen würde. In einem Wahlkampf, der die Spaltung in der israelischen Gesellschaft einerseits deutlich macht und andererseits weiter befördert, wäre das für Nathan bereits ein Fortschritt.

View the original on taz →

KioskNews shows a cleaned-up reading view extracted from the publisher’s page — the original always lives on their site, not ours.