PTBS in der Ukraine: Wie der Krieg die Psyche belastet
Mehr als vier Jahre dauert Russlands umfassender Angriffskrieg gegen die Ukraine bereits an. Er wird nicht nur an der Front geführt. Immer wieder zerstören Raketen auch Wohnhäuser und zivile Infrastruktur, wie etwa Anlagen zur Stromversorgung.
Tote, Verwundete, Zerstörung, Flucht – all das hinterlässt auch Spuren, die erst auf den zweiten Blick sichtbar werden: In der ukrainischen Zivilbevölkerung erfüllt fast jede und jeder Dritte (31,2 Prozent) die Kriterien für eine Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) oder sogar für eine sogenannte komplexe PTBS, eine noch schwerere Form.
Zu diesem Ergebnis kommt eine repräsentative Umfrage, die das internationale Forschungsnetzwerk "Kooperation und Konflikt im östlichen Europa" (KonKoop) durchgeführt hat. Die Forschenden aus den Bereichen psychische Gesundheit und Sozialwissenschaften befragten mehr als 2500 Ukrainerinnen und Ukrainer, die in den Regionen leben, die weiterhin oder wieder unter Kontrolle der Regierung in Kyjiw sind. Die Studie wurde vom deutschen Forschungsministerium (BMFTR) gefördert und in der Fachzeitschrift European Journal of Psychotraumatology veröffentlicht.
Posttraumatische Belastungsstörung - wenn der Alltag zur Qual wird
Von einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) spricht man, wenn Menschen ein Trauma erleben – also eine potenzielle oder reale Bedrohung der körperlichen Unversehrtheit oder des Lebens bei sich oder anderen – und sich dieses Erlebnis in der Psyche festsetzt. Betroffene durchleben das traumatisierende Ereignis in sogenannten Flashbacks immer wieder, leiden unter Angstzuständen, Reizbarkeit und Schlafstörungen. In der Regel treten die Symptome erst einige Zeit nach dem Erlebten auf.
Ukraine: Hilfe für traumatisierte Soldaten
Weltweit finden sich bei weniger als zehn Prozent der Allgemeinbevölkerung die Kriterien einer solchen Belastungsstörung, so schätzen Fachleute. In der ukrainischen Bevölkerung ist der Wert laut der neuen Studie also gut dreimal so hoch.
Die Studie beruht auf selbst berichteten Symptomen. Das Ergebnis könnte also davon beeinflusst sein, wie die Teilnehmenden die Fragen interpretierten, so die Forschenden.
Russlands Krieg gegen die Ukraine – ein kollektives Trauma?
"Besonders auffällig an den Ergebnissen ist das enorme Ausmaß der Traumatisierung", so Studienleiterin Deirdre MacManus, Dozentin für Forensische Psychiatrie am King's College London (KCL) in der Pressemitteilung zur Studie.
Mehr als 90 Prozent der Befragten gaben an, dass sie mindestens ein traumatisches Erlebnis im Erwachsenenalter hatten. Nicht alle, aber doch viele dieser Erlebnisse hatten mit dem Krieg zu tun. Die Hälfte gab an, einen Angehörigen im Fronteinsatz zu haben. Mehr als 70 Prozent haben Beschuss in ihrer Nachbarschaft erlebt und 65 Prozent generelle Zerstörungen durch den Krieg.
"Es gibt in der Ukraine keine Familie mehr, die nicht unter dem Krieg gelitten hat, in der jemand entweder gestorben oder im besetzten Gebiet zurückgeblieben ist", berichtet Ruslana Lutsyk-Andrushko der DW. Sie arbeitet als psychosoziale Beraterin für die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen in der ukrainischen Stadt Winnyzja.

"Wir können die Ursache nicht allein der Invasion zuschreiben, da es andere Traumata gegeben haben mag, die zur Entwicklung einer PTBS beigetragen haben", sagt die Hauptautorin der Studie, Emma Facer-Irwin. Die Wissenschaftlerin am KCL ist auch als klinische Psychologin bei der britischen Gesundheitsbehörde mit den Schwerpunkten Trauma und PTBS tätig.
Je mehr traumatische Ereignisse eine Person im Laufe ihres Lebens erlebe, desto höher sei die Wahrscheinlichkeit, dass sie eine Posttraumatische Belastungsstörung entwickelt, erklärt Facer-Irwin im DW-Gespräch. Aber: "Wenn man bedenkt, dass es sich hier um die Zivilbevölkerung handelt, nicht um Militärangehörige oder ausschließlich um Vertriebene oder Flüchtlinge, dann können wir schon vermuten, dass der Krieg ein wesentlicher Faktor für die Entwicklung und Verbreitung von PTBS ist."
Gemeinschaft kann Traumata lindern
Viele Menschen in der Ukraine seien täglich der Bedrohung durch Beschuss, Vertreibung, Trauer und Ungewissheit ausgesetzt, betont Studienleiterin MacManus. "Trotz dieser Umstände gelingt es vielen weiterhin, unter außerordentlich schwierigen Bedingungen zu funktionieren und sich anzupassen."
Die Studie zeige auch, dass zwar sehr viele Menschen von traumatischen Erlebnissen berichten, aber nicht alle von ihnen anhaltende Belastungsstörungen entwickeln, so Facer-Irwin. "Das sagt uns, dass zwei Drittel der Bevölkerung traumatische Ereignisse anders verarbeiten."
Möglicherweise spiele dabei auch das starke ukrainische Nationalbewusstsein eine Rolle, meint die Psychologin: "Dieses Gefühl einer starken kollektiven Kultur, in der man gemeinsam gegen die Invasion vorgeht." Die Forschung zeige, dass das Gefühl sozialer Unterstützung und Verbundenheit vor Posttraumatischen Belastungsstörungen schützen kann.
"Deshalb geht es beim Schutz der psychischen Gesundheit auch darum, unterstützende Umgebungen zu schaffen. Viele Menschen leben in Situationen, denen sie aufgrund des andauernden Krieges nicht einfach entfliehen können. Wir brauchen also PTBS-Traumatherapien, aber auch soziale Hilfsangebote, die einer größeren Bevölkerungsgruppe angeboten werden können."

Einen solchen Ansatz verfolgt das Rehabilitationszentrum von Ärzte ohne Grenzen im ukrainischen Winnyzja. "Wenn Menschen zu uns kommen, sind Stabilisierung und Ressourcenaufbau der erste Schritt", erklärt Ruslana Lutsyk-Andrushko. Erst wenn sich die Menschen besser fühlten, könnten die traumatischen Erinnerungen bearbeitet werden. In einer dritten Phase folge dann die Reintegration der gewonnenen Erfahrungen.
"Dieser Plan zielt darauf ab, Selbsthilfe zu vermitteln, also was man in einer Stresssituation tun kann. Nach dem Aufenthalt im Zentrum verfügen die Betroffenen dann über eine Art Erste-Hilfe-Set, das sie für sich selbst, ihre Kinder, ihre Freunde und in schwierigen Situationen nutzen können."
Ausmaß an Traumatisierung in der Ukraine noch nicht absehbar
Derzeit verstärkt Russland seine Angriffe auf die Ukraine, und das belaste die psychische Gesundheit vieler Ukrainerinnen und Ukrainer, berichtet Lutsyk-Andrushko. "Wenn ein Mensch unter Stress lebt und keine Hoffnung auf Besserung sieht, dann ist das natürlich zermürbend. Die Menschen brauchen Zuversicht, Vertrauen in eine bessere Zukunft."
Und so sei ihre Studie vor allem eine Momentaufnahme, sagt Psychologin Facer-Irwin. Die gesamten Auswirkungen des Krieges auf die psychische Gesundheit ließen sich noch gar nicht abschätzen. "Die langfristigen Folgen werden vermutlich erst deutlich, wenn die Menschen die Möglichkeit hatten, sich in Sicherheit zu bringen und sich vollständig vom Krieg zu erholen."
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