Proteste in Frankreich: Marseille bangt und hofft

In der zweitgrößten Stadt Frankreichs haben die Proteste vom Samstag eine Spur der Verwüstung hinterlassen. Am Wochenende stehen erneut Demonstrationen an.
Foto: Justine Meddah/AFP/dpa
Das per Schablone aufgesprühte rote Emblem von Hammer und Sichel auf einem Fenster der Börse in Marseille ist klein, aber sichtbar. Die Splitter der zu Bruch gegangenen Fensterscheiben sind zusammengekehrt, die Fassaden mit Spanplatten zugenagelt. „Sie sollen endlich mit diesem Mist aufhören“, schreit eine Frau, als sie an einer Apotheke vorbeikommt. Die hat, wie viele Geschäfte, zwar geöffnet, aber keine einzige heile Scheibe mehr. Die Spuren der Verwüstung in der Innenstadt infolge der Demonstration vom vergangenen Samstag sind noch nicht wieder alle beseitigt.
Es hat nicht nur die Luxusboutiquen getroffen, sondern auch viele Läden des täglichen Bedarfs. Anspannung ist in der Stadt spürbar, seit es am vergangenen Samstag rund um den „Tag der Mobilisierung gegen das teure Leben“ zu gewalttätigen Auseinandersetzungen, brennenden Autos und Plünderungen gekommen war.
Die Tür des alten Rathauses an der Hafenmeile wurde brachial aufgebrochen, die „Marianne“, die französische Symbolfigur, im Foyer vom Sockel gestoßen. Am Dienstag steht mittags ein Polizeiauto vor dem verbarrikadierten Eingang. Zwei Polizisten halten Wache. In den Nächten haben Minderjährige Ausgangssperre.
Wie im Krieg
Es sei das erste Mal in ihrem Leben, sagt die 55-jährige Julie, die als alternative Stadtführerin arbeitet, dass sie eine Ausgangssperre erlebe. „Als befänden wir uns im Krieg.“ Schon am Samstag habe sie sich so gefühlt, als die verschiedenen Gruppen, die zur Mobilisierung aufgerufen hatten, von ihren Sammelpunkten – „zu Beginn friedlich und sehr viel bunter und lebendiger als sonst“ – losgezogen seien.
Was Julie dann erlebte, war ein Desaster, eine „Ungleichzeitigkeit“ und eine völlig „fehlgegangene Koordination der Staatsgewalt, um der Situation wieder Herr zu werden“. In Marseille brannte die städtische Polizeiwache an der Einkaufsstraße Canebière, sie bleibt vorerst geschlossen.
Nebenan befindet sich das Warenhaus Monoprix – ebenfalls bis auf Weiteres dicht. Davor steht ein großer Container, in dem sich viele weiße Müllsäcke stapeln. Hüfthoch steht eine Frau mittendrin. Sie öffnet einen Müllbeutel nach dem anderen und wirft die heil gebliebenen und nun unverkäuflichen Kosmetikprodukte, die aus dem leer geräumten Monoprix stammen, in die geöffneten Taschen am Container wartenden Kinder.
„Die Soziologie der Stadt lässt sich gut ablesen“, sagt Julie später bei einem Kaffee. „Sie ergreifen schlicht die Gelegenheit zum Plündern.“ In Marseille ist die Armut auch in der Innenstadt sichtbar, wo Arm und Reich dicht an dicht koexistieren. An die 30.000 Plünderungen sollen in Frankreichs zweitgrößter Stadt stattgefunden haben, verkündete die Präfektur der Metropolregion Bouches de Rhône am Montag.
Nach unten korrigiert
Eine Zahl, die Bürgermeister Benoît Payan später abwegig nennt und die Staatsanwalt Nicolas Bessone massiv nach unten korrigiert. Bessone schätzt die Zahl der Plünderer auf etwa 1.800 bis 3.000, an die 8.000 Randalierer sollen es gewesen sein, bestätigt er.
Wie viele Menschen tatsächlich am vergangenen Samstag an den Aktionen teilgenommen haben, ist schwer zu sagen. Es gab 101 Festnahmen, bereits am Dienstag wurden die ersten Personen vor Gericht gestellt. Es handele sich ausschließlich um junge Erwachsene, nicht vom Typ schwarzer Block und Randalierer, sondern eher um Mitläufer und Gelegenheitsdiebe, berichtet das Marseiller Online-Magazin Marsactu. Von den echten Gewalttätern scheine man kaum jemanden erwischt zu haben, stellt die Reporterin fest. 8.000 Randalierern sollen nur 800 Einsatzkräfte der Polizei gegenübergestanden haben.
Wie konnte es dazu kommen? Bürgermeister Benoît Payan, der mit einem Mitte-links-Bündnis regiert, beklagte am Montag in einem gemeinsamen Statement mit den Bürgermeistern der Städte Limoges und Paris, dass man sich von der Regierung im Stich gelassen fühle. Man habe die Präfektur vorgewarnt, schreibt Payan, doch die Leute hätten unbehelligt agieren können.
Es gehen viele Theorien um, warum alles so gekommen ist. Die Rechten und Konservativen versuchen, die Gewaltexzesse den linkspopulistischen „Insoumis“ von Jean-Luc Mélenchon in die Schuhe zu schieben. Die sozialen Medien dürften die Mobilisierung junger Leute aus den Vorstädten rasant beschleunigt haben.
Zeit zum Auftanken
Auch Rechtsextreme sollen beteiligt gewesen sein. In Lyon defilierten Neonazis am Montagabend offen durch die Stadt – im eher links gestrickten Marseille undenkbar. „Wohl eine Mischung aus allem“, vermutet Simon, ein Buchhändler, der ebenfalls am vergangenen Samstag demonstrieren war. Es ist sein freier Tag. „Es ging friedlich und fröhlich los, doch irgendwann wurde es wirklich kompliziert.“ Für ihn ist klar: „Das war Strategie: Man hat die Gewalttäter gewähren lassen.“
In der Innenstadt werden am kommenden Samstag viele Geschäfte geschlossen haben. „Nicht noch mal“ und „Wir haben es satt – die Krawalle wie die Regierung Macron“ ist die vorherrschende Stimmung. Die Ausgangssperre für Minderjährige wird vorerst aufrechterhalten. Außer den Schulen haben auch die Universitäten in der nächsten Woche Ferien.
Zeit zum Auftanken, Kräftesammeln. Die zwei Polizisten vor dem Rathaus werden Verstärkung brauchen. Sie fürchten neue Krawalle, sagen sie. Die Sonne an diesem Tag hat die Straßen getrocknet, aber nicht die Gemüter besänftigt. Die städtischen Museen bleiben diese Woche vorsorglich geschlossen.
Für Samstag, den 24. Oktober, ist wieder ein landesweiter Aktionstag angekündigt. Präsident Emmanuel Macron kündigte an, dass nur von Gewerkschaften organisierte Demonstrationen erlaubt sein sollen. „Wir hoffen auf einen friedlichen Verlauf“, sagen die Polizisten. Julie und Simon werden mit der gleichen Hoffnung und gemischten Gefühlen wieder auf die Straße gehen.
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