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Monday, October 26, 2026

Dschingis-Khan-Ausstellung Berlin: Dschingis-Diplomatie

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Auf der Berliner Museumsinsel eröffnet eine Ausstellung zum 800. Todestag Dschingis Khans. Ohne den Titelhelden, aber mit europäisch-asiatischer Geopolitik.

Steffen Greiner

Es war in den letzten Wochen so viel von Steigbügeln die Rede, dass man die effiziente Eleganz des Dings an sich fast vergessen hat. Nachholen kann man das nun in einer neuen Ausstellung auf der Berliner Museumsinsel. Steigbügel in allen Formen aus mehreren Jahrhunderten liegen seit dieser Woche in den Vitrinen, sogar en miniature in Gold als Grabbeigabe, erzählen vom engen Verhältnis nomadischer Steppenvölker zu ihren Tieren.

So viele Steigbügel, so wenige Halter. Vielleicht, weil die hochmittelalterlichen mongolischen Reiterkrieger, anders als deutsche Faschisten, ganz gut ohne Hilfe aufs Pferd kamen.

„Dschingis Khan und die Welt der Mongolen“ heißt die Ausstellung in der James-Simon-Galerie, die am Dienstag mit einem Festakt im Rahmen des Staatsbesuchs des Präsidenten der Mongolei, Uchnaagiin Chürelsüch, eröffnet wurde – dabei ist ausgerechnet der Titelheld dezent abwesend. „Wir haben nichts“, gibt der Landesarchäologe und Direktor des Museums für Vor- und Frühgeschichte, Matthias Wemhoff, in seiner Eröffnungsrede zu.

Die Ausstellung

„Dschingis Khan und die Welt der Mongolen“. James-Simon-Galerie, Berlin, bis 18. April 2027.

Es gibt ja auch nichts – das Grab ist unentdeckt, es existiert kein authentisches Porträt, das den legendären Feldherren und Begründer des größten je existierenden Landreichs der Weltgeschichte zeigt. Die Plakate schmückt eine goldene Monumentalstatue aus dem Dschingis-Khan-Nationalmuseum in Ulaanbaatar – von 2025. Aber Dschingis Khans Todestag liegt 2027 eben 800 Jahre zurück, und überhaupt: Wenn ein Name aus der zentralasiatischen Geschichte Publikum anlockt – dann ja wohl dieser.

Dschingis Khan – „ozeangleicher Herrscher“

Der nomadische Häuptlingssohn Temüdschin aus dem Tal des Flusses Onon, der später Dschingis Khan genannt wird – „ozeangleicher Herrscher“ – vereinte zuerst die Stämme der mongolischen Steppe, ehe er 1206 ein Reich begründete, das vom Ostchinesischen Meer bis zum Kaspischen reichte – seine Nachfolger sollten es sogar noch deutlich nach Süden und Westen erweitern.

Dabei ist seine Macht sogar in historischen Klimadaten nachweisbar: Dass die Mongolen bis zu einem Drittel der Bevölkerung Asiens massakrierten, senkte den CO2-Gehalt der Atmosphäre. Allerdings ist er eben nicht nur der brutale Schlächter, als der er in Europa in Erinnerung ist – im Gegenteil, er befriedet umkämpftes Gebiet, erlässt Religionsfreiheit und schafft Gleichheit vor dem Gesetz.

Von der „Pax Mongolica“ profitiert nicht zuletzt Europa – der Reichtum der italienischen Städte basiert vor allem auf dem freien Handel zwischen Fernost und der Krim. Ohne die angeblich teuflischen Tataren, die 1241 an der Grenze zum Deutschen Reich standen, gäbe es wohl keine Renaissance.

Was die Ausstellung spannend macht, ist eher, wie sie das Bewusstsein für Zusammenhänge und Brüche der Geschichte schärft

Die kollektive Assoziation ist heute aber vor allem ein Schlager. „Auf Brüder! Sauft Brüder! Rauft Brüder! Immer wieder!“, heißt es da. Das Klischee frühstückt die Ausstellung gleich zum Einstieg ab: In Videoprojektionen in geübt antiquierter „Terra X“-Ästhetik galoppieren noch einmal monströse Reiterheere – und in der Tat, die Gegenüberstellung der schweren europäischen und der leichten mongolischen Rüstung, der Sättel, der Bögen ist eindrucksvoll.

Wie die Überbleibsel zerstörter Klöster, die ebenfalls ausgestellt werden. Europa ist den Angreifern fast wehrlos ausgeliefert. Doch die Heere drehen überraschend ab, gut 250 Kilometer vor Berlin endet der Mongolensturm – in Fernost ist der Großkhan gestorben, ein Nachfolger muss gewählt werden.

Dann macht die Ausstellung einen Sprung durch Zeit und Raum. Oldschool könnte man das nennen, wie die Macher in der Darstellung der Reiche und Ethnien aus der Steppe auf den Zauber des Kulissenbaus setzen. Der Weg in die Halle führt durch einen rekonstruierten Grabgang mit prächtigen Grabbeigaben aus Shoroon Bumbagar (7. Jahrhundert). Selbstverständlich gibt es auch eine Jurte.

Weites Handelsnetz und religiöse Vielfalt

Über das Umfeld des Dschingis Khan wandert der Fokus dann zu seiner Hauptstadt Karakorum – dass ein so umfangreiches Reich nicht vom Rücken eines Pferdes zu managen ist, ahnte der nomadisch lebende Herrscher und zentralisierte hier Wirtschaft und Verwaltung. Fundstücke zeigen das weite Handelsnetz und auch die religiöse Vielfalt dieser Stadt.

Besonderes Highlight ist ein Fragment der Gründungsstele, das die Kuratoren aus Ulaanbaatar leihen konnten – bilingual ist ihre Inschrift, auf Chinesisch und in der im Auftrag des Khans entwickelten mongolischen Schrift. Insgesamt ist es allerdings keine Ausstellung der überwältigenden Objekte – obwohl vieles erstmals außerhalb der Mongolei gezeigt werden darf. Es dominieren Alltagsgegenstände, besonders seltene Objekte wie goldenen Passierscheine sind nur in Kopie zu sehen.

Was die Ausstellung spannend macht, ist eher, wie sie das Bewusstsein für Zusammenhänge und Brüche der Geschichte schärft und historische Räume neu ordnet: Die Uiguren werden derzeit vor allem als Opfer eines mutmaßlichen Ethnozids wahrgenommen – hier treten sie als imperiale Macht aus der Steppe auf, Vorgänger des Mongolenreichs.

Einfluss der mongolischen Goldenen Horde

Auch die osteuropäische Zeitgeschichte, sagt Landesarchäologe Wemhoff in der Pressekonferenz vor der Eröffnung, sei durch das mongolische Reich geprägt: Dass sich die Ukraine und Russland unterschiedlich entwickelten, sei auch eine Folge des uneinheitlichen Einflusses der mongolischen Goldenen Horde.

Wemhoffs Eröffnungsrede in Anwesenheit des mongolischen Präsidenten spart das Feld nun aus, vielleicht aus Rücksicht auf den Gast – Chürelsüch machte 2024 negativ von sich reden, als er seinen international gesuchten russischen Gegenpart empfing. Dabei ist die Mongolei als einzige einigermaßen stabile Demokratie im zentralen Asien geopolitisch auch in denkbar undankbarer Lage: Sie grenzt an nur zwei Länder, die autoritär geführten Großmächte Russland und China.

Dschingis Kahn als „Friedensbringer“

Naheliegend, dass Chürelsüch beim Festakt von Dschingis Kahn als Friedensbringer spricht, der „Jahrhunderte Krieg zwischen Ost und West“ beendete und dessentwegen „Europa und Asien friedlich zusammenleben“ könnten. „Diesmal sind die Mongolen tatsächlich nach Berlin gekommen“, hat Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in seiner Rede zuvor das Ganze ironisch volley genommen.

Im Grunde betreibt die Mongolei mit einer staatlich so massiv unterstützten Ausstellung Dschingis-Diplomatie – ähnlich wie China mit seinen Pandas. Das Nationalmuseum schickt goldene Miniatursteigbügel, im Gegenzug besuchen demnächst wohl ein paar antike Skulpturen von der Museumsinsel Ulaanbaatar.

Im Hintergrund sichert sich Deutschland Rohstoffe in der mongolischen Steppe und die Mongolei gewinnt ein wenig Sicherheit in der von Präsident Chürelsüch beschworenen „engen wertebasierten Freundschaft“ und bleibt, wäre zu hoffen, Teil der demokratischen Achse. Dschingis Khan, der Kriegsverbrecher mit dem goldenen Händchen für die Macht von Organisation und Zusammenhalt, hätte das sicher gutgeheißen.

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