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Tuesday, October 20, 2026

AfD-Kulturpolitik in Sachsen-Anhalt: Mit der Kornblume am Revers

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In Sachsen-Anhalt arbeitet die AfD an einer Romantik-Doktrin. Das Novalis-Zentrum in Oberwiederstedt wehrt sich gegen eine völkische Vereinnahmung.

Die AFD in Sachsen-Anhalt bastelt an ihrer kulturpolitischen Ideologie. Dabei greift sie tief hinein in die reiche Geistesgeschichte des Bundeslandes und entdeckt dabei, dass die Romantik, die maßgeblich in Novalis’ Geburtsort, dem kleinen Oberwiederstedt, ihren Ursprung hat, für populistische Strategien bestens geeignet ist. Denn welcher anhaltische AfD-Biedermann hätte etwas gegen die deutsche Romantik einzuwenden?

So mancher Vertreter des völkischen Flügels hat sich bereits werbewirksam eine blaue Kornblume ans Revers gesteckt. Schließlich präsentierte Chef-Ideologe Hans-Thomas Tillschneider vor ein paar Jahren im Magdeburger Landtag die Versatzstücke für eine völkische Romantik-Doktrin: „In der deutschen Romantik finden wir Deutschen zu uns selbst. Die deutsche Romantik ist die Entdeckung des Volksgeistes und die Entdeckung der Nationalkultur, was erklärt, weshalb sie an Schulen und Universitäten heute kaum noch eine Rolle spielt. Umso wichtiger sind Institutionen außerhalb des staatlichen Bildungsbetriebes, die sich der Romantik annehmen.“

Diese vermeintliche Leerstelle gedenkt die AfD jetzt, nach dem Wahlsieg in Sachsen-Anhalt, zu füllen. Deswegen versteht Tillschneider die AfD als „Partei der Romantik“, denn die Romantiker hätten den „Nationalgedanken gefördert und durchdacht“. Doch die von ihm geforderte „Institution außerhalb des staatlichen Bildungsbetriebs“ gibt es bereits seit 34 Jahren: Das Schloss Oberwiederstedt, in dem der frühromantische Dichter und Philosoph Friedrich von Hardenberg, der sich selbst Novalis nannte, zur Welt kam. Heute befindet sich hier das Novalis-Museum, die Internationale Novalis Gesellschaft, die Forschungsstätte für Frühromantik und die Novalis Stiftung „Wege wagen mit Novalis“. Man fragt sich: Was will Hans-Thomas Tillschneider mehr?

Eigentlich könnten alle Anhalter stolz sein auf das Romantik-Zentrum von Oberwiederstedt unweit der Luther-Stadt Eisleben. Denn nach Jahrzehnten der Vernachlässigung unter der SED-Herrschaft war es ein mühsamer Weg bis zum heutigen Glanz des Schlosses in der Mansfelder Provinz. Einige Wiederstedter erinnern sich noch daran, dass die Tragödie 1945 begann, als die letzten Hardenbergs im Krieg gefallen, in den Suizid getrieben oder in den Westen übergesiedelt waren. In den Nachkriegsjahren wurde das Schloss zu einem Auffanglager, später zu einem Pflegeheim. Der SED-Kulturpolitik, die nur Autoren förderte, die dem Nationalverständnis der DDR entsprachen, galt Novalis als romantischer Phantast einer ehemaligen Adelsschicht.

Eine Privatinitiative verhinderte den Abriss

Viele Einheimische erinnern sich noch an den Elektriker Gerald Wahrlich, der 1988 die „Interessensgemeinschaft Novalis“ – kurz „IG Novalis“ – gründete, um das Oberwiederstedter Schloss vor dem drohenden Abriss zu retten. Nur einem mutigen Hallenser SED-Bezirkschef und der IG Novalis war es zu verdanken, dass die Abbrucharbeiten gestoppt und große Teile des für den Abriss vorgesehenen Budgets für den Wiederaufbau verwendet werden konnte.

War Novalis’ Geburtshaus noch im Frühsommer 1990 in einem erbärmlichen Zustand, so erstrahlte das Schloss zwei Jahre später in frischem Glanz, nachdem das Bundesfinanzministerium anlässlich Novalis’ 225. Geburtstag eine größere Summe für den Wiederaufbau gespendet hatte. In den Folgejahren kamen Landesmittel aus der Magdeburger Staatskanzlei hinzu, Fördergelder flossen von der Deutschen Stiftung Denkmalschutz, während der Landkreis Mansfeld-Südharz bis heute für die laufenden Betriebs- und Personalkosten sowie Bauprojekte aufkommt.

Der Soziologe Steffen Schmidt, der das Novalis-Museum und die Forschungsstätte für Frühromantik im Schloss Oberwiederstedt leitet, freut sich über die Förderung sowie über die guten Verbindungen zum Jenaer Zentrum für Romantikforschung und zum Frankfurter Romantik-Museum. Er betont, dass das Novalis-Zentrum über einen „privilegierten Zugriff auf Bundesmittel“ verfügt und der ehemalige Ministerpräsident Reiner Haseloff Stammgast in Oberwiederstedt war.

Schmidt gibt sich kämpferisch: „Wir sind nicht erpressbar.“ Von einer „beängstigenden Perspektive“ will er nichts wissen. Dennoch weiß er, dass Götz Kubitscheks mittlerweile formell aufgelöstes „Institut für Staatspolitik“ im nahen Schnellroda unter anderem Namen weiterhin eine bedeutende Rolle spielt und dass die AfD im angrenzenden Wiederstadt bei der letzten Landtagswahl 62,9 Prozent der Stimmen geholt hat. Schmidt weiß allzu gut, dass die finanzielle Absicherung in Zukunft ungewiss werden kann. Denn der Landrat für Mansfeld-Südharz könnte die Gelder streichen, wenn sich nach Neubesetzung des Amtes in knapp zwei Jahren die politischen Vorzeichen ändern sollten.

Auch Nietzsche hatte es nicht mit Nationalismus

„Das Novalis-Zentrum bleibt bestehen“, ist Schmidt sich sicher. Derzeit arbeitet er an der neuen Dauerausstellung, die im November beginnt. Im Zentrum stehen Leben, Werk und Wirkung des berühmten Oberwiederstedter Romantikers, besonderes Augenmerk legt Schmidt auf die posthum edierten philosophischen Fragmente.

Vielleicht tun sich ja in der Ausstellung unvermutete Parallelen zu einem anderen Anhalter Schriftsteller und Philosophen auf: Friedrich Nietzsche, der zwei Generationen später in Röcken, in unmittelbarer Nähe von Novalis späterem Wohnort Weißenfels, aufwuchs. Der große anhaltische Aphoristiker, der alles Nationalistische und Patriotische verabscheute, hätte sicherlich begeistert jene Fragmente gelesen, in denen Novalis schrieb: „Das Leben soll kein gegebener, sondern ein von uns gemachter Roman sein.“ Und: „Die Möglichkeit der Philosophie beruht darauf, wahrhaft gemeinschaftlich zu denken. Ist gemeinschaftliches Denken möglich, so ist ein gemeinschaftlicher Wille, die Realisierung großer, neuer Ideen möglich.“

Das ist meilenweit entfernt von Tillschneiders Gefasel von Volksgeist und deutscher Nationalkultur. Es bleibt zu wünschen, dass das Oberwiederstedter Romantik-Zentrum den Widerspruchsgeist dieser beiden anhaltischen Denker wachhält.

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