Weltraumwetter: Älteste bekannte Zugstörung wegen Sonnensturm neu datiert
Die Geschichte der ersten dokumentierten technischen Störung auf der Erde infolge von Weltraumwetter muss umgeschrieben werden. Das hat ein internationales Forschungsteam anhand einer Quellenrecherche herausgefunden. Anders als bislang angenommen, kann sich eine Eisenbahn zwischen den südenglischen Städten Exeter und Newton Abbot nicht am 18. Oktober 1841 infolge einer Beeinträchtigung an einer Signalanlage wegen einer „sehr starken magnetischen Störung“ verspätet haben. Die Strecke wurde erst fünf Jahre später eröffnet. Stattdessen muss in der einzigen erhaltenen Beschreibung des Vorfalls aus dem Jahr 1871 ein Tippfehler vorliegen. Die Störung hätte sich demnach am 18. Oktober 1848 ereignet und wäre nicht mehr die erste, von der wir wissen.
Doch nur noch auf Platz 2
Wie das Forschungsteam erklärt, wissen wir von einer 16-minütigen Verspätung des Zugs in Exeter lediglich aus einem anonymen Bericht, der am 5. Oktober 1871 im Wissenschaftsmagazin Nature erschienen ist. Verfasst wurde der also mindestens 20 Jahre nach dem Ereignis. In dem Text hieß es, dass die Signalanlage wegen einer magnetischen Störung nicht richtig funktioniert habe. Damit habe der Verantwortliche nicht wissen können, ob die Strecke frei war: „Der Aufseher in Exeter berichtete am nächsten Morgen, dass jemand an den Geräten herumgespielt habe und sie nicht funktionieren ließ.“ Dieser Bericht wurde 2013 wieder entdeckt und galt seitdem als die älteste dokumentierte Störung von irdischer Technologie durch Weltraumwetter.
Um den Jahrzehnte nach der Störung verfassten Bericht zu verifizieren und das Ereignis zu datieren, hat die Forschungsgruppe alte Eisenbahnfahrpläne, Zeitungen, Dokumente zu Sonnenbeobachtungen und Polarlichter sowie digitalisierte Aufzeichnungen ausgewertet. Dabei hat sie nach eigener Aussage Spuren einer starken geomagnetischen Störung am 18. Oktober 1848 gefunden, also auf den Tag genau sieben Jahre später als die behauptete Störung. Das passt vor allem auch deshalb besser, weil die fragliche Eisenbahnlinie und damit auch die betroffene Signalanlage erst im Herbst 1846 in Betrieb genommen wurde. Letztlich bedeute das auch, dass nun ein „glaubhafter Bericht“ über eine Störung an der Midland Railway im März 1847 als ältester gilt, fasst die Gruppe zusammen.
„Die Zugverspätung in Exeter ist eine faszinierende Geschichte, da sie genau an dem Punkt ansetzt, an dem neue Technologien zum ersten Mal mit den realen Gegebenheiten der Weltraumumgebung konfrontiert wurden“, erklärt Studienleiter Jim Wild von der Lancaster University. In dem Jahrzehnt wurden in Großbritannien die ersten elektrischen Telegrafenleitungen für den Praxiseinsatz installiert, während gleichzeitig die Sonnenaktivität stärker wurde. Operateure haben damals unerklärliche Effekte beobachtet, die erst allmählich mit unserem Heimatstern in Verbindung gebracht wurden, erklärt das Team. Die Datierung des jetzt nicht mehr ältesten dokumentierten Vorfalls wird im Forschungsmagazin Space Weather vorgestellt.
Die Erforschung der Effekte von Weltraumwetter auf Technik am Boden hat auch weiterhin praktische Relevanz und noch immer steht dabei auch die Eisenbahn im Fokus der Forschung. Erst vor knapp drei Jahren hat ein Forschungsteam bestätigt, dass starke Sonnenstürme auch moderne Signalanlagen stören können. Unter bestimmten Umständen kann unsere Sonne dabei sogar dafür sorgen, dass Signalanlagen an Zugstrecken von Rot auf Grün und sogar noch leichter von Grün auf Rot umspringen. Vor allem ersteres könnte gefährliche Folgen haben. Verantwortlich wären von der Sonnenaktivität ausgelöste geomagnetische Störungen, die elektrische Ströme in den Schienen induzieren können.
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