Preis für palästinensische Architekten: Optimisten in pessimistischen Zeiten

In der Akademie der Künste Berlin wurden die palästinensischen Architekten Elias und Yousef Anastas ausgezeichnet. Aus Stein entwickeln sie Module.
Foto: Stephen Chung/Zuma/imago
Keine Kunstsparte ist so eng an die politische Situation geknüpft wie die Architektur. Das beginnt schon mit der Bodenfrage. Wer verfügt über Baugrund, ohne den es keine Gebäude, keine realisierte Baukunst gibt. Im Westjordanland kann die Bodenfrage hochexplosiv werden. Wenn es etwa um Gelände entlang der Sperranlagen nach Israel geht oder um die illegale Landbesetzung radikaler Siedler. Seit dem 7. Oktober 2023 ist die Situation noch krisenhafter.
Insofern ist es ein politisches Zeichen der Berliner Akademie der Künste, einen Preis für die Sparte Baukunst an ein palästinensisches Architektenduo aus Bethlehem zu verleihen, an die Brüder Elias und Yousef Anastas und ihr gemeinsames Büro AAU Anastas. Sie würden eine hervorragende Gestaltung vertreten in „kulturell schwierigen Zeiten“, sagte Juror und Akademiemitglied Philipp Oswalt vorsichtig.
Die Preisverleihung wäre bereits im März dieses Jahres gewesen. Doch der Krieg im Iran hatte eine Anreise verhindert. Nun waren Elias und Yousef Anastas am Montagabend in Berlin und stellten ihre Arbeit vor. Was machen die beiden, Söhne einer Architektenfamilie, die in Paris Architektur studiert hatten? Kleine Dinge, könnte man sagen, aber mit öffentlicher Wirkung.
Eines ihrer Hauptthemen ist Stein, das traditionelle Baumaterial im Westjordanland, nicht historisch verklärt, sondern zeitgenössisch weitergedacht. Sie sammeln Stein auf, verwerten ihn wieder von den abgerissenen Wohnbauten, die derzeit der Immobilienwirtschaft zum Opfer fallen, vermengen ihn zu neuen Baustoffen, modulieren ihn per Hightech um.
Orte des ungezwungenen Zusammenkommens
Aus dem Stein entwickeln die Anastas-Brüder Module. Die sehen aus wie Kristalle oder wie die Serpentinen-Designs des HfG-Ulm-Gestalters Walter Zeischegg, der in den 1960ern auch den Sinus-Aschenbecher entwarf. Die Module lassen sich kombinieren. Etwa zu einer runden Sitzbank wie das Modell Qamt, das an die bekletterbaren Kringel des japanisch-amerikanischen Bildhauers Isamu Noguchi erinnert, nur eben nicht im poppigen Rot, sondern aus „palästinensischem Terrazzo“. Es lassen sich daraus auch Gebäude bauen, in Jericho haben Elias und Yousef Anastas 2017 ein großes Gewölbe aus solchen Steinmodulen realisiert und damit einen schönen, öffentlichen Platz geschaffen.
Und darum scheint es den beiden zu gehen. Von der Sitzbank über den Sonnenschutz bis hin zu ihrem wohl größten Projekt, dem Kulturzentrum „Wonder Cabinet“ in Bethlehem mit Musikstudio, Bar, Werkstätten und Bühne, planen sie gemeinschaftliche Orte, Orte des ungezwungenen Zusammenkommens.
Die Architektur von AAU Anastas sei „eine Lehre für Optimismus“ in sehr pessimistischen Zeiten, betont George Arbid, Präsident des Arabischen Zentrums für Architektur in Beirut und Juror für den diesjährigen Kunstpreis der Sektion Baukunst. Auf solche Stimmen im Kulturbetrieb hinzuweisen, ist auch die Aufgabe eines Kunstpreises.
Die Frage nach Baugrund bleibt eine umkämpfte Angelegenheit im Westjordanland, auch für AAU Anastas, die eigentlich eher jenseits der aktuellen kriegerischen Konflikte nach Lösungen für ihr Land suchen. Einen ihrer Steinbauten etwa stellten sie aus Protest ins Cremison-Tal an einem byzantinischen Klostergelände. Dort schwelt seit Jahrzehnten ein Konflikt entlang der israelischen Sperranlagen. Die stellen für AAU Anastas auch am Montag die „Apartheit-Mauer“ dar.
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