Kenia: Gewaltexzesse im Auftrag der Regierung?
Weltspiegel
Stand: 13.09.2026 • 12:24 Uhr
Motorradgangs, die Veranstaltungen der Opposition mit Macheten angreifen: Ein Jahr vor der Präsidentenwahl in Kenia wird das Land mit Gewalt überzogen. Die Opposition macht dafür auch die Regierung verantwortlich.
Sie prügeln, sie brandschatzen, sie morden - und meistens tauchen sie wie aus dem Nichts auf: Gruppen maskierter junger Männer auf ihren Motorrädern, bewaffnet mit Knüppeln, Macheten oder Peitschen.
Die Jüngsten sind gerade mal 16 Jahre alt. Ihre Zielobjekte: Demonstrationen von Regierungsgegnern oder Veranstaltungen der politischen Opposition. In Kenia nennt man sie "Goons" - kriminelle Motorradgangs, die das Land seit Monaten mit einer neuen Welle der Gewalt überziehen.
Sie schrecken vor nichts zurück: Im Juni stürmten sie Räume der All-Saints-Kathedrale im Herzen von Nairobi, wo sich Kirchenvertreter und Menschenrechtsaktivisten versammelt hatten, attackierten die Teilnehmer, raubten Laptops, Handys und andere Wertgegenstände. Überwachungskameras zeigen, wie Teilnehmer die Veranstaltung in Panik verlassen.
Bei einer Parlamentsnachwahl Mitte Juli tauchten mehrere maskierte Männer in SUVs auf, ausgerüstet mit Schusswaffen, Knüppeln und Tränengas, um Wählende einzuschüchtern, die hier mehrheitlich die Opposition unterstützen. Gezielt wurden Journalisten und Kamerateams angegriffen und verletzt.
Jagd auf Oppositionspolitiker
Im August machten Hunderte Goons Jagd auf den Konvoi des aussichtsreichen Oppositionspolitikers Edwin Sifuna und hinterließen eine Spur der Verwüstung. Auch hier wurden Journalisten in ihren Autos angegriffen und schwer verletzt, mindestens zwei Menschen wurden getötet.
Fast wöchentlich gibt es neue Bilder, neue Nachrichten von solchen Gewaltexzessen - und viele im Land fragen sich, wer die Auftraggeber dieser gewalttätigen Gangs sind.
Wer Antworten darauf finden will, muss sich in eine der gefährlichsten Gegenden Nairobis begeben: nach Kibera, der größten informellen Siedlung des Landes. Hunderttausende Menschen leben hier unter dem Existenzminimum, die meisten in Lehmhütten mit Wellblechdächern.
Viele müssen mit einem Tagelohn von umgerechnet zwei bis drei Euro auskommen und davon eine ganze Familie ernähren - ein ideales Umfeld für Seelen- und Menschenfänger.
Kibera, eine der gefährlichsten Gegenden Nairobis: Hier trifft das ARD-Team Männer, die Teil der Gangs sind.
Innerhalb einer halben Stunde bereit, loszuschlagen
Über einen Kontaktmann vermittelt treffen wir hier zwei Familienväter, die ihren Lebensunterhalt als Goons verdienen. Wir verabreden uns mit ihnen in einem kleinen Verschlag mitten in Kibera. Ihre Gesichter haben sie nur mit einer Atemmaske verdeckt. Angst, erkannt zu werden, haben sie nicht wirklich; man kenne sie hier sowieso, sagen sie und vielen wären sie hier als Goons bekannt.
Sie erzählen, wie das Geschäft abläuft. Über einen sogenannten Broker würden Anrufketten gebildet werden, sagen sie, innerhalb von einer halben Stunde stünden dann Hunderte bereit, um loszuschlagen. Meistens gehe es darum, mit Steinen und Schlagstöcken für Unruhe zu sorgen bei politischen Versammlungen der Opposition.
Dafür gebe es 500 bis 1.000 kenianische Shilling, umgerechnet drei bis sieben Euro. Richtig lukrativ werde es, wenn man ein Auto anzünde; dann sei sogar das Zehn- bis Zwanzigfache drin.
"Falls wir verhaftet werden, sind wir nach zwei Tagen draußen"
Die Auftraggeber seien "Politiker und die Regierung selbst", erzählen sie. "Sie heuern uns an, sie rufen uns an. Wir arbeiten für sie. Und falls wir verhaftet werden, sind wir nach zwei Tagen wieder draußen."
Die Regierung sorge dafür, dass sie nicht vor Gericht müssen. "Sie geben dir einen Job, du wirst verhaftet, dann sorgen sie dafür, dass du freigelassen wirst, fahren mit dir den ganzen Tag in der Gegend herum. Am Ende des Tages lassen sie dich irgendwo raus und bezahlen dich."
Glauben sie, dass Kenias Staatspräsident William Ruto selbst dahintersteckt? "Ich kann ihn nicht beschuldigen", sagt der ältere der beiden. "Ich habe nie einen Anruf von ihm persönlich erhalten, aber es sind die Leute um ihn herum, Leute, die in seiner Regierung arbeiten."
Im Interview erzählen die jungen Männer, wie sie für Gewalttaten angeheuert werden. Die Regierung sorge dafür, dass sie nicht vor Gericht müssten.
Oppositionskandidat macht Präsident verantwortlich
Was die beiden Männer erzählen, wird auch von Politikern der Opposition bestätigt. David Maraga war einmal oberster Richter des Landes, bevor William Ruto an die Macht kam. Nächstes Jahr will er bei der Präsidentschaftswahl gegen Ruto antreten.
"Goonismus" sei an sich kein ganz neues Phänomen, sagt er im Interview. Die Lage habe sich aber deutlich verschärft, seit "Regierungsstellen diese Goons anheuern". Seitdem seien sie "unantastbar", auch weil die Polizei vor Ort nichts gegen sie unternehme, oft sogar mit ihnen zusammenarbeiten würde.
"Wenn das nicht aufhört, wird das ganze Land destabilisiert", sagt Maraga. Und das geschehe "mit dem Segen des Präsidenten". Und immer drängender stelle sich die Frage, "wie das Oberhaupt eines Staates mit Goons zusammenarbeiten kann, um seine politischen Gegner zu kontrollieren".
Ruto weist Vorwürfe von sich
Kenias Präsident William Ruto weist solche Vorwürfe weit von sich und stellt sich jetzt sogar an die Spitze der Bewegung gegen die neue Gewalt im Land.
Ende August warnte er bei einer Veranstaltung der Nationalen Polizeiakademie vor einer neuen Eskalation politischer Gewalt: "Lassen Sie mich hier ganz klar sein: Politisch geförderte Gewalt hat keinen Platz in unserer Demokratie. Die nationalen Polizeibehörden müssen deshalb gegen jeden vorgehen, der politische Gewalt finanziert, organisiert oder ausübt."
Für die Opposition ist diese Aussage ein Hohn. Hussein Khalid ist einer der bekanntesten Vertreter der GenZ-Bewegung.
Er habe die Gewalt von Goons am eigenen Leib erlebt, erzählt er. Und dass die Polizei nichts dagegen unternommen habe. "Ich glaube dem Präsidenten nicht, wenn er behauptet, dass er die Goons bekämpfen will", sagt er. "Weil er bisher nichts dagegen getan hat. Wenn er das ernst meinen würde, hätte er längst eine ganze Reihe von Politikern verhaften lassen, die in seiner Regierung oder in seiner Partei arbeiten. Weil es klare Beweise dafür gibt, dass diese Politiker in diesen Goonismus verstrickt sind."
Viele in Kenia befürchten, dass die Gewalt während des Wahlkampfs noch weiter zunimmt. Sollte sich dies bewahrheiten, steht dem Land ein ganzes Jahr des Terrors bevor.
Diese und weitere Reportagen sehen Sie am Sonntag um 18:30 Uhr im Weltspiegel im Ersten.
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