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Wednesday, October 14, 2026

Prima: Netzhautimplantat soll das Lesen wieder möglich machen

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Ein Chip unter der Netzhaut und eine Kamerabrille können manchen Menschen mit fortgeschrittener altersbedingter Makuladegeneration helfen, wieder Buchstaben und Wörter zu erkennen. Nach zwölf Monaten zeigen Studiendaten deutliche Fortschritte auf der Sehtafel, neue Daten nach drei Jahren deuten auf einen anhaltenden Effekt hin. Was das für das Lesen im Alltag bedeutet und wie sich das System außerhalb der Studie bewährt, bleibt genauer zu untersuchen.

Bei der geografischen Atrophie, einer fortgeschrittenen Form der trockenen altersbedingten Makuladegeneration, sterben lichtempfindliche Zellen im Zentrum der Netzhaut ab. Betroffene verlieren damit das Sehen für feine Details. Sie können etwa wahrnehmen, dass jemand vor ihnen steht, dessen Gesicht aber nicht mehr erkennen. Auch das Lesen wird schwierig.

Das Prima-System soll einen Teil dieses verlorenen zentralen Sehens technisch ersetzen. Ein 2 × 2 Millimeter großer und 30 Mikrometer dünner Chip wird unter die Netzhaut eingesetzt. Eine spezielle Brille nimmt mit einer Kamera Bilder auf und projiziert sie nach der Verarbeitung als Nahinfrarotlicht auf das Implantat. Dessen Fotodioden wandeln das Licht in elektrische Impulse um und stimulieren verbliebene Netzhautzellen. Ohne eingeschaltete Brille bleibt das Implantat wirkungslos.

Auch andere Forschungsgruppen arbeiten an kabellosen Netzhautimplantaten, die mit Nahinfrarotlicht funktionieren. Ein internationales Team um Sedat Nizamoğlu von der türkischen Koç-Universität hatte einen Ansatz vorgestellt, der auf Zinkoxid-Nanodrähten und Nanokristallen beruht. Diese Nanostrukturen wandeln Nahinfrarotlicht in elektrische Impulse um, die verbliebene Nervenzellen der Netzhaut stimulieren sollen. Der Ansatz wurde bislang aber nur an Netzhautmodellen von Ratten getestet. Prima ist dagegen schon an Menschen untersucht worden und in Europa auf dem Markt.

Das Implantat kommt ohne Kabel aus, das aus dem Auge führt. „Überall da, wo Kabel in Bewegung sind, kann es zu Kabelbrüchen kommen“, sagt Ralf Hornig heise online. Er leitet bei Science Corporation das Prima-Projekt und arbeitet seit mehr als 25 Jahren an Retina-Implantaten. Die Anordnung der Elektroden auf dem Chip soll dafür sorgen, dass die Impulse vor allem Zellen in unmittelbarer Nähe stimulieren.

In der klinischen PRIMAvera-Studie erhielten 38 Menschen mit geografischer Atrophie ein Implantat. Nach zwölf Monaten standen noch 32 von ihnen für eine ausgiebige Untersuchung zur Verfügung. 26 dieser 32 Personen erkannten auf einer standardisierten Sehtafel mit dem System mindestens zehn Buchstaben mehr als vor dem Eingriff. Der mittlere Zugewinn betrug mit der Prima-Brille 24,5 Buchstaben, also knapp fünf Zeilen. Wenn die Teilnehmenden für den Test selbst wählten, wie sie sehen wollten, lag der mittlere Zugewinn bei 25,5 Buchstaben. Ohne Prima-Brille blieb die durchschnittliche natürliche Sehschärfe im untersuchten Auge gegenüber dem Ausgangswert unverändert. Die Ergebnisse wurden im New England Journal of Medicine veröffentlicht.

Nach eigenen Angaben konnten 27 der 32 untersuchten Personen zu Hause mit dem System Buchstaben, Zahlen oder Wörter lesen. Das bedeutet nicht, dass alle wieder längere Texte flüssig lesen konnten. Hornig beschreibt die Nutzung des Systems auch als Lernprozess. Nach einer Heilungsphase von etwa vier bis fünf Wochen werde die Brille eingestellt; anschließend übten die Patienten in der Rehabilitation, die neuen Seheindrücke zu nutzen. Manche könnten schon nach wenigen Sitzungen Buchstaben erkennen, andere benötigten länger. Ein Lesemodus bereitet Schrift für die Stimulation als helle Buchstaben vor dunklem Hintergrund auf. Zoom und Kontrast können angepasst werden.

Schach-spielender Mensch mit Lichtschalter im Kopf

Am 5. Oktober 2026 veröffentlichte Science Corporation Daten von Studienteilnehmern, die 36 Monate nach der Implantation erneut untersucht worden waren. Vorgestellt wurden die Ergebnisse auf dem Retina-Fachkongress Euretina in Wien.

Für die Wirksamkeitsauswertung standen Daten von 18 der ursprünglich 38 Implantierten zur Verfügung. In dieser Gruppe betrug der mittlere Zugewinn gegenüber dem Ausgangswert 29 Buchstaben; 14 Personen erreichten mindestens 15 Buchstaben mehr. Für die Sicherheitsauswertung waren 27 Personen auswertbar. Im Zeitraum zwischen Monat 12 und 36 identifizierte das Unternehmen keine neuen Sicherheitssignale oder Risikomuster. Zwar traten nach dem zwölften Monat drei weitere schwerwiegende Ereignisse auf, diese waren jedoch nicht allein auf das Implantat zurückzuführen.

Innerhalb der ersten zwölf Monate erfasste die veröffentlichte Studie bei 19 der 38 Implantierten insgesamt 26 schwerwiegende unerwünschte Ereignisse, die mit dem Eingriff oder dem System zusammenhingen. Keines davon stand laut Studie jedoch ausschließlich mit dem Implantat in Zusammenhang. Vier dieser Ereignisse wurden zusätzlich ihrem Schweregrad nach als schwer eingestuft, darunter ein Makulaloch und eine Netzhautablösung. Die meisten Ereignisse traten kurz nach der Operation auf. „Schwerwiegend“ ist eine regulatorische Kategorie und sagt nichts über die Intensität: 22 der 26 Ereignisse galten als leicht oder mittelschwer.

„Das Prima-Implantat kann die Krankheit nicht aufhalten“, sagt Hornig. Die Atrophie kann weiter fortschreiten; Prima soll stattdessen einen Teil des verlorenen zentralen Sehens dauerhaft ersetzen. Das vorhandene natürliche Sehen außerhalb dieses Bereichs soll weiterhin nutzbar bleiben.

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Seit Ende Juli 2026 ist Prima mit einer von der Prüfstelle DEKRA erteilten CE-Kennzeichnung in Europa auf dem Markt. Sie gilt laut Mitteilung von Science Corporation in 30 europäischen Ländern; in den USA läuft die Prüfung durch die FDA noch. Als weltweit erste Klinik seit der Zulassung hat das Universitätsklinikum Schleswig-Holstein in Lübeck den Chip einer Patientin implantiert. Krankenkassen bezahlen die Behandlung nicht automatisch. Hornig zufolge sind derzeit für einzelne Patienten Genehmigungen zur Kostenübernahme nötig.

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