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Saturday, September 19, 2026

Radikalisierung von Jugendlichen: Die Macht der Islamisten im Netz

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Hände benutzen ein Smartphone.

Stand: 19.09.2026 • 05:10 Uhr

Islamistische Propaganda erreicht Jugendliche längst mitten in ihrem digitalen Alltag. Recherchen von BR und SWR zeigen, wie Radikalisierung über Social Media und Gaming funktioniert - und wie schwer es für Familien ist, darauf zu reagieren.

Von Joseph Röhmel, BR

Am Anfang sind es ein paar Seiten auf Instagram. Religiöse Inhalte, Prediger, Videos. Amir (Name geändert) ist vor fünf Jahren 16 Jahre alt und auf der Suche nach Antworten. Seinen richtigen Namen möchte er nicht öffentlich machen. Er stammt aus einem muslimisch geprägten Elternhaus, radikal ist seine Familie nicht.

Doch Amir klickt weiter. Irgendwann werden ihm Gruppen im Messenger Telegram zugeschickt. Dort tauschen sich Jugendliche und Erwachsene über Religion aus - aber auch über die Terrororganisation "Islamischer Staat" (IS). Amir beginnt, ihnen zu glauben.

"Wir Muslime werden unterdrückt - und die sind die Einzigen, die etwas dagegen tun", beschreibt er heute seine damalige Überzeugung .

Er schaut sich Kriegsvideos an, Bilder von leidenden Muslimen. Für komplizierte Konflikte bekommt er plötzlich einfache Erklärungen. Und er findet eine Gemeinschaft, die ihm vermittelt, auf der richtigen Seite zu stehen. Schließlich ist Amir überzeugt: "Die Leute vom IS kennen sich mit dem Islam am besten aus".

Vom Chat in die geschlossene Gruppe

Amirs Geschichte zeigt einen Weg, den Sicherheitsbehörden und Fachleute zunehmend beobachten: Islamistische Radikalisierung findet heute oft dort statt, wo Jugendliche ohnehin einen großen Teil ihrer Zeit verbringen - auf Instagram, TikTok, Telegram, aber auch beim Gaming. Recherchen des BR Funkstreifzugs und die SWR-Sendung Das Wissen zeigen, wie unterschiedliche Plattformen und digitale Räume dabei ineinandergreifen können.

Schüsse, Befehle, brennende Städte: Gamer lassen schwer bewaffnete Figuren gegeneinander kämpfen. Gegner werden erschossen oder mit Macheten getötet. Immer wieder tauchen schwarze Flaggen des IS auf. Terroristen erscheinen als Helden. Auch auf der Spieleplattform Roblox werden IS-Anschläge und Militäreinsätze nachgespielt, warnt das Bundesamt für Verfassungsschutz.

Der Sozialwissenschaftler Constantin Winkler vom Leibniz Institut für Friedens und Konfliktforschung in Frankfurt am Main forscht zu Radikalisierung und digitalen Spielekulturen. "Anders als beim Lesen eines Propagandatextes übernehmen Spieler selbst eine aktive Rolle", sagt er.

Doch das Spiel ist häufig nur der Anfang. Die eigentliche Rekrutierung finde meist über direkte Kommunikation statt. Ein Link führt zum nächsten, aus offenen Räumen werden geschlossene Gruppen und Foren.

Expertin fordert stärkere Regulierung

Die Plattformbetreiber erklären, gegen solche Inhalte vorzugehen. Roblox verweist auf technische Schutzmaßnahmen, Sicherheitsteams und die Zusammenarbeit mit Strafverfolgungsbehörden, um extremistische Inhalte zu erkennen und zu entfernen. Meta, der Konzern hinter Instagram, erklärt, gewaltbereite extremistische Gruppen von seinen Plattformen auszuschließen und Nutzer auch auf Hilfs- und Ausstiegsangebote hinzuweisen.

Der Kulturanthropologin und Extremismusforscherin Kaiya Reisch reicht das nicht. Problematisch sei vor allem, dass Nutzer immer weiterscrollten und Inhalte kaum noch hinterfragten, sagt Reisch, die für die Bundesarbeitsgemeinschaft religiös begründeter Extremismus arbeitet. Statt pauschaler Verbote plädiert sie für stärkere Regulierung und klare Vorgaben dafür, welche Inhalte überhaupt veröffentlicht werden dürfen.

Immer tiefer hinein

Wie eine abgeschottete Welt von Islamisten aussieht, zeigt sich auf der passwortgeschützten Plattform "TechHaven". Nach dem Login öffnet sich eine Art digitale Bibliothek des militanten Islamismus: Propagandamagazine, Gewaltaufrufe, Hetze gegen Juden und Christen, daneben Anleitungen zum Bombenbau.

Welche Rolle solche digitalen Räume spielen können, zeigt auch der Anschlag auf dem Berliner Christopher Street Day Ende Juli. Der 21-jährige Attentäter Abdul B. hatte sich schon Jahre zuvor in islamistischen Online-Netzwerken bewegt und war selbst in sozialen Medien als Prediger aufgetreten. Zwei Tage nach dem Anschlag, bei dem eine Frau getötet und 31 Menschen verletzt wurden, wurde er auf TechHaven als Märtyrer gefeiert.

Jugendliche sind leichter zu instrumentalisieren

Amir lernt als Jugendlicher diese digitale, radikale Welt kennen. In seinen Telegram-Gruppen sprechen Jugendliche darüber, eine Polizeistation oder einen Weihnachtsmarkt anzugreifen. Amir sagt, er selbst habe keinen Anschlag begehen wollen. Wenn ein 15- oder 16-Jähriger aber davon rede, Menschen umzubringen und Ältere antworteten: "Maschallah, Bruder, richtig sagst du das", dann fühle sich der Jugendliche bestätigt. So habe er es selbst erlebt.

Amir gerät schließlich ins Visier der Behörden. Nachdem er IS-Propaganda in sozialen Netzwerken verbreitet hat, wird seine Wohnung durchsucht. Er hatte einen sogenannten Nasheed geteilt - einen religiösen Gesang, wie ihn Terrororganisationen auch zu Propagandazwecken nutzen. Zu einem Gerichtsverfahren kommt es nicht.

Aber etwas verändert sich bei Amir. Die Auswahl der Opfer, die der IS tötet, bewertet er immer öfter als willkürlich und falsch. Schließlich nimmt er freiwillig an einem Deradikalisierungsprogramm teil. Soweit BR und SWR es überprüfen konnten, hat er sich inzwischen vom IS gelöst.

Radikalisierung der eigenen Kinder

In einer anderen Familie ist dieser Punkt noch lange nicht erreicht. Am Rande einer größeren deutschen Stadt treffen Reporter von BR und SWR einen Vater. Er spricht arabisch, seine Aussagen werden übersetzt. Sein Sohn ist 18 Jahre alt, besucht eine weiterführende Schule und soll eigentlich eine Ausbildung machen.

Doch seit etwa einem Jahr verändere er sich, erzählt der Vater. Sein Sohn habe auf TikTok gezielt nach Menschen gesucht, die seine religiösen Ansichten teilen, er habe begonnen, selbst zu missionieren, erst Fremde, dann die eigene Familie: "Das dürft ihr nicht, das ist nicht islamkonform". Inzwischen bezeichne der 18-Jährige andere Menschen als "Kuffar", als Ungläubige. Auch seine eigenen Eltern.

Auch der 18-Jährige spricht mit BR und SWR. Seine Haltung versteckt er nicht. Homosexuelle sollten seiner Ansicht nach mit dem Tod bestraft werden, ebenso Menschen, die den Islam verlassen. Der Vater hofft noch, dass vieles mit der Pubertät zusammenhänge. Sein Sohn widerspreche eben, sagt er, sei in einer Art Trotzphase.

Sami Alkomi sieht die Entwicklung kritischer. Der gebürtige Syrer arbeitet für die "Demokratielotsen", die Familien, Schulen und Kommunen im Umgang mit Extremismus beraten. Alkomi begleitet Amirs Familie und hält die Radikalisierung des 18-Jährigen bereits für weit fortgeschritten. Wie es mit dem jungen Mann weitergehen soll , ist offen. Alkomi erwägt, weitere Hilfsprojekte hinzuzuziehen. Die Familie brauche noch mehr Unterstützung, um ihren Sohn wieder auf den richtigen Weg zu bringen.

Mehr zu diesem Thema hören Sie hier: Radikalisiert im Netz – Wie Islamisten Jugendliche erreichen.

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