Verletzte und Festgenommene – Wer steckt hinter der Gewalt bei Frankreichs Schülerprotesten?

Seit Tagen protestieren Schülerinnen und Schüler in Frankreich gegen Lehrpersonenmangel, Unterrichtsausfälle und schlechte Zustände an ihren Schulen. Es kommt immer wieder zu Brandstiftungen oder Zusammenstössen mit der Polizei, die hart gegen die Schülerinnen und Schüler vorgeht. Die französische Regierung wirft politischen Kräften vor, die Proteste anzuheizen. Gleichzeitig gibt es Berichte, wonach sich Aussenstehende unter die Schülerinnen und Schüler mischen und für Gewalt sorgen. Wer also protestiert da eigentlich? ARD-Korrespondentin Julia Borutta ordnet ein.
Julia Borutta
Journalistin
Julia Borutta ist die ARD Radio-Korrespondentin in Paris.
SRF News: Brennende Barrikaden, Gewalt gegen die Polizei und Lehrpersonen: Sind das noch die Proteste der Schülerinnen und Schüler – oder werden sie inzwischen von anderen Akteuren instrumentalisiert?
Julia Borutta: Ich finde, man muss hier mit den Worten wirklich ein bisschen aufpassen. Es ist noch keine Unterwanderung eines Protestes, wenn sich eine Partei – hier die Linkspartei – mit den Schülerinnen und Schülern solidarisiert und sich mit ihnen für diesen Protest stark macht. Gleichzeitig gibt es aber schon offene Fragen. Viele Schulleiterinnen und Schulleiter, die selbst verletzt worden sind, sagen: «Die Leute, die mich attackiert haben, kannte ich nicht, die waren nicht von meiner Schule.» Es gibt also eine Art Gewalttourismus von jungen Leuten, die sich dann da unter die Jugendlichen mischen, Brände legen und Menschen attackieren.
Da sind wirklich krasse Dinge passiert.
Ein Lehrer, der einen Brand löschen wollte, ist von einem jungen Mann mit Benzin übergossen worden. Da sind wirklich krasse Dinge passiert. Da ist aber eben die Frage: Sind das dann Menschen, die von ausserhalb kommen? Und von wem wurden die eigentlich angestachelt?
In vielen Videos sieht man Protestierende, die Palästinaflaggen in die Höhe halten: Ist das ein Zeichen dafür, dass sich auch hier andere Gruppen mit ihren eigenen Anliegen unter die Schülerinnen und Schüler mischen?
Nein, das, würde ich sagen, sind tatsächlich Schülerinnen und Schüler. Wir wissen auch aus Umfragen, dass viele gerade junge Menschen sehr ungerecht finden, was in Gaza passiert. Dieser Gedanke, sich mit anderen zu solidarisieren, ist ohnehin etwas, was die Schülerinnen und Schüler unabhängig vom Anliegen sehr bewegt. Nicht an allen französischen Schulen sind die Zustände gleich katastrophal. Die Jugendlichen sagen aber: «Wir demonstrieren auch aus Solidarität mit den Schülerinnen und Schülern zum Beispiel im ärmeren Norden von Paris, wo die Polizei härter gegen die Protestierenden vorgeht.»
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Bild 1 von 5. Schülerinnen und Schüler protestieren in Saint-Denis nahe Paris am 30. September. Im eher armen Ort gehe die Polizei besonders hart gegen die Schülerinnen und Schüler vor, erklärt Korrespondentin Julia Borutta. Bildquelle: Reuters.
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Bild 2 von 5. Ein Standoff zwischen Polizei und Demonstrierenden in Saint-Denis am 1. Oktober. Bildquelle: Reuters.
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Bild 3 von 5. Ein Plakat am Eingang einer Schule bringt die Wut der Schülerinnen und Schüler zum Ausdruck, fotografiert am 2. Oktober im Süden Frankreichs in Toulouse. Bildquelle: Reuters.
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Bild 4 von 5. Am Montag gingen die Proteste in die zweite Woche. In Paris riefen Schülerinnen und Schüler draussen ihre Forderungen. Bildquelle: Reuters.
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Bild 5 von 5. Am 1. Oktober gingen auch in Lille Jugendliche auf die Strasse, etwas später musste die Feuerwehr ausrücken. Bildquelle: Reuters.
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Wie reagieren denn die Menschen in Frankreich auf die Proteste und wie reagieren sie auch auf die Gewalt?
Natürlich sehr unterschiedlich: Auf die Gewalt reagieren die allermeisten schockiert, zum Teil auch fassungslos. Das ist eine Gewalt, die sich hochschaukelt – und das kennen wir aus Frankreich schon von früher. Zum Beispiel bei den Gelbwesten-Protesten, da hat der Staat auch mit massiver Polizeigewalt reagiert.
Nun hat der Innenminister Ende letzter Woche gesagt, es gebe keinerlei Direktive an die Polizei, sich zurückzuhalten. Die dürfen alle nicht-tödlichen Waffen benutzen und sollen das auch, um Krawalle zu verhindern. Was jetzt aber die Menschen zum Beispiel bestürzt, ist, dass bisher rund 5000 Schülerinnen und Schüler oder andere Beteiligte an den Protesten vorübergehend festgenommen worden sind. Das sind mehr als bei den Gelbwesten-Protesten damals.
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