Nepal: "Sehr großer Bergsturz" - und obendrauf ein Gletscher
Interview
Ursachenforschung in Nepal "Sehr großer Bergsturz" - und obendrauf ein Gletscher
Stand: 27.08.2026 • 20:47 Uhr
Nach der Sturzflut in Nepal geht die Suche nach der Ursache weiter. Die Gletscherforscherin Jacquemart beschreibt, wie das Unglück abgelaufen sein könnte, und verdeutlicht, wie sehr die Menschen der Flut ausgeliefert waren.
tagesschau24: Es gibt ja verschiedene Erklärungsansätze, was könnte aus Ihrer Sicht zu dieser schweren Sturzflut geführt haben?
Mylène Jacquemart: Am Anfang des Prozesses steht tatsächlich nicht ein Gletscherabbruch alleine, sondern ein sehr, sehr großer Bergsturz - also ein großes Felspaket, das abgebrochen ist. Und da obendrauf saß auch noch ein Gletscher, der beim Sturz dieses Felsmaterials einfach mitgerissen wurde. Diese Masse aus Fels und Eis hat sich dann das Tal hinuntergewälzt und unterwegs zusätzliches Felsmaterial mitgerissen. Weil es sich sehr viel schneller bewegt hat als das Wasser in den Flüssen, hat es unterwegs auch immer mehr Wasser aufnehmen können. Und das hat vermutlich zu diesem unglaublichen Volumen und zu diesen schockierenden Bildern geführt.
Zur Person
Dr. Mylène Jacquemart ist Glaziologin an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich. Sie forscht seit Langem zu Gletscherstürzen und ihren Ursachen.
tagesschau24: Inwieweit hätte man diese Sturzflut vorhersehen und entsprechend auch davor warnen können?
Mylène Jacquemart: In den Daten sehen wir, dass es extrem schnell ging. Die Wahrscheinlichkeit ist sehr hoch, dass es an diesem Fels schon Anzeichen für Bewegung gegeben hätte, wenn man vor Ort geschaut hätte. Aber dafür muss man tendenziell vor Ort sehr genau hinschauen.
tagesschau24: Gibt es nach Ihrer Kenntnis vergleichbare Fälle?
Mylène Jacquemart: Also die Dimensionen sind schon sehr erstaunlich. Ich glaube, der Abbruch, der am Anfang dieser Prozesskette stand, war wirklich sehr, sehr groß. Das Verhalten des Prozesses ist aber sehr ähnlich wie das, was wir 2021 in Chamoli im indischen Himalaya gesehen haben. Dort hat es auch einen großen Felssturz mit Eis darin gegeben, der sehr weit abgestürzt ist. Auch da kam es zu dieser immer weitergehenden Verflüssigung, die dieses sehr zerstörendes Ausmaß annehmen kann.
tagesschau24: Muss man in dieser Region damit rechnen, dass so etwas noch häufiger passiert?
Mylène Jacquemart: Grundsätzlich können diese Prozesse überall passieren, wo wir sehr steile Felswände haben. Davon haben wir im Himalaya sehr viele. Die große ausstehende Frage ist sicher, wie der Klimawandel dazu beiträgt. Da können wir global natürlich sagen, dass sich die Faktoren, die solche Ereignisse begünstigen, grundsätzlich überall verschlechtern. Aber, ob dieses Ereignis konkret durch den auftauenden Permafrost ausgelöst wurde, das müssen dann detaillierte Untersuchungen vor Ort noch zeigen.
tagesschau24: Wie weit kann man sich vorbereiten und für künftige Fälle wappnen?
Mylène Jacquemart: Warnsysteme sind durchaus möglich für solche Prozesse. Man kann im Idealfall verschiedene Technologien dafür kombinieren - zum Beispiel seismische Geräte, die detektieren, wenn irgendwo etwas runterfällt. Oder möglicherweise auch Satellitendaten. Technisch ist das alles eigentlich machbar. Aber damit so ein System vor Ort verlässlich funktioniert und wenige Fehlalarme produziert, braucht es mehr als nur die Technologie. Da können wir auf jeden Fall Fortschritte machen. Ich denke, das müssen wir auch. Das sollten wir anstreben. Aber es ist schon eine sehr große Herausforderung.
tagesschau24: Gibt es Lehren, die man vor Ort in Nepal und Tibet ziehen sollte? Etwa gewisse Regionen zu meiden?
Mylène Jacquemart: Ich glaube, das ist nicht praktikabel. Das ist ein Riesengebiet mit sehr viel steiler Topographie und es ist praktisch unmöglich zu sagen, wo der nächste Bergsturz von diesem Ausmaß stattfindet. Also ich denke schon, dass wir mit Ausbildung und idealerweise ausgeklügelten Frühwarnsystemen reagieren müssen.
Das Gespräch führte Kathrin Schlass für tagesschau24. Für die schriftliche Fassung wurde das Interview angepasst.
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