Bandenchef bittet UN um Vermittlung in Haiti
Stand: 07.11.2026 • 11:51 Uhr
In Haiti werden nach einem Bandenangriff vier salvadorianische Militärangehörige vermisst. Um sie zu retten, schickt Präsident Bukele weitere Soldaten ins Land und droht den Gangs. Ein Bandenchef reagiert nun mit einem Brief an die UN.
Von Anne Demmer, ARD Mexiko-Stadt
"Offizielles Gesuch um internationale Vermittlung und die Aufnahme eines Dialogs zur Förderung von Frieden und Stabilität in Haiti", so lautet der Betreff des zweiseitigen Briefes an den UN-Generalsekretär António Guterres.
Unterzeichnet ist das Schreiben von Joseph Wilson, der auch unter dem Namen Lanmò San Jou bekannt ist. Wilson führt die kriminelle Bande "400 Mawozo" - bekannt für organisierte und kollektive Entführungen, Mord, Erpressung, Lkw-Überfälle sowie Waffen- und Menschenschmuggel.
Die US-Regierung hat ein Kopfgeld von bis zu einer Million Dollar auf Wilson ausgesetzt. Ihm wird vorgeworfen, an der Entführung von 17 christlichen Missionaren im Oktober 2021 beteiligt gewesen zu sein.
Post vom Bandenchef nicht alltäglich
Im Briefkopf prangt eine Friedenstaube mit Lorbeerzweig im Schnabel, in der Fußzeile finden sich eine WhatsApp-Nummer und eine Gmail-Adresse. Sicherlich ist es nicht alltäglich, dass sich ein Bandenchef auf diesem Weg an den Generalsekretär wendet.
Auf die Frage eines Journalisten, ob die UN auf das Schreiben reagieren werden, erklärte der Sprecher Stéphane Dujarric, die Bestätigung des Eingangs bedeute weder eine Anerkennung des Bandenchefs noch eine Billigung des Briefinhalts. Es ergebe sich auch keine Verpflichtung des Generalsekretärs, darauf zu antworten.
Wilson fordert, dass die UN eine Delegation nach Haiti schicken. Diese solle einen Dialog- und Vermittlungsprozess zwischen den bewaffneten Banden und den internationalen Sicherheitskräften ermöglichen, ausdrücklich auch mit Beteiligung der Truppen aus El Salvador.
Entführte Militärangehörige tot?
Hintergrund ist die Entführung von vier salvadorianischen Militärangehörigen am 18. Oktober. In der Nähe der Hauptstadt Port-au-Prince wurde ihr Fahrzeug angegriffen. Seitdem gelten die vier als vermisst. Nun behauptet Wilson, sie seien tot. Eine unabhängige Bestätigung dafür gibt es bislang nicht.
In einem Exklusiv-Interview mit der Nachrichtenagentur AP kritisierte er vor allem die Drohnenangriffe der Sicherheitskräfte, bei denen Zivilisten getötet würden, darunter Kinder und ältere Menschen.
Bukele entsendet 2.000 Einsatzkräfte nach Haiti
Wilsons Brief folgt auf eine Drohung des salvadorianischen Präsidenten Nayib Bukele: Sollten die vier Vermissten nicht freigelassen werden, werde es eine militärische Reaktion geben. Inzwischen hat er rund 2.000 zusätzliche Einsatzkräfte nach Haiti entsendet.
Seine Botschaft an die Banden lautet: "Wir haben die Banden in El Salvador ausgerottet, und das können wir auch mit euch machen. Das ist eine Warnung: Unsere Mission ist es nicht, die Banden in Haiti auszurotten. Unsere Mission ist es vielmehr, unsere vier Mitglieder zu befreien. Wenn sie diese nicht freiwillig aushändigen, werden wir sie mit Gewalt befreien."
Bukele ist für seine Politik der harten Hand bekannt. Der rechte, autoritär regierende Präsident hat Zehntausende Menschen inhaftieren lassen und den Ausnahmezustand verhängt, der zur Aussetzung zahlreicher Bürgerrechte geführt hat.
Mehr Truppen, mehr Gewalt?
Experten warnen vor einer unzureichenden Koordination zwischen den verschiedenen Sicherheitskräften in Haiti. Hilfsorganisationen wie Ärzte ohne Grenzen befürchten, dass die zusätzliche internationale Truppenpräsenz und die groß angelegte Offensive den bewaffneten Konflikt weiter anheizen könnten.
Im Land selbst stößt der Einsatz auf keinen Widerstand der Regierung. Die internationalen Kräfte seien nicht gekommen, um den Staat zu ersetzen, so der Premierminister von Haiti, Alix Didier Fils-Aimé. Sie seien gekommen, um ihn zu unterstützen.
UN-Sprecher Dujarric geht davon aus, dass von den mehr als 2.000 salvadorianischen Einsatzkräften nur die wenigsten ein offizielles Mandat haben. Es gehe um etwa 200 salvadorianische Kräfte, die unter das Mandat der GSF - der Truppe zur Bekämpfung von Banden - fallen und somit auch unter den vom Sicherheitsrat eingerichteten Überwachungs- und Berichterstattungsmechanismus der Vereinten Nationen.
Den Einsatz der übrigen Kräfte bezeichnete er als bilaterale Angelegenheit. Zugleich betonte er, Sicherheitsoperationen müssten im Einklang mit den internationalen Menschenrechtsnormen stehen. Durch Bandengewalt sind in Haiti nach UN-Angaben seit Jahresbeginn mindestens 5700 Menschen getötet oder verletzt worden. Mehr als 1000 Frauen und Mädchen seien vergewaltigt worden.
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