Wie Deutschland das Jahrhundertprojekt am Brenner gefährdet
Der Ausbau der Bahnstrecke zwischen Nord- und Südeuropa geht in Österreich und Italien längst voran. Nur in Deutschland hakt es. In Rosenheim regt sich immer mehr Widerstand.
31.10.2026 | 4:32 minSeit 1445 ist der Keindlhof in den Händen derselben Familie. "Blutsvererbt", nennt es Magnus Waller, der sich mit seiner Familie täglich um die rund 70 Rinder und den jüngst renovierten Gasthof mitsamt Metzgerei kümmert.
Es ist das fast perfekte Bild bayerischer Voralpen-Idylle. Wäre da nicht das drohende Szenario einer Großbaustelle, direkt auf seinem Land. Mehr als zwei Drittel der landwirtschaftlichen Fläche könnte Waller in wenigen Jahren verlieren, sollte die Deutsche Bahn mit dem Ausbau des Brenner-Nordzulaufs beginnen.
"Wenn er kommt, sind wir weg", erklärt Landwirt Waller, und blickt auf die noch grüne Wiese, auf der eines Tages eine breite Verknüpfungsstrecke und ein Tunneleingang gebaut werden sollen.
Ich weiß nicht, was ich meinem Sohn sagen soll. Ob er den Hof irgendwann übernehmen kann, weiß ich nicht. Das ist wirklich ein hartes Stück.
Magnus Waller, Landwirt in Niederaudorf
Bayern als Flaschenhals für Güterverkehr: Nordzulauf seit Jahrzehnten geplant
Schon seit Jahrzehnten wird über die Verbindung diskutiert. 1971 begannen erste Planungen für einen Eisenbahntunnel quer durch die Alpen, bald darauf wurde klar: Wenn Container tatsächlich von den Lkw auf der Brennerautobahn auf Güterzüge umgelagert werden sollen, benötigt der Tunnel eine ausreichend große Zulaufstrecke aus dem Norden.
Andernfalls werde Bayern zu einem "Flaschenhals", erklärt Martin Ausserdorfer von der Basistunnel-Beobachtungsstelle in Südtirol gegenüber ZDFheute.
Zahlreiche Menschen haben an der Brennerautobahn in Österreich gegen die hohe Verkehrsbelastung demonstriert. Das große Verkehrschaos blieb trotz der Sperrung aus.
30.05.2026 | 2:02 minMan verbinde den Süden Deutschlands mit Norditalien und damit zwei der größten Wirtschaftsräume der Europäischen Union. In diesem Abschnitt den Nordzulauf nicht zu bauen, wäre gravierend für alle Beteiligten", so Ausserdorfer, der in der Brenner-Zugverbindung auch soziale Vorteile sieht.
Die Menschen in Tirol und Südtirol werden vom Straßenverkehr erdrückt. Wenn Deutschland bei der Alternative auf der Schiene nicht mitmacht, dann gibt es dafür kein Verständnis.
Martin Ausserdorfer, Direktor Brenner-Basistunnel-Beobachtungsstelle
Alpen: Österreich und Italien feiern Tunnel-Durchbruch
Der Tunnelbau ist ein Jahrhundertprojekt. Für die zwei insgesamt 64 Kilometer langen Röhren, zuzüglich Service-Zugängen und Verbindungsarmen, wurden schätzungsweise 21,5 Millionen Kubikmeter Gestein aus den Alpen gesprengt und gebohrt. Im Sommer gab es unter den Alpen einen Durchbruch, zur großen Freude der Baumeister in Österreich und Italien.
NANO vom 26. August: Millionen LKW passieren jährlich den Brennerpass und diese sollen künftig durch den Basistunnel. In drei Stunden von München nach Verona, doch das Projekt stockt.
26.08.2024 | 28:31 minUnd in Deutschland? Dort steht nach zähem Ringen inzwischen immerhin eine Trassenführung fest. "Der Brenner-Nordzulauf ist eines der DB-Projekte mit der umfangreichsten Bürgerbeteiligung", kommentiert ein Sprecher. In über 270 Sitzungen und hunderten Einzelgesprächen seien "die Fragen und Vorschläge von fast 10.000 Bürgerinnen und Bürgern persönlich erörtert" worden.
Abgeordnete: Bundestagsbeschluss für Zulaufstrecke frühestens Ostern 2027
Die Pläne liegen nun dem Deutschen Bundestag vor, kürzlich beschäftigte sich der Verkehrsausschuss mit ihnen. Mit einer Genehmigung ist nicht vor Ostern 2027 zu rechnen - erst dann kann die Bahn mit der Detailplanung beginnen. Eröffnet wird die Strecke frühestens 2040.
Bereits 2034 soll der Brennertunnel in Betrieb gehen, mindestens sechs Jahre dürfte Bayern also so oder so zum Nadelöhr des europäischen Güterverkehrs werden.
Für die schnelle geplante Eisenbahnverbindung zwischen Berlin und Palermo wird in Italien und Österreich längst gebaut, auf deutscher Seite gestritten. Im Inntal regt sich immer mehr Widerstand.
30.10.2026 | 1:47 minDoch dass es bei dem Termin bleibt, zweifeln erste Abgeordnete bereits an. "Wir haben eigentlich ein Sondervermögen von 500 Milliarden Euro. Aber die Regierung hat sich entschieden, dieses Geld nicht in Neu- und Ausbauprojekte zu stecken", sagt Victoria Broßart (Die Grünen), Mitglied im Bundestagsverkehrsausschuss.
Stattdessen seien Gelder nur für Sanierungen von Bestandsstrecken bei der Bahn vorgesehen. Selbst einer genehmigten Nordzulauf-Baustelle könnte somit frühzeitig das Geld ausgehen, fürchtet sie. "Unsere parlamentarische Befassung ist nur das 'Go' vom Bundestag, dass weitergeplant werden kann. Das sichert aber nicht die Finanzierung."
Das ist ein Riesenproblem.
Victoria Broßart (MdB), Bündnis 90/Grüne
Proteste gegen Bahn-Planungsverfahren
Auf dem Keindlhof in Niederaudorf könnte Magnus Waller sehr gut auf die Baustelle verzichten. "Wir sind überhaupt nicht gegen den Nordzulauf. Aber die geplante Ausführung ist das Problem", so Waller. Als Teil einer Initiative mit 18 anderen Bauern will er sich weiter gegen die Baupläne stellen - und versuchen, in der weiteren Planung noch irgendwie auf die Trassenführung einzuwirken.
Sein Hof war ein Generationenprojekt. Doch der Brenner-Basistunnel mitsamt seinem nördlichen Zulauf wird es wohl auch.
Tobias Bluhm ist Reporter im ZDF-Landesstudio Bayern.
Über dieses Thema berichtete das ZDF in der Sendung "heute - in Deutschland" am 30.10.2026 ab 14:00 Uhr.
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