«Ich will Veränderung»: So wählen US-Amerikaner in der Schweiz

- Die Unzufriedenheit mit Donald Trump motiviert Auslandamerikaner in der Schweiz, bei den Midterms zu wählen.
- Martin (54) wählt zum ersten Mal, Ina (54) setzt trotz Zweifeln an ihrer Staatsbürgerschaft ein Zeichen.
- Francie (57) unterstützt dagegen die Republikaner, weil sie deren Wirtschafts- und Migrationspolitik überzeugt.
Schon Tage vor den Midterm Elections am 3. November strömen Menschen in die Wahllokale, um ihre Stimme abzugeben. Doch nicht nur Amerikanerinnen und Amerikaner in den USA wählen Kandidierende fürs Repräsentantenhaus, den Senat und lokale Behörden: Auch Auslandamerikanerinnen und -amerikaner wurden zur Wahl aufgerufen.
In der Schweiz leben Tausende US-Bürgerinnen und -Bürger. Auf den Aufruf von 20 Minuten meldete sich eine Handvoll Personen. Jene, die für ein ausführlicheres Gespräch zur Verfügung standen, gaben an, überwiegend oder ausschliesslich demokratisch gewählt zu haben. Dies ist nicht repräsentativ.
Simon (32): «Ich kann mich mit der aktuellen Politik nicht identifizieren»
Simons Mutter stammt aus Boston, seine Grosseltern leben in Florida. Er selbst studierte einige Jahre in den USA. Das Land ist Teil seiner Identität – politisch fühlt er sich ihm derzeit jedoch nicht besonders verbunden: «Ich kann mich mit der aktuellen Politik nicht identifizieren.»
Die Wahlunterlagen erhielt er vor einigen Wochen aus Massachusetts, dem letzten Bundesstaat, in dem er registriert war. Das Wahlpaket umfasste sechs Seiten: eine Seite mit den Kandidaturen für zwölf Wahlen in seinem Wahlkreis – darunter für den Kongress sowie lokale Ämter wie Richter, Staatsanwalt und Kassier – sowie zehn Volksinitiativen. Hinzu kamen ein Affidavit und ein Online-Voting-Release-Formular. «Informationen zu den Kandidatinnen und Kandidaten enthielten die Unterlagen nicht», so Simon.
«Auch bei den Republikanern sehe ich berechtigte Anliegen»
Die Midterms sind für Simon dennoch eine Möglichkeit, der aktuellen Regierung etwas entgegenzusetzen. Als Auslandamerikaner fühlt er sich aber von keiner Seite richtig vertreten: «Auch bei den Republikanern sehe ich berechtigte Anliegen. Mit deren Umsetzung bin ich aber absolut nicht einverstanden.»
In seinem Freundes- und Arbeitskreis seien die Wahlen zuletzt oft Thema gewesen. «Ich habe gemerkt, dass viele ihr Stimmrecht nicht wahrnehmen. Gerade in der aktuellen politischen Situation wäre das doch unglaublich wichtig», appelliert er.
Martin (54): «Diese Midterms sind die ersten, bei denen ich wählte»
Martin lebt seit jeher in der Schweiz. Weil sein Vater ursprünglich aus Montana stammt, besitzt er die Doppelbürgerschaft. «Bisher habe ich mein Stimmrecht aber nie ausgeübt», erzählt er. «Diese Midterms sind die ersten, bei denen ich gewählt habe.»
Die Unterlagen zu organisieren und sich über die Kandidierenden zu informieren, empfand er als aufwendig. «Ich musste mir mein Wahlcouvert sogar selbst basteln – dazu gab es typisch amerikanisch eine Bildanleitung.»
Weil er in der Schweiz lebt, sah Martin lange keinen Grund zu wählen: «Ich lebe nicht dort und muss nicht mit den Konsequenzen leben. Dazu kenne ich auch viele der lokalen Kandidaten gar nicht.» Mit Präsident Donald Trump änderte sich diese Einstellung. «Es ist wichtig, dass sich etwas ändert. Ich wünsche mir, dass alle Amerikaner den Mut aufbringen, etwas zu verändern.»
Francie (57): «Ich war auch Einwanderin und musste mich an die Regeln halten»
Francie wanderte in jungen Jahren in die USA aus und wurde dort eingebürgert. Rund 20 Jahre lebte sie in Los Angeles, bevor sie aus familiären Gründen in die Schweiz zurückkehrte. «Ich fühle mich noch immer verbunden», sagt sie, «auch meine Kinder sind amerikanische Staatsbürger.» An Midterms und Präsidentschaftswahlen gibt sie deshalb jeweils ihre Stimme ab.
Politisch steht Francie den Republikanern nahe. Besonders bei der Wirtschaftspolitik entsprächen sie eher ihren Werten. «Ich war in den USA lange selbstständig, die Republikaner gaben mir dabei mehr Freiheiten», sagt sie bestimmt. Weniger Steuern und weniger Staat – das entspreche ihren Überzeugungen. Auch beim Thema Einwanderung vertritt sie einen strikten Kurs: «Ich war selbst Einwanderin. Gerade deshalb finde ich, dass man sich als Gast an die Regeln eines Landes halten sollte.»
Mit den Republikanern stimmt Francie in vielen Punkten überein, zu Trump meint sie: «Er ist kein traditioneller Politiker, es gefällt mir, dass er aus der Wirtschaft kommt.» Sie sei zwar nicht mit allem, was Trump mache, einverstanden, sagt sie: «Aber beide Seiten, Republikaner und Demokraten, haben ihre Schwachstellen.» In der Schweiz sei diese Meinung wenig populär. «Man hört viel Negatives über die USA und viel zu wenig über das, was in Trumps Amtszeit positiv lief.» Damit meint sie etwa den Rückgang von illegaler Migration. «Viele Schweizer bekommen gar nicht mit, was in den USA wirklich passiert», ist sie überzeugt.
Alex (47): «Ich hoffe auf einen deutlichen Sieg»
Am Telefon klingt Alex vorsichtig optimistisch, dass die Demokraten sowohl im Repräsentantenhaus als auch im Senat die Mehrheit erringen können: «Ich hoffe auf einen klaren Sieg», sagt der gebürtige New Yorker, der seit 2010 in der Schweiz lebt. «Als jemand, der an der Universität Politikwissenschaft studiert hat und in den USA ausgebildeter Jurist ist, verfolge ich die US-Politik sehr aufmerksam», sagt Alex. «Obwohl ich viel entspannter wäre, wenn ich das nicht täte», scherzt er.
«Ich habe das Gefühl, dass die Wähler Trump endlich satt haben»
Seinen Briefwahlzettel hat er bereits ausgefüllt und per Post zurückgeschickt – ein Vorgang, den er als «äusserst einfach» bezeichnete. Neben der Hoffnung auf eine landesweite Niederlage der Republikaner hofft Alex, dass die Zwischenwahlen ein Schritt zur Wiederherstellung eines Gefühls relativer Vernunft in der US-Politik sein werden. «Die USA haben ein Zweiparteiensystem. Dass eine der beiden Parteien im Wesentlichen als Sprachrohr für die persönlichen Wünsche von Donald Trump fungiert, verhindert, dass das System ordnungsgemäss funktioniert», meint er.
Am 3. November wird Alex die Ergebnisse mit Spannung verfolgen, insbesondere die Senatswahlen in Maine, Alaska, Michigan und Texas. «Man weiss es erst, wenn alle Stimmen ausgezählt sind, aber ich habe das Gefühl, dass die Wähler Trump endlich satt haben.»
Ina (54): «Ich möchte, dass das Land ein Zeichen setzt»
An allen Präsidentschaftswahlen hat Ina bisher teilgenommen. Midterms liess sie gelegentlich aus – dieses Mal nicht. «Ich möchte, dass das Land ein Zeichen setzt», sagt sie. Besonders der Umgang der USA mit langjährigen Verbündeten wie Kanada bereite ihr grosse Sorgen.
Die Amerikanerin aus New Jersey lebt seit 25 Jahren in der Schweiz. Ursprünglich kam sie hierher, um professionell Basketball zu spielen, heute leitet sie eine internationale Schule. Unabhängig davon könne sie sich derzeit nicht vorstellen, in die USA zurückzuziehen. «Meine Rechte als homosexuelle Frau würden dort an einem seidenen Faden hängen.»
Die politische Entwicklung belaste Ina so sehr, dass sie sogar schon darüber nachgedacht hat, ihre amerikanische Staatsbürgerschaft aufzugeben. Emotional bleibt sie ihrer Heimat dennoch verbunden: «Ich bin eine stolze Amerikanerin, aber politisch schäme ich mich derzeit für mein Land.»
US-Midterms 2026: Alle News zu den Wahlen
Am Dienstag, 3. November, wählen die USA das gesamte Repräsentantenhaus und rund ein Drittel des Senats neu. Die Midterms entscheiden darüber, ob Donald Trumps Republikaner ihre Mehrheiten im Kongress verteidigen können. 20 Minuten berichtet direkt aus den USA.
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Melissa Greiter (mgr) arbeitet seit 2024 für 20 Minuten. Sie ist seit Februar 2025 Redaktorin im Ressort News, Wirtschaft und Videoreportagen.
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