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Tuesday, September 22, 2026

Fehlerkultur im Aktivismus: Scheitern ist schön

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Manchmal gehen Dinge schief, auch in sozialen Bewegungen. Aber dafür weiß man, wie es beim nächsten Mal besser geht. Drei Ak­ti­vis­t*in­nen erzählen.

S tart-ups und ihren Grün­de­r*in­nen kann man vieles vorwerfen: Dass sie glauben, die Welt könne durch das „richtige“ Produkt gerettet werden. Dass sie Betriebsräten und Gewerkschaften feindselig gegenüberstehen. Dass sich ihre Ideen mehr am Zeitgeist als an Werten orientieren – immerhin sprießen dort, wo vor zehn Jahren noch nachhaltige Unternehmen gegründet wurden, nun Rüstungs-Start-ups hervor. Aber was man ihnen nicht vorwerfen kann, sind fehlendes Durchhaltevermögen oder Einfallslosigkeit.

Aus Verbissenheit und Einfallsreichtum entstand in der Start-up-Szene die Idee, das Scheitern zu zelebrieren. Menschen erzählen auf offener Bühne davon. Vom Scheitern als Lektion, als Anlass für eine Kurskorrektur oder als Chance für einen Neuanfang. „Fuckup Night“ nennen sie das. Frei übersetzt: „Verkackt-Nacht“.

Inzwischen finden weltweit hunderte solcher Veranstaltungen statt. Aber warum sollen nur Un­ter­neh­me­r*in­nen ihr Scheitern feiern? Fehler passieren schließlich überall. Soziale Bewegungen nutzen verschiedene Taktiken, um Fortschritt zu erreichen. Manche setzen auf Großdemonstrationen, andere blockieren fossile Infrastruktur. Dabei können sie im Großen scheitern: Wenn sie Hunderttausende auf die Straße bringen, aber ihr Anliegen trotzdem nicht durchsetzen können. Oder im Kleinen: Wenn sie sich mit der Stadtverwaltung zerstreiten und das Ordnungsamt der Bühne den Starkstromstecker ziehen will.

Wir haben deshalb drei Ak­ti­vis­t*in­nen gefragt, welche Fehler sie gemacht haben. Und was sie daraus gelernt haben.

„Die Bürgermeisterin ist völlig entsetzt“

Julian Miethig organisiert den CSD in Köthen. Allerdings seit 2025 ohne Unterstützung der Stadt

Wann haben wir jede Unterstützung der Stadt verloren? Vielleicht als Jan Böhmermann unseren Instagram-Post teilte. Er hatte bereits den ersten CSD 2024 in Köthen unterstützt. Und durch ihn kannten plötzlich mehrere 100.000 Menschen unsere Schwierigkeiten, auch einen zweiten CSD zu organisieren.

Um die Teilnehmenden über den gesamten Zeitraum von 12 bis 22 Uhr mit Sanitäranlagen, Essen und Getränken versorgen zu können, müssen wir bei der Stadt eine Sondernutzung beantragen. Genau das tun wir, fristgerecht. Keine Reaktion.

Auch wenige Tage vor dem CSD haben wir noch keine Genehmigung, Wagen aufzustellen. In besagtem Instagram-Post schildern wir unsere Situation. Geht es nach den Ordnungsbehörden, darf der Toilettenwagen nicht auf dem Marktplatz stehen; höchstens hinter der Kirche, die nebenan steht. Aber wir sehen eine konkrete Gefährdungslage für die Teilnehmenden. Wenn man die sanitären Infrastrukturen auf schlecht einsehbare Flächen verlagert, ist es schwierig, die Sicherheit zu gewährleisten. Mehrmals haben wir in den Wochen vor dem CSD um ein konstruktives Gespräch gebeten, ohne Erfolg.

Bis die große Öffentlichkeit, die der Instagram-Post erwirkt, die Bürgermeisterin in Zugzwang bringt, uns kurzfristig doch einzuladen. Sie ist völlig entsetzt. Was uns einfalle, sie so bloßzustellen? Anscheinend hat sie auch keine Ahnung von den Auflagen, die sie uns gegeben hat. Die Versorgungsstände lehnt sie zum Beispiel partout ab, obwohl wir die aufstellen müssen. Es gebe ja einen Bäcker, sagt sie. Allerdings macht der samstags um 12 Uhr zu, genau dann, wenn unsere Demo beginnt. Sie bricht das Gespräch ab.

Der Anwalt in der Hinterhand

Mit unserem Anwalt in der Hinterhand leiten wir ein Eilverfahren beim Verwaltungsgericht ein, um die Ver- und Entsorgung doch zu gewährleisten. Dieses entscheidet dann einen Tag vor dem CSD, dass Toiletten auf den Marktplatz gestellt werden dürfen und die Versorgung gewährleistet werden muss. Aber im Urteil ist nicht explizit von Essen und Trinken die Rede, der Teil bleibt schwammig.

Wir einigen uns wegen des Stroms. Doch dann kommt die Gulaschkanone

Und so ist der Kampf mit dem Ordnungsamt noch lange nicht vorbei. Als wir Samstagvormittag die Bühne an den Starkstrom anschließen wollen, versucht das Amt auch das zu verhindern, und ist kurz davor, uns wortwörtlich den Stecker zu ziehen. Wir hätten vorab nicht die entsprechenden Anträge gestellt – dabei haben wir genau das versucht, und außerdem könnten die rechtlich sogar noch vor Ort selbst gestellt werden. Das Amt holt die Polizei, doch die ist zum Glück auf unserer Seite, und wir einigen uns.

Dann aber kommt die Gulaschkanone. Wir bauen sie auf, stellen das Zelt, die Tische hin. Es gibt auch noch einen kleinen Grill. Auf einmal kommen fünf Leute vom Ordnungsamt zum Standbetreiber und meinen: „Die Gulaschkanone ist nicht angemeldet und kein Demobestandteil. Das muss abgebaut werden.“ Was machen wir mit dem Grill? Der brennt ja jetzt schon. „Da müssen Sie halt Wasser holen.“ Na, dann bauen wir das jetzt ab, sage ich. Die Leute vom Ordnungsamt sind perplex: Was? Wieso gibt es keinen Widerstand?

Ich trommle zehn Menschen zusammen. Wir schieben die Gulaschkanone vielleicht 15 Meter zur Kirchentreppe am Rand des Marktplatzes und bauen noch einen Getränkestand auf. Das Ordnungsamt fühlt sich verarscht. „Das soll jetzt weg“, sagen die. Aber das ist nicht das Grundstück der Stadt, sondern es gehört der Kirche. Aus meiner Tasche hole ich ein Schriftstück vom Pfarrer, er bestätigt: Ihr dürft es nutzen.

Der Pfarrer ist ein alter Freund von mir, ich habe vorgesorgt. Erst will das Ordnungsamt das nicht akzeptieren, dann sagen sie uns, „das wird ein Nachspiel haben“, und ziehen ab. Um 12 Uhr eröffnen wir den CSD, ziehen durch Köthen und feiern ungestört.

Wir haben gemerkt, dass es ein Fehler ist, sich komplett auf die Zusammenarbeit mit der Stadt zu verlassen. Und wir sind nicht auf sie angewiesen, weil wir so viele Verbündete in Köthen haben. Den Pfarrer, auch die Polizei. Das hatte ich vorher gar nicht auf dem Schirm: Wie wichtig diese Beziehungen sind. Es geht um die Menschen, die mit anpacken, die mitgestalten wollen. Das ist viel wichtiger als die Verwaltung.

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Das Nachspiel, das das Ordnungsamt angekündigt hat, war übrigens, dass die Bürgermeisterin mich wegen Verleumdung angezeigt hat. Das habe ich aus der Presse erfahren. Im Januar wurde das Verfahren eingestellt. Den CSD in diesem Jahr haben wir dann ohne städtische Unterstützung durchgeführt.

„Ich hatte einen einzigen Job – und konnte ihn nicht machen“

Sina Reisch war 2019 Pressesprecherin von Ende Gelände. Bei einer Aktion fand sie sich genau dort, wo sie als Sprecherin keinesfalls sein wollte

Im Juni 2019 blockieren tausende Menschen mit ihren Körpern Kohleinfrastruktur im Rheinland. Sie steigen in Gruben oder setzen sich auf die Schienen, auf denen Züge tonnenweise Braunkohle zu den Kraftwerken transportieren. Mit den Massenaktionen wollen wir von Ende Gelände aufzeigen, dass es angesichts der Klimakrise ein grundlegend anderes Wirtschaftssystem braucht, weg vom Kapitalismus..

Als Pressesprecherin fahre ich von einer Aktion zur nächsten. Immer dahin, wo was los ist und wo gerade Jour­na­lis­t*in­nen sind. Tausende Menschen sitzen in den Blockaden und unsere Verantwortung als Pressesprecherinnen ist es, der Welt zu erklären, warum sie das tun. Wir sind drei Pressesprecherinnen und teilen uns auf. Für uns gilt: nicht in die Aktion gehen, nicht in einen Polizeikessel geraten, sondern immer am Rand stehen, um Interviews zu geben. Wenn wir nicht vor Ort sind, zitieren die Jour­na­lis­t*in­nen im schlimmsten Fall nur die Polizei – und die lügt oft.

Schon am ersten Tag gelingen viele Blockaden. Besonders schön ist die Schienenblockade vor dem Kraftwerk Neurath in Nordrhein-Westfalen – zu der Zeit das größte Kohlekraftwerk Deutschlands. Die Stelle ist schwer zu erreichen, also werden die Ak­ti­vis­t*in­nen nicht geräumt und können sogar die Nacht dort verbringen. Um sich die Zeit zu vertreiben, spielen die Ak­ti­vis­t*in­nen Musik, tanzen und singen, machen akrobatisches Yoga. Immer wieder kommt die Essensversorgung, bringt Eintöpfe, Porridge, Chili sin Carne. Es entwickelt sich fast schon eine Festivalatmosphäre.

Samstagabend steht die Blockade schon über 24 Stunden. Die Ak­ti­vis­t*in­nen kündigen an, Sonntag um 10 Uhr zu gehen. Das wird auch mit der Polizei besprochen, die uns bis dahin in Ruhe lassen will, um nicht alle einzeln wegtragen zu müssen. Die Lage ist also entspannt, die Jour­na­lis­t*in­nen haben ihre Fotos schon gemacht und sind anderswo. Für uns Pressesprecherinnen hat der Ort also eine geringe Priorität. Aber ich weiß, dass Freun­d*in­nen von mir dort sind, und möchte sie gern sehen. Also gehe ich hin, auch wenn ich das eigentlich nicht sollte, und verbringe die Nacht auf den Schienen.

Am Sonntag wachen wir auf, fangen an, unsere Sachen zu packen, und machen uns bereit für eine entspannte Demo zurück zum Camp. Doch wie aus dem Nichts taucht die Polizei auf und umzingelt die Blockade. Wir sind in einem Kessel. Shit.

Für mich bedeutet das gleich mehrere Probleme. Ich habe mich in eine Situation manövriert, in der ich meinen einzigen Job als Pressesprecherin – Interviews geben – nicht mehr machen kann. Außerdem drohen jetzt Repressionen. Ende Gelände setzt eigentlich auf Identitätsverweigerung: Wer in Aktion geht und aktiv blockiert, hat keinen Ausweis dabei und sagt auch den Namen nicht der Polizei. Als Pressesprecherin habe ich aber mit meinem Klarnamen gesprochen, habe meinen Perso dabei. Neben der Aktion zu stehen, ist kein Problem – in einem Kessel zu sein, schon.

Wie aus dem Nichts taucht die Polizei auf und umzingelt die Blockade

Durch die Polizeikette

Mein Telefon klingelt. Eine Journalistin steht beim Kessel, kann nicht rein und will ein Interview. Wir suchen fieberhaft nach einer Lösung – und finden sie. Bei Aktionen sind Abgeordnete dabei zur parlamentarischen Beobachtung. Sie kommen immer durch Polizeiketten. Einer von ihnen meint: „Komm, lauf mir einfach hinterher. Ich sag, du bist in meinem Team.“ Gesagt, getan – und der Plan geht auf. Ich bin aus dem Kessel und mir fällt ein riesiger Stein vom Herzen. Ich begrüße die Journalistin, gebe mein Interview. Mir bleibt aber nur eine Sekunde der Erleichterung.

Kaum drehe ich mich um, baut sich der Einsatzleiter vor mir auf: „Was habe ich da gerade gehört? Sie sind Pressesprecherin von Ende Gelände? Ich dachte, Sie seien Mitarbeiterin dieses Abgeordneten?!“ Er will mich zurück in den Kessel schicken, ich sei Versammlungsteilnehmerin. Ich weigere mich: „Ich will nicht an dieser Versammlung teilnehmen. Sie können mich doch nicht zwingen, Teil einer Versammlung zu werden, an der ich gar nicht teilnehmen möchte!“

Dann sagt der Polizist: „Wenn Sie jetzt nicht zurück in den Kessel gehen, dann wenden wir unmittelbaren Zwang an!“ Drei Kamerateams sind auf uns gerichtet. Über mein Gesicht huscht ein Anflug von Belustigung und ich sehe ihm an, wie ihm langsam dämmert, dass er gerade einen Fehler gemacht hat.

„Polizei wirft Pressesprecherin gewaltsam in den Kessel“ – ist das die Schlagzeile, die der Einsatzleiter riskieren will? Ich lasse es darauf ankommen. Schließlich zerren mich vier Beamte mit Schmerzgriffen weg. Natürlich schreie ich wie am Spieß, der Schmerz ist nicht ohne. Und der ganze Kessel skandiert: „Pressefreiheit! Pressefreiheit!“ Statt in den Kessel zurück, bringen mich die Polizisten zu ihren Einsatzwägen. Da sitze ich und nehme Videos auf, weil ich noch meine Handys habe. Durch die Presse und das Internet geht die Headline: „Pressesprecherin gewaltsam festgenommen“.

wochentaz

Dieser Text erschien zuerst in der wochentaz, unserer Wochenzeitung von links!

In der wochentaz geht es jede Woche um die Welt, wie sie ist – und wie sie sein könnte. Eine linke Wochenzeitung mit Stimme, Haltung und dem besonderen taz-Blick auf die Welt. Jeden Samstag neu am Kiosk und natürlich im Abo.

An jenem Tag, an dem ich als Pressesprecherin in die Blockade rein gegangen bin, habe ich einen Fehler gemacht. Ich hätte draußen bleiben müssen, um Interviews geben zu können. Aber ich bin überzeugt: Bewegungsaufbau ist immer auch Beziehungsaufbau.

Die Nacht auf der Schiene hat uns zusammengeschweißt und Vertrauen geschaffen. Wenige Monate später war ich mit denselben Leuten in Venedig, um Kreuzfahrtschiffe zu blockieren. Ich möchte nicht von meinen Freun­d*in­nen fernbleiben müssen, nur um einen Job gut zu machen. Manche Fehler macht man gern.

„Wir haben alle gemeinsam Glück gehabt“

Uwe Hiksch war 2015 Anmelder einer Demo gegen das Freihandelsabkommen TTIP. Und am Ende war er froh, dass es keine Massenpanik gab

Plötzlich ist die ganze Straße des 17. Juni zwischen Brandenburger Tor und Siegessäule voller Menschen. Die Polizei meldet uns, dass der Hauptbahnhof gesperrt wird, die S-Bahn-Stationen rund um unsere Demo sowieso. Von überall würden Menschen strömen. So weit, dass sie bald schon nicht mal mehr strömen können, so viele stehen bereits da. Ich als Demoanmelder bin natürlich begeistert. 250.000 Leute sind da. Geschätzt! So was kann man ja gar nicht mehr zählen.

Sie alle wollen mit uns 2015 in Berlin für einen gerechten Welthandel demonstrieren. Festgemacht ist das an den beiden Freihandelsabkommen TTIP und Ceta, also zwischen der EU und den USA beziehungsweise Kanada. In einem breiten Bündnis aus Umweltverbänden, Menschenrechtsorganisationen, Gewerkschaften und vielen anderen haben wir eine Anti-TTIP-Demo geplant.

Die Auseinandersetzung in der Öffentlichkeit kreist um die berühmten Chlorhühnchen. Wenn TTIP käme, würden andere Lebensmittelstandards gesetzt, das empört viele. Und natürlich bringt Essen Menschen auf die Straße. Aber die Leute wollen auch gegen das ungerechte Weltwirtschaftssystem protestieren, gegen Menschenrechtsverletzungen, gegen den Abbau von Sozialleistungen und gewerkschaftlichen Rechten.

Unter dem Label „TTIP/Ceta verhindern“ gelingt es der Bewegung, eine ganze Reihe von unterschiedlichen Grundströmungen zusammenzuführen. Organisatoren von Demos wollen immer möglichst viele Menschen mobilisieren. Meist können wir das nur bedingt beeinflussen. Diesmal ist einfach eine Grundstimmung entstanden. Dass die am Ende so viele Menschen anzieht, damit haben selbst wir nicht gerechnet.

Am Anfang gehen wir noch von 50.000 Demonstrierenden aus. Bereits das war eine Dimension, die man erst mal auf die Straße bekommen muss. Dann melden sich schnell Busse um Busse mit Teilnehmern an. Wir merken, da entwickelt sich eine Dynamik, und verdoppeln unsere Prognose gegenüber der Polizei. Und auch die schätzt: Das könnten 100.000 werden.

Die Bühne muss größer werden, die Lautsprecher mehr

Mehr Wucht von der Straße konnten wir gar nicht entfalten

In Hochstimmung passen wir unsere Pläne an. Die Bühne machen wir wesentlich größer und stellen sie an die Siegessäule, weil von da die Abflussrichtungen einfacher sind, sollte Panik ausbrechen. Da braucht es breite Wege. Außerdem bestellen wir zusätzliche Lautsprecheranlagen – wir müssen ja die ganze riesige Straße beschallen.

Am Demotag selbst sieht die Hälfte der Angereisten die Bühne nie. „Feiert da, wo ihr seid, gemeinsam werden wir TTIP verhindern!“, sagen wir mit Megafonen durch. In die Euphorie mischt sich Anspannung. Spätestens, als die Polizei uns meldet, dass sich am Hauptbahnhof – zwei Kilometer entfernt – seit anderthalb Stunden nichts mehr bewegt, merken wir, wie gefährlich die Situation ist. Ein Freund von mir kommt aus der Richtung. Über zwei Stunden steht er auf der gleichen Stelle. Wenn da eine Massenpanik ausbricht, könnte es wie 2010 in Duisburg kommen. Wie bei der Loveparade, als 21 Menschen im Gedränge gestorben sind.

Wir wissen: Nur ruhige Demonstrierende und besonnene Ordnerinnen und Ordner können das verhindern, wenn überhaupt. Hinter der Bühne versuche ich, so viel wie möglich im Blick zu behalten. Jedoch haben wir keine Chance, das Geschehen am Hauptbahnhof zu beeinflussen. Es gibt 150 Ordner und nur einen Kanal für die Funkgeräte, über den wir reden. Es ist einfach zu viel.

Im Viertelstundentakt sprechen wir mit der Polizei. Grundvoraussetzung ist, dass Ruhe bleibt. Prinzip gute Laune. Wir loben auf der Bühne die Zusammenarbeit, damit die Demonstrierenden die Durchsagen befolgen. Am Ende geht alles gut. Im Gespräch danach mit der Polizei schauen wir uns tief in die Augen und sagen: Wir haben alle gemeinsam Glück gehabt.

Seitdem schauen wir noch genauer auf den Ablauf der Demo, strukturieren das Ordnerkonzept sehr klar. Für die Funkgeräte nehmen wir unterschiedliche Kanäle, sodass jeweils nur ganz wenige Leute miteinander kommunizieren. Wir berücksichtigen besser, wie die Leute abfließen können.

Aber die größte Lektion war: Massenbewegungen allein verändern die Gesellschaft nicht. Politische Einstellungen verschieben sich nicht, wenn ich zweimal auf die Straße gehe. Ich erinnere mich noch, wie sich in der ersten Reihe der Demo die ganzen Politikerinnen und Politiker von SPD, Grünen und Linkspartei versammelt haben. Sie haben uns heilig versprochen, sie werden gegen TTIP und Ceta sein. Kurze Zeit später hat die SPD einen kleinen Parteitag abgehalten und beschlossen, „Ja“ zu den Abkommen zu sagen. Auch die Grünen stimmten in der Ampel für Ceta.

Mehr Wucht von der Straße konnten wir gar nicht entfalten. Aber Sie haben immer das Problem, diese Wucht ins Parlament zu übertragen. Die großen Industrielobbys standen so stark hinter TTIP und Ceta, dass wir keine Chance hatten. Bewegungen können meist nur mittelfristig etwas verändern.

Und selbst wenn Sie an die großen Unteilbar-Demonstrationen mit 200.000, 250.000 Menschen auf der Straße denken – das allein führt erst mal keinen grundlegenden gesellschaftlichen Wandel herbei. Da muss viel, viel mehr dazukommen. Was das ist, weiß ich auch nicht genau. Aber ich bin jetzt seit 45 Jahren politisch aktiv und bleibe das auch, bis ich irgendwann mal weggetragen werde. Bei mir führt das nicht zur Resignation. Man muss einfach weitermachen.

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