Roman von Dana Vowinckel – «Anton und Alma»: Dieses Buch ist ein Ereignis

Dana Vowinckels Titelfiguren Anton und Alma wirken zunächst wie ein klassisches Uni-Pärchen an der philosophischen Fakultät der Berliner Humboldt-Uni: Sie sind zwischen Anfang und Mitte 20, leben in Kreuzberg, sind schlau, belesen, kritisch – und so sehr darauf bedacht, im Leben alles richtig zu machen, dass sie sich häufig selbst am stärksten im Weg stehen.
Die Lebenswege der beiden vor dem Studium sind recht verschieden verlaufen: Anton stammt aus einer weltgewandten jüdischen Akademikerfamilie aus Berlin, Alma aus dem Ostberliner Stadteil Biesdorf. Sie ist die erste aus ihrer Familie, die studiert.
Es ist kompliziert
Zwischen den beiden entspinnt sich eine intensive Liebesbeziehung, die von Anfang an darunter leidet, dass die beiden einfach nicht aus ihren Köpfen können. Anton und Alma hinterfragen alles: von der Dauer der letzten Umarmung bis zu gefühlt jedem zweiten Satz, den sie zueinander gesagt haben. Ihr Beziehungsstatus ist ein konstantes «Es ist kompliziert», inklusive diverser Phasen der Trennung.
Anton und Alma sind quengelnde Klugscheisser, die aber sehr grosse und sehr schöne Herzen haben.
Während einer solchen Phase fasst Alma den Entschluss, zum Judentum zu konvertieren: Von der jüdischen Gemeinschaft verspricht sie sich eine Form von Halt, die ihre unbeholfene Mutter und ihr liebloser Stiefvater ihr nie geben konnten. Ihrer Familie und Anton erzählt Alma von diesem Entschluss lange nichts – aus Trotz oder aus Angst.
Es ist eine von vielen Stellen im Roman, wo man sich beim Lesen den Figuren so nah fühlt, dass man sie packen und schütteln möchte. Auch Dana Vowinckel selbst hat sich immer wieder über ihre Figuren aufgeregt: «Die beiden sind quengelnde Klugscheisser, die aber sehr grosse und sehr schöne Herzen haben.»
Lieben in einer Welt aus den Fugen
Der Roman umspannt den Zeitraum der letzten zehn Jahre, samt vieler schlimmer Ereignisse, die sich auf der Welt abgespielt haben, und die das Leben der Romanfiguren entscheidend prägen: der Mordanschlag auf die Synagoge in Halle im Jahr 2019, der Ausbruch der Covid-Pandemie 2020, oder der terroristische Überfall der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023.
Nicht nur Anton und Alma stehen dem im Roman überfordert gegenüber. Auch ihre Familien und Freunde – die jüdischen und die nicht-jüdischen gleichermassen – ringen auf der Suche nach angemessenen Reaktionen mit sich.
Darauf folgen intensive Diskussionen und Streitereien (nicht zuletzt über jüdische Identität), an denen nach und nach erkennbar wird, wie tief die Gesellschaft um Anton und Alma herum bereits gespalten ist. Für die Beziehung der beiden ist es eine weitere Zerreissprobe.
Widersprüche als Gewinn
Dana Vowinckel unterlässt es zum Glück, selbst Antworten zu liefern: Sie schreibe nicht, um die Welt zu verstehen, sagt sie, sondern um ihre eigenen Fragen an die Welt loszuwerden – ohne sie beantworten zu müssen. Das fordert ihr Publikum zwar heraus, lässt diesen Roman aber noch weit über seine letzte Seite hinaus nachhallen.
Dana Vowinckel: «Anton und Alma». Suhrkamp, 2026.
«Anton und Alma» ist das ein höchst gelungenes Portrait der Generation an der Schwelle zwischen Millennials und Gen Z, sowohl sprachlich wie auch in ihrem Denken: im besten Sinn ein Buch voller Widersprüche. Ein tieftrauriges Buch, das ausgesprochen humorvoll sein kann. Ein Buch mit viel Potenzial, «einer der grossen Romane der 2020er-Jahre» zu werden.
Radio SRF 1, Literaturclub Bestenliste, 29.9.2026, 20:03 Uhr
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