Studie zu Netzwerken: Irans linksextreme Bündnispartner in Deutschland

Das Islamische Zentrum Hamburg ist verboten, doch iranische Netzwerke bestehen fort, zeigt eine neue Studie. Sie finden auch Anschluss an Teile der politischen Linken.
Foto: Alon David/imago
Für Mina Ahadi dauert die Bedrohung an. Erst in der vergangenen Woche seien Eier gegen die Scheiben ihrer Wohnung geworfen worden, berichtet sie der taz. Nicht das erste Mal dieses Jahr. Beleidigungen, Todesdrohungen, Polizeischutz, all das kennt sie seit Langem. Die 70-Jährige ist Vorsitzende des Zentralrats der Ex-Muslime und eine laute Kritikerin des Teheraner Regimes.
Exiliranische Oppositionelle wie Ahadi spüren, wie weit der Arm des Regimes reicht. Geheimdienstagent*innen und deren Handlanger*innen haben in den vergangenen Jahrzehnten zahlreiche Attentate und Anschläge in Deutschland und Europa versucht und verübt. Zuletzt richteten sie sich vor allem gegen Jüdinnen und Juden, gegen Synagogen und Unterstützer*innen Israels. Antisemitismus, die Vernichtung Israels und der weltweite „Export der Revolution“ sind zentrale Bestandteile der Ideologie des Regimes.
Jahrelang forderten Regimekritiker*innen daher insbesondere die Schließung des Islamischen Zentrums Hamburg (IZH), das als zentraler Brückenkopf des schiitischen Staatsislamismus in Europa fungierte. Im Juli 2024 wurden das Zentrum in Hamburg sowie dessen Ableger in München, Frankfurt und Berlin dann vom Bundesinnenministerium verboten, da es „eine islamistische, totalitäre Ideologie“ propagiere, die „Terroristen der ‚Hisbollah‘ unterstützen und einen aggressiven Antisemitismus verbreiten“ würde. Das Zentrum klagt dagegen vor dem Bundesverwaltungsgericht, eine Entscheidung steht noch aus.
Doch war das Verbot wirksam? „Es war in jedem Fall ein wichtiges Signal an das islamische Regime in Iran“, sagt Ahadi. Gleichzeitig gingen die Aktivitäten des Regimes weiter und seien damit keineswegs verschwunden.
Neue Studie sieht dezentrale Nachfolgenetzwerke
Zu demselben Ergebnis kommt eine neue Analyse der NGO Democ und des American Jewish Committees in Berlin. Die Studie befasst sich ausführlich mit den Folgen des IZH-Verbots und wurde am Dienstag veröffentlicht. Demnach hat das Verbot zentrale Strukturen des schiitischen Islamismus geschwächt. Dezentrale und transnationale Strukturen bestehen jedoch fort.
Vor allem das azeri-türkische Netzwerk habe an Bedeutung gewonnen. Es rekrutiere sich überwiegend aus aserbaidschanischstämmigen Schiiten und organisiere sich um das Islamische Zentrum Imam Riza in Berlin. Hinzu komme das informelle Netzwerk von Anhänger*innen des aus der Türkei stammenden und 2019 verstorbenen Geistlichen Muhammed Avcı. Frankfurt am Main habe sich zu einem bedeutenden Knotenpunkt entwickelt.
Zugleich reichten die schiitisch-islamistischen Netzwerke zunehmend in antiimperialistische Teile der politischen Linken hinein. Antiisraelische und antiwestliche Deutungsmuster sowie die Sicht auf Iran und die sogenannte Achse des Widerstands als „antiimperialistische Kräfte“ dienten dabei als Anschlussstellen. Wichtige Akteur*innen und Influencer*innen vermittelten diese Ideologie in politische Milieus, zu denen islamistische Organisationen bisher nur begrenzten Zugang gehabt hätten.
Kommunisten mit Verständnis für den Terror
Als Beispiel nennt die Studie die Kommunistische Organisation (KO). Sie ist eine relativ junge Abspaltung der Deutschen Kommunistischen Partei (DKP) und ihrer Jugendorganisation, der Sozialistischen Deutschen Arbeiterjugend (SDAJ). Sie hat bundesweit neun Ortsgruppen. In Eigendarstellungen bekundet die Gruppe Solidarität mit Russland, China und Iran. Über die Hamas schreibt sie, deren „Widerstand“ werde als Terror „diffamiert“.
In mehreren Statements habe sich die KO seit Mitte 2025 demnach an die politische Linke gewandt und für ein Bündnis mit schiitisch-islamistischen Kräften geworben. Eine Veröffentlichung von Januar 2026 beschimpfte etwa die Regimekritiker*innen, die zu jener Zeit in Iran auf die Straße gingen, als „Terroristen“ und spielte die brutale Gewalt bei der Niederschlagung der Proteste herunter, bei der Regimeschergen Tausende Menschen ermordeten.
Kader der Gruppe haben laut der Analyse in lokalen Palästina-Solidaritätsgruppen Funktionen übernommen und nutzten diese Zusammenhänge, um die Reichweite der Positionen ihrer Organisation zu erhöhen. Die KO-Aktivist*innen dienten so als „operationelle Träger*innen der iranischen Einflussoperationen“. Narrative der Islamischen Republik Iran würden in die antiimperialistische Linke getragen, die wiederum als gesellschaftlicher Resonanzkörper wirke.
Dogmatische Linke erleben Zulauf
Für Thomas Prüwer ist diese Entwicklung nicht überraschend. Der Leipziger Journalist recherchiert derzeit für ein Buch über die sogenannten roten Gruppen, also dogmatisch marxistisch-leninistisch oder trotzkistisch ausgerichtete Organisationen. Ein niedrigschwelliger Zugang, Aktionsorientierung und schnelle Einbindung in die Gruppe würden ihnen seit einigen Jahren Zulauf bescheren. In deren Antiimperialismus hätte das „Volk“ und dessen vermeintliche nationale Befreiung den Bezug auf die soziale Klasse abgelöst. Schnittmengen zum Islamismus entstünden durch die simple Einteilung der Welt in Unterdrücker und Unterdrückte, mit der auch die Konflikte im Nahen Osten schablonenartig vereinfacht würden. Prüwer warnt vor dieser Entwicklung, die bundesweit zu beobachten sei.
Omid Nouripour, Bundestagsvizepräsident und Bundestagsabgeordneter der Grünen, erklärte, das Verbot des IZH sei richtig und wichtig gewesen, aber die „vorliegende Analyse zeigt alarmierend, wie sich die Netzwerke des iranischen Regimes über dezentrale Nachfolgestrukturen verlagern und dabei insbesondere Frankfurt am Main zu einem neuen Schwerpunkt entwickeln“. Das Betätigungsverbot müsse deshalb konsequent durchgesetzt und Nachfolgestrukturen ebenso in den Blick genommen werden wie die Brücken in andere politische Milieus.
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