Die Wahrheit: Kostenpflichtige Intelligenz

Wer hätte gedacht, dass Dienste wie ChatGPT für immer werbefrei blieben? Zu Besuch in einer KI-Beratungsstätte.
Foto: ap
„Was mich am meisten wundert: Die Leute sind so überrascht.“ Gabriele Börrle schüttelt den Kopf und rührt in ihrem Kräutertee. Wir sitzen in der KI-Beratungsstelle einer mittelgroßen hessischen Stadt. Auf Rat von Frau Börrle haben wir uns vor Beginn der Geschäftszeiten verabredet. „Sonst stünde das Telefon nicht still“, erklärt sie.
Die erfahrene Sozialarbeiterin – Anfang fünfzig, randlose Brille – atmet tief durch. „Dabei war doch klar, dass das passieren würde. Es gab noch nie eine technische Neuerung, die dauerhaft umsonst und werbefrei war. Irgendwann heißt es doch überall: entweder mit Werbung oder man bezahlt.“
Und deshalb, so erfahren wir, wird etwa eine trauernde Witwe, die im Dialog mit einer KI Trost gefunden hatte, neuerdings mitten im intensiven Austausch mit Werbung belästigt: „Lebensfreude pur! Buchen Sie den Pärchen-Urlaub auf der ‚MS Romeo und Julia‘! Spaß zu zweit und ohne Ende!“ Die arme Frau ist dann natürlich am Boden zerstört, kann das Geld für den werbefreien KI-Chat aber einfach nicht aufbringen.
Was GPT bedeutet
Frau Börrle schmunzelt: „Tja, wenn es noch altsprachlichen Unterricht gäbe. Das GPT in ChatGPT steht für gratis pro tempore. Also kostenlos auf Zeit. Wer Latein kann, ist klar im Vorteil. Aber es hätte auch genügt, bei Netflix Black Mirror zu schauen.“
Wieder verrät unsere Miene Ratlosigkeit. „Kennen Sie nicht? Schwere Bildungslücke. Diese dystopische britische Serie dreht den Wahnsinn, den wir uns gerade einhandeln, immer eine Vierteldrehung weiter. In einer Episode erhält eine Lehrerin nach einem Schlaganfall eine Art virtuelles Gehirn, das sie wieder lebensfähig macht. Weil sie sich aber nur den Basistarif leisten kann, lässt die KI sie regelmäßig Werbebotschaften aufsagen, ohne dass sie das steuern kann. Zahlen oder Werbung. So läuft es nun mal.“
Görrle blickt zur Uhr und klatscht in die Hände: „So, Dennis, wir öffnen“, ruft sie in den Raum nebenan, wo ein Ehrenamtlicher den Telefonservice übernimmt. Wir dürfen zuhören.
Dennis hat sofort einen jungen Mann in der Leitung, der sich vor Monaten von einem KI-Tool hat helfen lassen. Es ging um einen Glückwunsch-Brief zum 80. Geburtstag seiner Oma. „Meiner sehr reichen Oma“, ergänzt der Anrufer zerknirscht. „Der Brief ist echt gut geworden, Oma hat sich sehr gefreut.“
Wo ist das Problem? Nun, als kürzlich die Frage „Mit oder ohne Werbung“ kam, entschied sich der KI-Kunde zwar für die monatliche Gebühr: „Leider ist mein Konto öfter mal im Dispo. Und ich hab wohl ’ne Mahnung übersehen“, gibt der Azubi zu.
Cheat GPT
Was machte die KI? Sie schickte seiner Oma Auszüge aus einem Chat mit seinem Bruder: „Hoffentlich stirbt die Scheintote bald. Ich brauch megaschnell die Kohle.“ Das war’s dann mit dem Erbe. Jetzt soll die KI alles bekommen. So schnell regelt die Intelligenz ihre Inkasso-Probleme.
Ein älterer Herr betritt das Beratungslokal. „Ihr seid doch die KI-Firma, ja?“, schreit er. „Ich will mein Geld zurück!“ Es dauert eine Weile, bis er versteht, wo er hier ist. Dann berichtet er. Er habe nicht eingesehen, für einen Monat zu bezahlen, in dem er die KI gar nicht genutzt hat. Also ignorierte er mehrere Zahlungsaufforderungen.
Schließlich rief gestern seine aufgelöste Nichte an: Sie habe einen Unfall mit Todesfolge verursacht und brauche 30.000 Euro. „Ich dachte sofort: Enkeltrick! Und legte auf. Dann rief ich meine Nichte an, um zu hören, ob alles okay sei. Aber sie war wirklich aufgelöst und offenbar in einem Polizeiwagen. Also habe ich das Geld abgehoben und einem Kurier übergeben. Aber als ich meine Nichte abends auf dem Festnetz anrief, um zu hören, ob sie wieder frei ist, wusste sie nicht, wovon ich rede.“
KI kann Enkeltrick perfekt
Frau Börrle nickt: „Leider beherrscht die KI den Enkeltrick inzwischen besser als die Kriminellen.“ Sie füllt mit dem Mann ein Formular aus, obwohl beide wissen, dass es so sinnlos ist wie das Melden eines gestohlenen Fahrrads.
Während der folgenden zwei Stunden erleben wir viele solcher Schicksale. Ein Siebtklässler bemängelt einen Schulaufsatz, in den die KI Werbung für Ozempic eingefügt hat, was der übergewichtige Deutschlehrer überhaupt nicht lustig fand. Ein Routenplaner führte einen säumigen Zahler absichtlich auf den Feldberg im Schwarzwald statt in die Feldberger Seenlandschaft in Mecklenburg.
Die anfängliche Begeisterung für KI scheint zu kippen, seit die Leistungen etwas kosten. Aber bei vielen Verbraucherinnen und Verbrauchern ist die Abhängigkeit weit fortgeschritten.
Zwei Wochen nach unserem Besuch rufen wir Gabriele Börrle zum Abstimmen der O-Töne an. Mit viel Empathie lobt sie unser Interesse und plaudert über die neuesten Entwicklungen. Doch mitten im Gespräch fragt sie, ob wir eigentlich schon den neuen Saugroboter „Cleanman 3000“ hätten. Der sei großartig und koste bis heute Abend ausnahmsweise nur 499 Euro. Wir legen sofort auf.
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